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Cancel Culture Club

„Der letzte Tango in Paris“: Filmkunst auf Kosten der Menschenwürde

Bejubelt, verdammt, verboten und für den Oscar nominiert: Bernardo Bertoluccis „Der letzte Tango in Paris“ von 1972 gilt als Skandalfilm und vielschichtiges Meisterwerk.

Friedlich döste er jahrzehntelang zwischen anderen Kino-Klassikern vor sich hin, als es 2016 plötzlich wieder ganz laut wurde um den Film, genauer, um eine Vergewaltigungsszene, noch genauer, um die Hintergründe dieser Szene. Was war da genau los und wie steht es heute um „Der letzte Tango in Paris“?

Der Artikel ist Teil der Reihe „Cancel Culture Club“, in der wir uns Filmen aus der Vergangenheit widmen – und diese aus heutiger Perspektive neu verhandeln.

Die naive und neugierige, aber nicht unschuldige Jeanne in "Der letzte Tango in Paris". Foto: Imago Images/United Archives
Die naive und neugierige, aber nicht unschuldige Jeanne in „Der letzte Tango in Paris“. Foto: Imago Images/United Archives

Es sind die 70er und wir sind in Paris.

Der Amerikaner Paul (Marlon Brando) ist 45 Jahre alt und besitzt ein Hotel. Seine Ehefrau hat Selbstmord begangen, man weiß nicht warum. Aber sie hat ihn eben allein gelassen und zudem jahrelang mit einem Hotelgast betrogen. Das alles macht den Mann ziemlich verbittert, frauenverachtend und selbstmitleidig (lieblose Kindheit mit Alkoholiker-Eltern hat er auch gehabt).

Empathie scheint Paul nie so richtig entwickelt zu haben. In einem Anklagemonolog am Sterbebett seiner Frau sagt er: „Selbst wenn ein Ehemann einhundert, zweihundert Jahre alt werden sollte, wird er niemals im Stande sein, das wahre Wesen einer Frau zu erkennen.“

Ja ja, die Frau als ewiges Geheimnis – das sämtliche Dichter, Literaten und Regisseure dieser Welt niemals zu begreifen vermochten. „Wie soll so ein selbstbezogener Macho wie du überhaupt jemanden erkennen?“, möchte man zumindest Paul sanft, aber bestimmt ins Ohr flüstern.

Dieser Mann ist jedenfalls voller Schmerz, und irgendjemand muss ja dafür büßen.

Bei einer Wohnungsbesichtigung trifft er auf die unbedarfte, 20 Jahre alte Jeanne. Zwischen den beiden entsteht eine Spannung, die sich noch an Ort und Stelle sexuell entlädt. Danach ist Jeanne dem vulgären, deutlich älteren, wenn auch nicht unattraktiven Zyniker verfallen.

Vielleicht, weil sie auf seine überwältigende Männlichkeit steht. Vielleicht, weil seine Idee, sich nur zum Sex in der Wohnung zu treffen und sich nichts voneinander zu erzählen, auch irgendwie eine verlockende, abenteuerliche Weltflucht ist.

„Der letzte Tango in Paris“ – ein Meisterwerk über emotionale Abhängigkeit und toxische Männlichkeit

Und Jeanne, die Tochter aus gutem wie strengen Hause, hat auf ein bürgerliches Erwachsenenleben nicht so richtig Lust. Auch nicht auf ihren Freund, der sie zu seinem Filmprojekt macht. Also eigentlich nutzen die Männer Jeanne auf ihre jeweilige Art für die eignen Bedürfnisse aus.

Aber immerhin muss sie nicht als bloßes Opferlamm den ganzen Film über herhalten, steigt aus dem Projekt ihres Freundes aus und wehrt sich zunehmend gegen Pauls Demütigungen.

So richtig kommt sie von ihm jedoch nicht los, so richtig verstehen tut man das nicht. Aber sie ist zu sehr in dieser Abhängigkeitsbeziehung gefangen. In „Der letzte Tango in Paris“ inszeniert Bertolucci die Dynamiken zwischen den beiden meisterlich: mit einem heftigen Mix aus Sex, Liebessehnsucht, Verspieltheit und Unterdrückung.

Jeanne und Paul strengen sich gerade an, den Orgasmus durch Einbildungskraft zu erreichen. Foto: imago images/Ronald Grant
Jeanne und Paul strengen sich gerade an, den Orgasmus durch Einbildungskraft zu erreichen. Foto: Imago Images/Ronald Grant

Auch wenn Paul ein Kotzbrocken ist und man Jeanne manchmal einfach nur schütteln möchte – „Der letzte Tango in Paris“ ist nach wie vor aktuell, zeigt er uns doch die tragischen Auswüchse toxischer Männlichkeit, devoter Weiblichkeit und narzisstischer Beziehungen. Wollte man so eine Geschichte heute konstruktiver erzählen, würde Paul seine Probleme beim Psychologen und nicht an seinem Umfeld abarbeiten. Jeanne würde ihn nicht erschießen, weil sie sich von ihm bedroht fühlt, nachdem sie tatsächlich Schluss gemacht hat, sondern zur Polizei gehen.

Sowas gibt’s aber bei Bertolucci nicht. Der bewegt sich an der Schmerzgrenze. Problem ist nur, dass er sie im wirklichen Leben übertreten hat.

Und zwar bei der berüchtigten Vergewaltigungsszene, in der Paul seine Geliebte während einem Gespräch auf den Bauch dreht, ihr die Hose runterzieht und etwas Butter zwischen ihre Beine reibt, um dann in sie einzudringen. Sie wehrt sich, kommt aber nicht gegen ihn an. Jeanne weint verzweifelt.

Manipulationen zwischen Regisseur und Schauspielerin

Widerwärtige Szene, intensiv gespielt, denkt man. Das Perfide daran ist, dass man nicht nur Jeanne, sondern auch Maria Schneider beim Weinen zusieht. 2007 erzählte die mittlerweile verstorbene Schauspielerin der britischen Zeitung „Daily Mail“, dass sie erst kurz vor dem Dreh von der Szene erfuhr und ziemlich wütend darüber war, sich aber fügte. Es waren eben der große Bertolucci und der große Marlon Brando. Die Penetration war nicht real, dennoch habe sie sich gedemütigt gefühlt und echte Tränen geweint.

Damals hatten ihre Schilderungen aber keine hohen Wellen geschlagen, weil grenzüberschreitendes Verhalten bei bedeutenden Regisseuren zwar nicht korrekt war, aber irgendwie auch dazugehörte.

Am Vorabend der MeToo-Bewegung nicht mehr. Ein Video von Bertolucci tauchte 2016 aus der Versenkung wieder auf, in dem er vor Filmstudis über diese Szene spricht. Die sei im Skript gestanden, nur, was Brando genau tun würde und dass er Butter benutzen würde, hätten sie ihr nicht verraten.

Schneider, Bertolucci und Brando bei Drehbesprechungen zu "Der letzte Tango in Paris". Foto: imago images / Ronald Grant
Schneider, Bertolucci und Brando bei Drehbesprechungen zu „Der letzte Tango in Paris“. Foto: Imago Images/Ronald Grant

Warum? Weil Bertolucci die Reaktion des 19 Jahre alten Mädchens und nicht der Schauspielerin Schneider sehen wollte, wie er weiter erzählt. Abstoßender hätte es selbst Paul nicht sagen können. Immerhin gab sich der Großmeister reumütig, sei sich seines missbräuchlichen Verhaltens und seiner Schuld gegenüber Schneider bewusst. Sie wurde vor und hinter der Kamera Opfer von Machtgefälle und Manipulation.

Heiligt der künstlerische Zweck alle Mittel?

Und wer denkt, das sei ein Ding von früher, als die Regie-Patriarchen eben ohne Kompromisse drehten und man die Überzeugung vertrat, künstlerischen Authentizität erfordere Opfer, selbst wenn es die Menschenwürde sein muss – der braucht nur in das Programm der Berlinale 2020 zu schauen. Da lief nämlich „DAU.Natasha“ des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovskiy im Wettbewerb.

Hervorgegangen ist der Film aus dem größenwahnsinnigen Projekt DAU, wofür Khrzhanovskiy jahrelang in einer eigens errichteten stalinistischen Filmstadt nur mit Laiendarsteller*innen drehte – ohne Drehbuch.

Eine von ihnen, die Protagonistin Natasha, darf sich dann auch in einer Szene in einem Geheimdienstverhör von einem KGB-Agenten, „gespielt“ von einem EX-Agenten, ganz authentisch demütigen und eine Flasche in die Vagina schieben lassen.

Selbst Profis glotzen noch ganz romantisch auf die Leinwand

Abgesehen von der Frage, warum man sich immer wieder sexuellen Missbrauch an Frauen in langen, kaum erträglichen Szenen auf der Leinwand angucken soll, stehen da reale Missbrauchsvorwürfe der Beiteiligten im Raum. Diese und die Frage nach künstlerischem Mehrwehrt einer solchen Authentizität kamen damals hierzulande erst durch eine Recherche der „taz“ auf. In Russland ist der Film verboten.

Als ein „radikales Kino zwischen Fiktion und Realität“ priesen dagegen die Verantwortlichen bei der Berlinale den Film an. Es scheint, dass selbst Profis, selbst nach allen möglichen Skandalen, bei einer „provokativ-grenzüberschreitende Erzählung über den Kampf um Macht und Liebe“ romantisch auf die große Leinwand glotzen und sich an ganz großer Filmkunst erregen.

Dabei könnte man doch heute eine Sache für den Film gelernt haben, die gerade beim Dating als oberste Regel gilt: Achte auf die Red Flags! Und radikale Grenzüberschreitungen sind ein ganz deutliches Alarmsignal, genauer hinzuschauen.


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Der skandalöseste deutsche Film ist wohl der „Schulmädchen-Report“. Den haben wir nochmal genauer unter die Lupe genommen, ebenso wie die Apfelkuchenbumser von American Pie. Was hat Michael Bully Herbigs „(T)Raumschiff Surprise“ der deutschen Komödie an sich und dem Bild vom schwulen Mann im Besonderen eigentlich angetan? Auch „Quax in Afrika“ mit Heinz Rühmann wäre heute wohl anders geschrieben worden – und nicht als NS-Komödie, die ein „Buschvolk“ verhöhnt. Und würde man über die Rassismus-Satire bei „Otto – Der Film“ heute auch noch lachen?