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Interview

Devrim Lingnau Islamoğlu über „Hysteria“: „Die politische Realität macht mir Angst“

„Die Kaiserin“-Star Devrim Lingnau Islamoğlu spielt in „Hysteria“ von Mehmet Akif Büyükatalay eine junge Regieassistentin, die mit ihrem eigenen internalisierten Rassismus konfrontiert wird. Das aufrüttelnde Drama lief dieses Jahr auf der Berlinale, wo Devrim Lingnau Islamoğlu als European Shooting Star ausgezeichnet wurde. Im tipBerlin-Interview spricht sie über eigene Rassismuserfahrungen, die aktuelle Migrationsdebatte und über Koranverbrennungen.

Devrim Lingnau Islamoğlu spielt in „Hysteria“ die junge und verunsicherte Regieassistentin Elif. Foto: Filmfaust

„Hysteria“-Darstellerin Devrim Lingnau Islamoğlu: „Ich habe viel mit der Hauptfigur Elif gemeinsam“

tipBerlin Wie bist du zu „Hysteria“ gekommen?

Devrim Lingnau Islamoğlu Mehmet und ich, wir sind uns schon ganz lange auf Instagram gefolgt, bevor wir uns kennengelernt haben. Also man hatte sich schon auf dem Schirm. Ich hatte seinen ersten Film “Oray” auch schon gesehen. Und dann hat er sich irgendwann “Die Kaiserin” angeguckt und hat mich zum Casting für sein neues Projekt eingeladen. Wir kannten uns da zwar noch gar nicht, aber seitdem sind wir ganz eng befreundet und hatten diese Connection von Sekunde eins an.

tipBerlin Glaubst du, dass er dich speziell für die Rolle gesehen hat? Die Rolle von Elif scheint recht nah an deiner persönlichen Lebensgeschichte dran.

Devrim Lingnau Islamoğlu Das kam erst, als ich in das Projekt gekommen bin. Das war am Anfang noch eine ganz andere Figur, als wir sie jetzt im Film sehen. Die war da noch polnisch-deutsch und hatte auch einen anderen Namen. Aber es hat sich dann schnell rausgestellt, dass wir eigentlich unsere beziehungsweise meine Geschichte erzählen müssen. Ich habe viel mit der Hauptfigur Elif gemeinsam, etwa, dass wir in zwei verschiedenen Welten, in der türkischen Community und in der deutschen Community, die Codes kennen und zurechtkommen, aber trotzdem immer die Frage von Zugehörigkeit offen bleibt. Die Figur Elif ist nah an mir dran, ja.

In „Hysteria“ von Mehmet Akif Büyükataly ist niemand frei von Vorurteilen. Foto: Filmfaust

tipBerlin Was hat dich an dem Drehbuch und an der Rolle so angesprochen?

Devrim Lingnau Islamoğlu Mich hat angesprochen, dass Mehmet so offen war, mit mir gemeinsam diese Figur auszuarbeiten. Abgesehen von meiner eigenen Figur fand ich aber auch das Projekt sehr interessant. Dass man in eine Subkultur muslimisch sozialisierter Menschen eintaucht, die aber aus ganz unterschiedlichen muslimischen Kontexten kommen und verschiedene Standpunkte vertreten. Und die Auseinandersetzung damit haben wir im deutschen Kino so noch nie gesehen.

Devrim Lingnau Islamoğlu: „Meistens sieht man entweder gewalttätige Männer oder unterdrückte Frauen“

tipBerlin Meistens sehen wir ja Stereotype.

Devrim Lingnau Islamoğlu Ja, es gibt türkische Rollen oder muslimische Rollen, die aber dann meistens nur verschiedene Stereotypen darstellen. Meistens sieht man dann entweder gewalttätige Männer oder unterdrückte Frauen. Und mit Stereotyp meine ich ein Abziehbild, was nicht unbedingt rassistisch motiviert sein muss, aber was deswegen ein Stereotyp ist, weil es keine Tiefe hat und die Figuren unterkomplex dargestellt werden. Diese Komplexität haben alle Figuren in Mehmets Filmen und sie machen muslimisches Leben in Deutschland in seiner Vielfältigkeit und Unterschiedlichkeit erstmals sichtbar.

Serkan Kaya, Nicolette Krebitz und Devrim Lingnau Islamoğlu in „Hysteria“. Foto: Filmfaust

tipBerlin Du bist mit einem türkischen Vater und einer deutscher Mutter aufgewachsen. Sprichst du selbst türkisch?

Devrim Lingnau Islamoğlu Ja, nicht perfekt, aber ich spreche Türkisch.

tipBerlin Du sprichst ja auch im Film nicht perfekt Türkisch.

Devrim Lingnau Islamoğlu Ja, ich habe auch Fehler gemacht im Film. Ich wollte sie aus Eitelkeit korrigieren, aber Mehmet wollte das so lassen. Und er hat Recht, diese Fehler gehören zur Wahrheit der Figur.

tipBerlin Du bist in Mannheim aufgewachsen, die Stadt hat eine sehr große türkeistämmige Community. Warst beziehungsweise bist du Teil dieser Community?

Devrim Lingnau Islamoğlu Nicht so sehr, wir haben nie wirklich in der türkischen Community in Mannheim stattgefunden. Das hat auch was mit Privilegien zu tun. Dafür, dass ich mit einem türkischen Vater aufgewachsen bin, aber eine weiße Mutter habe und auch selber weiß gelesen werde, bin ich sehr privilegiert aufgewachsen. Für mich war es manchmal traurig, dass ich nicht wirklich Zugang zur türkischen Community hatte, weil ich zum Beispiel auf einem evangelischen Gymnasium war. Viele migrantische Kinder, die kein deutsches Elternteil haben, werden pro forma nicht aufs Gymnasium geschickt. Du brauchst Eltern oder ein soziales Umfeld, das sich für dich und für deine Bildung einsetzt, damit du Bildungschancen hast.

Devrim Lingnau Islamoğlu spielt Elif, die merkt, dass sie auch als Deutsch-Türkin nicht frei von Rassismus ist. Foto: Filmfaust

tipBerlin Devrim ist ein türkischer Vorname, du selbst wirst als weiße Frau gelesen. Hast du damit Diskriminierung erlebt?

Devrim Lingnau Islamoğlu Ich selber habe keinen offenkundigen Rassismus erfahren, aber manchmal war ich dabei, wenn mein Vater irgendeinen dummen Spruch gedrückt bekommen hat. Mein Vater ist Schildermacher und hatte einen Laden in Mannheim, und manchmal klebten da „Ausländer raus“-Aufkleber auf der Tür. Aber ich persönlich habe nie Anfeindungen erlebt.

tipBerlin In “Hysteria” spielen Religion und Gläubigkeit eine große Rolle. Bist du selbst gläubig?

Devrim Lingnau Islamoğlu Ich bin christlich und muslimisch sozialisiert, aber ich würde mich selber nicht als praktizierend oder gläubig bezeichnen.

tipBerlin Der große Konflikt im Film entsteht, als ein echter Koran verbrannt wird. Kannst du die Wut bestimmter Charaktere nachvollziehen? Wie würdest du damit umgehen?

Devrim Lingnau Islamoğlu Dieser ganze Themenkomplex der Koranverbrennung ist unfassbar politisch aufgeladen. Da steht viel mehr dahinter als nur ein Buch, das verbrannt wird. Da wird vielmehr eine Weltanschauung negiert. Und es kommt darauf an, wer das macht. Wenn ein Systemgegner der Scharia aus Syrien den Koran verbrennt, dann ist das etwas anderes, als wenn sich rechtspopulistische Parteien dahinter stellen und sagen: Meinungsfreiheit, ist doch okay, den Koran zu verbrennen.

Aziz Çapkurt und Mehdi Meskar spielen Laiendarsteller im Film im Film. Foto: Filmfaust

tipBerlin Beim Dreh habt ihr aber eine Attrappe verbrannt?

Devrim Lingnau Islamoğlu Ja, klar. Warum sollte man einen Koran verbrennen, wenn man es nicht machen muss? Es geht um Verhältnismäßigkeit und es geht um die Intention. Es bedeutet etwas anderes, in einem Land, in dem massive Muslimfeindlichkeit herrscht – übrigens schon immer, nicht erst in den letzten Jahren – ob man in diesem Land einen Koran verbrennt oder etwa eine Bibel. Die Bibel ist Bestandteil unserer westlichen Kultur und ob sie verbrannt wird oder nicht, sie bleibt integriert und sie bleibt geachtet. Da geht es nicht um ein Buch, das verbrannt wird, sondern um die Achtung der Kultur und der Religion.

Es bedeutet etwas anderes, in einem Land, in dem massive Muslimfeindlichkeit herrscht, ob man einen Koran verbrennt oder etwa eine Bibel

Devrim Lingnau Islamoğlu

tipBerlin „Hysteria“ ist indirekt auch ein Film über die rassistischen Anschläge der 90er. Du bist 1998 geboren – Hat diese Gewalt dich trotzdem irgendwie beim Aufwachsen oder später beschäftigt?

Devrim Lingnau Islamoğlu Das war für mich insofern präsent, dass mein Vater das mitbekommen hat. Der ist Anfang der 90er aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Die Angst vor Anschlägen und auch die Befürchtung, dass Leute einem aufgrund der eigenen Herkunft und der muslimischen Sozialisierung nicht wohlwollend begegnen, kenne ich von meinem Vater. Deswegen ist das schon ein Gefühl, was ich nachvollziehen kann.

In „Hysteria“ brennt es häufiger. Foto: Filmfaust

„Hysteria“-Darstellerin Devrim Lingnau Islamoğlu: „Mir macht die politische Realität Angst“

tipBerlin Wie geht es dir gerade mit der Migrationsdebatte, die immer weiter nach rechts driftet?

Devrim Lingnau Islamoğlu Einmal mehr ist bei der „Stadtbild“-Aussage von Friedrich Merz und der viel zu spät nachgeschobenen Stellungnahme klar geworden, wie rassistisch und menschenverachtend unsere sogenannte “politische Mitte” in Deutschland ist. Die Zugehörigkeit von Menschen mit internationaler Biografie in Deutschland wird in den Stellungnahmen der Unionsparteien schamlos an Bedingungen geknüpft. Es geht nämlich um den “Nutzen” dieser Menschen. Es wird eine Hierarchie geschaffen, es gibt in dieser Erzählung die “guten und nützlichen” und die “unnützen” Eingewanderten. Man muss also erst beweisen, dass man “gut genug” für die deutsche Leistungsgesellschaft ist. Mir macht die politische Realität Angst.

tipBerlin Im Abspann von “Hysteria” wirst du erstmals als Devrim Lingnau Islamoğlu genannt.

Devrim Lingnau Islamoğlu Ja, das ist der Nachname meines Vaters. Ich habe den Namen hier zum ersten Mal benutzt. Ich möchte den als Doppelnamen Lingnau Islamoğlu weiterhin, nicht immer, aber immer mal wieder als Künstlerinnen-Namen verwenden. Gerade in den Zeiten, in denen wir leben, ist es wichtig, dass wir als Künstler:innen mit Namen auftreten, die vielleicht erst mal für deutschsprachige Menschen nicht so mundgerecht sind. Deswegen war das eine bewusste Entscheidung, diesen Namen angesichts der aktuellen politischen Lage anzunehmen, um nicht immer mundgerecht zu sein.

Serkan Kaya (Mi.) spielt in „Hysteria“ den Regisseur Yigit, der selbst an einem Film arbeitet. Foto: Filmfaust

tipBerlin Früher, als du jünger warst, hättest du dich nicht getraut, auch deinen türkischen Nachnamen zu tragen?

Devrim Lingnau Islamoğlu Nein. Ich bin mir sicher, dass ich das, was ich bisher erreicht habe, nicht erreicht hätte, wenn ich Devrim Islamoğlu geheißen hätte. Das wäre nicht passiert. Ich hätte dann wahrscheinlich andere Rollen, mit weniger Sichtbarkeit gespielt. Ganz am Anfang, als ich angefangen habe zu schauspielern, hat mir mal jemand gesagt, überleg doch vielleicht, ob du vielleicht deinen zweiten Namen – ich heiße mit zweitem Namen nach meiner Großmutter Angela –  ob du nicht Angela Lingnau heißen möchtest, es wäre einfacher, damit besetzt zu werden, der Name Devrim ist schon ein bisschen“zu kompliziert”. Und deswegen bin ich der festen Überzeugung, dass das mit dem türkischen Nachnamen bislang nicht funktioniert hätte.

tipBerlin Du spielst deine Rolle als Elif extrem authentisch. Habt ihr mit Mehmet viel improvisiert?

Devrim Lingnau Islamoğlu Wir hatten so einen intensiven Diskurs über die Themen, also auch, wenn wir abends noch zusammen saßen. Wir haben auch zwei Schauspieler, die kurdisch-alevitischer Abstammung sind. Die haben natürlich nochmal einen anderen Blick auf Dinge. Wir haben wirklich viele Diskussionen geführt. Zum Beispiel in einer Szene ganz am Anfang im Geflüchtetenheim, mit Aziz Çapkurt, da gibt es diese Debatte, wo er mich, also Elif, fragt, wie ich den Film finde. Und ich sage, ich finde, dass das ein sehr wichtiger Film ist. Das ist alles komplett improvisiert.

Die Zuschauer leiden in „Hysteria“ mit Elif (Devrim Lingnau Islamoğlu) mit. Foto: Filmfaust

tipBerlin Findest du diesen Film, der dort im Film gedreht wurde, auch wichtig, wie Elif?

Devrim Lingnau Islamoğlu Ja. Wir haben leider den fertigen Film nie gesehen, den Yigit gemacht hat. Es hätte mich interessiert, wie er tatsächlich mit dem Material umgegangen wäre.

tipBerlin Elif hadert sehr mit ihren eigenen widerstreitenden Gefühlen zwischen internalisiertem Rassismus und antirassistischer Wokeness. Kennst du diese Gefühlslage?

Devrim Lingnau Islamoğlu Das Unangenehmste beim Machen dieses Films war für mich, herauszufinden, dass ich selbst nicht frei von internalisiertem Rassismus bin. Es fällt mir schwer, mir das einzugestehen. In den meisten Fällen gelingt es mir zwar, Vorurteile in dem Moment zu überwinden oder zu hinterfragen. Aber nur weil ich halb Türkin bin, bin ich nicht frei davon. Das ist ja ein globales Problem. Insofern ist das gut, dass wir das bei Elif auch sehen. Dass sie sich einerseits zugehörig fühlt und Dinge richtig machen will, aber gleichzeitig immer wieder an die eigenen Grenzen stößt. Das ist ein total unangenehmes Thema, auch für mich jetzt darüber zu reden. Aber ich glaube, man kann das nur überwinden, indem man sich das immer weiter bewusst macht.

tipBerlin Der Film zeigt ja einen Dreh mit Laiendarstellern. Habt ihr selbst auch mit Laiendarstellern gearbeitet?

Devrim Lingnau Islamoğlu Nein, das waren alles Schauspielende.

tipBerlin Du hast letztes Jahr dein Studium der freien Kunst in Karlsruhe abgeschlossen. Hast du dich auf Filmkunst konzentriert oder war das Studium komplett unabhängig von deiner Schauspielerei?

Devrim Lingnau Islamoğlu Genau, ich habe letztes Jahr mein Diplom gemacht. In den letzten Jahren habe ich überwiegend Video- und Soundarbeiten gemacht. Also habe mich immer weiter in die Medienkunst verliebt.

tipBerlin Welche Projekte stehen bei dir neben der dritten Staffel von „Die Kaiserin“ als Nächstes an?

Devrim Lingnau Islamoğlu Ich drehe nächstes Jahr mit Ayşe Polat eine Romanverfilmung von Robert Walser, „Der Gehülfe”, da freue ich mich unfassbar drauf.

  • Hysteria D 2024; 104 Min.; R: Mehmet Akif Büyükatalay; D: Devrim Lingnau, Mehdi Meskar, Serkan Kaya; Kinostart: 6.11.

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