Der neue Film des US-Regisseurs Ari Aster („Hereditary“, „Midsommar“) ist ein bitterböser Mix aus Neo-Western, Satire und Gesellschaftsdrama. Mit Stars wie Joaquin Phoenix, Pedro Pascal und Emma Stone zeichnet der Film ein düsteres Bild der Krisenzeit um 2020, findet tipBerlin Kritiker Martin Schwarz.

Dass der US-Regisseur Ari Aster, Jahrgang 1986, gerne inszenatorisch und atmosphärisch aufs Ganze geht, hat man in seinen vergangenen Filmen, dem übersinnlichen Horrordrama „Hereditary“ (2018), dem hinterhältigen Sommersonnenwende-Grusel „Midsommar“ (2019) und dem Drei-Stunden-Albtraum „Beau is Afraid“ (2023, hier bereits mit Joaquin Phoenix in der Hauptrolle) gesehen. Wobei Aster seine stets von ihm selbst verfassten Geschichten nie im luftleeren Raum ansiedelt, sondern immer auch die gesellschaftlichen Hintergründe thematisiert. Nun setzt er mit „Eddington“ – er lief dieses Frühjahr im Wettbewerb von Cannes – noch einen drauf, auch was die Vermischung diverser Genres angeht.
„Eddington“ ist ein unangenehmer Film
Ein unangenehmer Film, in mehrfacher Hinsicht. Das beginnt schon mit der Reise zurück in die leidige Corona-Pandemie. Die Geschichte spielt im Mai 2020. In der Kleinstadt Eddington in New Mexiko stehen sich der örtliche Sheriff Joe Cross (Joaquin Phoenix) und der Bürgermeister Ted Garcia (Pedro Pascal) unversöhnlich gegenüber. Das hat auch private Gründe, die mit Joes Ehefrau Louise (Emma Stone) zusammenhängen, doch im Vordergrund stehen die von Garcia verhängten, rigorosen Corona-Maßnahmen, die Cross für übertrieben hält. Nicht zuletzt weil er Asthmatiker ist, weigert er sich, eine Maske zu tragen, auch nicht im örtlichen Supermarkt. Zudem muss er sich mit seiner an Verschwörungstheorien glaubenden Schwiegermutter Dawn (Deirdre O’Connell) und mit seiner labilen, merkwürdig skurrile Puppen bastelnden Frau Louise herumärgern. Schließlich entschließt sich Cross, ebenfalls als Bürgermeister zu kandidieren.
Die schwierige Situation spitzt sich zu, als die vorwiegend weiße Jugend des Städtchens nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd durch einen weißen Polizisten am 25. Mai 2020 anfängt zu demonstrieren. Nachdem Louise ihren Mann wegen des selbsternannten, überaus charismatischen Gurus Vernon (Austin Butler, bekannt aus „Elvis“) verlässt, fasst Cross einen Entschluss – und stürzt damit die ganze Stadt ins gewalttätige Chaos.
Die Welt ist aus den Fugen
„Eddington“ ist ein bitterböser Mix aus Neo-Western, Satire und Gesellschaftsdrama, bei dem Autor und Regisseur Ari Aster kein gutes Haar an wirklich niemandem lässt. So entsteht ein US-Gesellschaftsbild, über dem ohne Zweifel ein orangehäutiger Präsident schwebt, der die Verunsicherung der Bevölkerung und den schwindenden Zusammenhalt der Menschen geschickt für seine üblen Zwecke zu nutzen weiß.
Die Welt ist aus den Fugen. Eine Welt, die Ari Aster auf eine öde Kleinstadt zusammenschrumpfen lässt, in der die Weite der Wüste nicht befreiend, sondern beklemmend wirkt. Eine Welt, in der selbst jene, die für Recht, Ordnung und Zusammenhalt zuständig sind, versagen. Und eine Welt, in der die Gewalt herrscht. Das hat in den USA Tradition, niemand hat das so sehr auf den Punkt gebracht wie Michael Moore mit „Bowling for Columbine“. Die vom Sheriff initiierte Gewalt kehrt sich dann auf absurde Weise gegen ihn – da steht er dann, asthma-röchelnd. Hoffnung? Hier ist weit und breit keine in Sicht. Übrigens: Der Ort in New Mexiko, in dem hauptsächlich gedreht wurde, heißt ausgerechnet Truth or Consequences. Wahrheit oder Konsequenzen.
- Eddington USA 2025; 145 Min.; R: Ari Aster; D: Joaquin Phoenix, Pedro Pascal, Emma Stone; Kinostart: 20.11.2025
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