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Iranischer Film „Ein einfacher Unfall“: Eine Frage der Menschlichkeit

Der iranische Regisseur Jafar Panahi wird auf Festivals gefeiert, daheim aber verfolgt. Sein neues Werk „Ein einfacher Unfall“ sucht Auswege aus den Kreisläufen der Gewalt in einer Diktatur. tipBerlin-Kritiker Frank Arnold hat den so grimmig wie gradlinig erzählten Film gesehen

Entführung in die Wüste: „Ein einfacher Unfall“ hat in dem Film von Jafar Panahi drastische Folgen. Foto: Les Films Pelleas
Entführung in die Wüste: „Ein einfacher Unfall“ hat in dem Film von Jafar Panahi drastische Folgen. Foto: Les Films Pelleas

„Das war Gottes Wille“, sagt die Mutter zu ihrer kleinen Tochter, als ihr Ehemann gerade auf nächtlicher Straße einen Hund überfahren hat. Die Tochter widerspricht: Es war ihr Vater, der am Steuer des Wagens saß! Woraufhin die Mutter das Gespräch mit dem Satz beendet: „Es war nur ein kleiner Unfall.“

Ein kleiner Unfall mit weitreichenden Folgen. Als der Vater eine Werkstatt aufsucht, weckt das von seinem Holzbein herrührende Quietschen bei dem hier arbeitenden Vahid die Erinnerung an seine Zeit im Gefängnis, wo einer der Folterer dasselbe Geräusch verursachte. Er folgt dem Mann und entführt ihn kurz darauf. Als er in der Wüste schon ein Grab für ihn ausgehoben hat, kommen ihm Zweifel, ob er wirklich den Richtigen hat.

Diese Frage treibt auch den Zuschauer um. „Kann jemand, der sich über den Tod dieses Tieres so aufregt, ein Folterer sein?“, kommentiert Panahi das beim Zoom-Interview. Beim Versuch, Beweise zu finden, füllt sich Vahids Kleinbus mit anderen Menschen, die im selben Gefängnis waren. Doch selbst wenn der Entführte jener Eghbal ist, was soll man mit ihm machen? Ihn töten? Und damit die Spirale der Gewalt fortsetzen, mit denselben Mitteln wie jene, unter denen man gelitten hat?

„Ein einfacher Unfall“-Regisseur Jafar Panahi: Menschlichkeit steht über allem

Jafar Panahi hat in einem Filmgespräch erzählt, dass der israelische Luftangriff auf das berüchtigte Evin-Gefängnis (wo er selber zeitweilig inhaftiert war) im Juni 2025 Gefangenen die Chance eröffnete, daraus zu fliehen, viele aber stattdessen dem verwundeten Wachpersonal zu Hilfe kamen.

„Das war eine Frage der Menschlichkeit“, sagt Panahi, darauf angesprochen, „und die steht über allem. Stellen Sie Sich vor, dass eine verwundete Person in die Hände eines Arztes gerät. Würde der nicht alles versuchen, um das Leben dieser Person zu retten? In dem Moment geht es nicht darum, was diese Person tut, oder woran diese Person glaubt, sondern einzig und allein um den humanitären Aspekt.“

Er sieht eine Parallele zur Situation in Osteuropa, als 1989 der Eiserne Vorhang fiel. „Ein Drittel der Bevölkerung soll mit dem Staat kooperiert haben, indem sie ihre Nachbarn bespitzelte. Sollte man all diese Menschen töten? Sollte man sie so behandeln, wie sie andere behandelt hatten? Wann werden diese Gewaltakte enden? An einem Punkt muss das aufhören. Das gilt nicht für Personen, die Gräueltaten begangen haben, sie sollten vor Gericht gestellt werden, das Gesetz soll über sie entscheiden. Aber wir müssen auch grundsätzliche Entscheidungen treffen. Um Gewalt zu bannen, müssen wir uns entscheiden, was wir wollen. Es geht dabei nicht nur um Vergebung. Für mich war hier wichtig: was passiert in der Zukunft? Es stimmt, der Film spricht über Rache. Aber Rache zu nehmen ist ein sehr emotionaler Akt der Aufregung, zumindest im Anfangsstadium, der dann durch Vernunft abgelöst werden sollte.“

Jafar Panahi hat eigene Erfahrungen mit iranischer Repression gemacht

Das sagt ein Mann, der mit den Repressionen des iranischen Regimes seine eigenen Erfahrungen gemacht hat. 86 Tage verbrachte er in Evin, bevor er nach einem Hungerstreik im Mai 2010 freigelassen wurde, und ein zwanzigjähriges Berufsverbot erhielt. Sein Jurysitz bei der Berlinale 2011 blieb leer, doch drei Monate später präsentierte er beim Filmfestival von Cannes einen neuen Film, aus dem Iran herausgeschmuggelt auf einem USB-Stick in einem Kuchen. In „Dies ist kein Film“ trat er als er selber vor die Kamera, und räsonierte über die Schwierigkeiten des Filmemachens. Diesem Konzept eines autofiktionalen Low-Budget-Kinos blieb er in den nachfolgenden vier Filmen, darunter der in Berlin ausgezeichnete „Taxi Teheran“, treu.

Filmstill aus „Ein einfacher Unfall“. Foto: Les Films Pelleas

„Alle diese Filme erzählten von mir und dem Kino, deshalb stand ich selber vor der Kamera. Dabei fragte ich mich: Was könnte ich machen, wenn ich keine Filme machen kann? Ich kann zum Beispiel Taxi fahren. Aber als Filmemacher konnte ich dabei der Versuchung nicht widerstehen, eine Kamera im Taxi zu verbergen, und die Geschichten meiner Passagiere zu erzählen. Nach 15 Jahren und nach acht Monaten, die ich erneut im Gefängnis verbrachte, wurde mir dann mitgeteilt, dass alle Urteile gegen mich aufgehoben wären, und ich wieder arbeiten dürfe.“

„Ein einfacher Unfall“ hat auch komische Elemente

Auch wenn „Ein einfacher Unfall“ so gradlinig wie grimmig erzählt ist, fehlen doch nicht die komischen Momente, die Panahis frühere Filme auszeichneten: etwa, wenn es wiederholt um Bestechungsgeld geht. Auch das Thema des Eingeschlossen- bzw. Ausgeschlossenseins, das der Filmemacher schon früher verhandelt hat, zum Beispiel in „Offside“, wo einer Gruppe weiblicher Fußballfans der Eintritt zum Stadion verweigert wird, nimmt er hier wieder auf.

Als Panahi im Mai in Cannes ankam, habe er sofort angekündigt, in den Iran zurückzukehren. „24 Stunden nach dem Ende des Festivals kamen wir auf den Flughafen in Teheran an.“ Anfang Dezember, als er bei seiner weltweiten Festival- und Gesprächsrunde gerade in Marrakesch war, wurde er im Iran erneut verurteilt, zu einer einjährigen Haftstrafe und zweijährigem Reiseverbot. Seine Reaktion: „Ich bin immer zurückgekehrt, und ich werde zurückkehren.“

  • Ein einfacher Unfall (Yek tasadef sadeh) Iran/F 2025; 104 Min.; R: Jafar Panahi; D: Vahid Mobasseri, Mariam Afshari, Ibrahim Azizi; Kinostart: 8.1.2026

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