• Kino & Stream
  • Filme
  • Festival „Film ohne Grenzen“: Gespräch mit Leiterin Susanne Suermondt

Interview

Festival „Film ohne Grenzen“: Gespräch mit Leiterin Susanne Suermondt

Das Filmfestival „Film ohne Grenzen“ in Bad Saarow geht in die 13. Spielzeit. tipBerlin hat mit Festivalleiterin Susanne Suermondt gesprochen – über den Veranstaltungsort, Regisseur Wolfgang Koolhaase und ihre drei Lieblingsfilme aus dem diesjährigen Programm.

Die drei Festivalleiterinnen im Jahr 2024 vor der Kulturscheune. V.l.n.r.: Tanya Berndsen, Susanne Suermondt, Yvonne Borrmann. Foto: Boris Trenkel

Das Gut mit der Kulturscheune ist die Trademark des Festivals

tipBerlin Frau Suermondt, Sie leiten, gemeinsam mit Tanya Berndsen und Yvonne Boormann, das Festival „Film ohne Grenzen“ in Bad Saarow. Wie würden Sie es in Kurzform beschreiben?

Susanne Suermondt „Film ohne Grenzen“ gibt gesellschafterelevantem Film ein Forum. Der Name ist Programm. Wir zeigen Filme aus den entlegensten Gebieten der Welt, und wir legen auch nahe, die Grenzen im Kopf ein wenig zu überdenken.

tipBerlin Die Location ist prägend für das Festival.

Susanne Suermondt Wir spielen in der Kulturscheune des Eibenhofs, der auf einer Halbinsel im Scharmützelsee liegt. Das ist ein sehr besonderer Ort, der historisch immer schon offen war für viele Geschichten, zum Beispiel für neurasthenische Frauen. Seit mindestens fünfzehn Jahren wird der Eibenhof auch für Kulturveranstaltungen genutzt. Eigentlich dient er vor allem als Reithalle. Wenn wir Filme zeigen, passen 250 Menschen rein, locker bestuhlt. Das Gut mit der Kulturscheune ist die Trademark. Wir arbeiten aber auch mit dem lokalen Kino zusammen.

tipBerlin Seit wann gibt es „Film ohne Grenzen“?

Susanne Suermondt Wir sind 2013 auf sehr geringem Niveau gestartet, seither ist das Projekt stetig gewachsen. Beim ersten Festival kannte ich fast alle, das waren Freunde und Familie, die mussten kommen. Es war sehr übersichtlich.

Susanne Suermondt (links) begleitet Margot Friedländer zu ihrer Ansprache auf dem Festival im Jahr 2024. Foto: Boris Trenkel

tipBerlin Haben Sie einen Lieblingsfilm aus den Vorjahren?

Susanne Suermondt Mein absoluter Lieblingsfilm ist „Searching for Sugarman“, über den Sänger Sixto Rodriguez. Das war unser erster Eröffnungsfilm.

tipBerlin In diesem Jahr zeigen Sie 25 Filme. Machen wir es so: Sie nennen drei, und ich einen, und über die sprechen wir ein wenig.

Susanne Suermondt Okay, dann würde ich zuerst „Beginnings“ nennen, eine dänisch-schwedisch-belgische Produktion. Es geht um ein Ehepaar mittleren Alters, die Trennung ist schon beschlossen. Just in dieser Situation hat die Frau einen schweren Schlaganfall, was alles auf den Kopf stellt. Aus dieser gestorbenen Liebe entsteht etwas Neues. Das ist unfassbar gut gespielt und zeigt die Kraft der transformativen Liebe.

tipBerlin Sehr schön. Als nächstes?

Susanne Suermondt Unser Eröffnungsfilm „Hannah Arendt – Denken ist gefährlich“, ein Dokumentarfilm, der wahnsinnig spannendes Archivmaterial enthält und Vieles präsentiert, was man über diese furchtlose Vordenkerin nicht weiß. Unser Motto lautet dieses Jahr ja: „Alles Mensch!“ Arendt hat viel über das menschliche Handeln nachgedacht.

Trailer zum Dokumentarfilm „Hannah Arendt: Denken ist gefährlich“. Video: Progress Filmverleih

tipBerlin Unser Kritiker beim tipBerlin fand den ein bisschen konventionell. Eine typische Fernsehdoku.

Susanne Suermondt Der ist auch wirklich sehr klassisch, und macht keine Experimente. Es geht einfach um die Figur Hannah Arendt. Ich mag informative Filme.

Auch für das Festival „Film ohne Grenzen“ ist die Finanzierung schwierig

tipBerlin Das leuchtet ein. Und ein dritter Titel?

Susanne Suermondt „Mit der Faust in die Welt schlagen“ von Constanze Klaue. Eine Sozialstudie über eine Familie nach der Wiedervereinigung. Die Familie sucht einen Platz in der Gesellschaft, aber diese Gesellschaft hat sich selbst noch nicht gefunden. Ich bin ein Landkind, auch deswegen hat mich dieser Film sehr berührt. Ich finde, Constanze Klaue hat eine unglaubliche Bildsprache. Die Regisseurin kommt auch.

tipBerlin Wie finanziert sich das Festival?

Susanne Suermondt Das Medienboard unterstützt uns, es gibt auch eine europäische Regionalförderung, und private Förderer. Aber das Thema ist wirklich schwierig. Öffentliche Mittel werden an allen Stellen gekürzt. Die Hälfte des Jahres rennt man Geldern hinterher.

tipBerlin Vielleicht denken auch manche: Warum braucht das wohlhabende Bad Saarow ein Festival?

Susanne Suermondt Interessant, dass Sie das so wahrnehmen. Die Region ist jetzt nicht besonders wohlhabend. Wir arbeiten mit sozialen Einrichtungen zusammen. Da liegt der Groschen nicht auf der Straße. Mit den Golfspielern haben wir kaum zu tun.

„Mit der Faust in die Welt schlagen“ behandelt die Geschichte zweier Brüder in der ostdeutschen Provinz. Foto: Flare Film/Chromosom Film

tipBerlin Ich wollte auch noch einen Titel nennen: „Mad Bills to Pay“. Den habe ich auf der Berlinale entdeckt.

Susanne Suermondt Den fanden wir einfach stark. Ich habe selber mal zwei Jahre in New York gelebt, auch deswegen mag ich dieses Porträt eines jungen Mannes, mit dem ich als selbst dreifache Mutter sehr gebondet habe, wie er sich bemüht, mit der Schwangerschaft seiner sehr jungen Freundin zurechtzukommen.

„Wir haben uns Cannes nie geleistet, aber haben unsere Ohren und Augen überall“

tipBerlin Ich habe den eher als ein Porträt hilfloser Männlichkeit gesehen.

Susanne Suermondt Das ist er auch. Der Film ist auch total bestürzend.

tipBerlin Wie finden Sie die Filme? Fahren Sie nach Cannes?

Susanne Suermondt Wir haben uns Cannes noch nie geleistet, was eigentlich schade ist, aber wir haben unsere Ohren und Augen überall. Im Lauf der Jahre ist ein sehr gutes Netzwerk entstanden von Menschen, die unsere Bildsprache kennen, und wissen was wir politisch wichtig finden.

tipBerlin Gab es im Lauf der Jahre einen Lieblingsgast?

Susanne Suermondt Wirklich unvergessen ist Wolfgang Kohlhaase. Er ist ein treuer Freund geworden. Wir haben ihm ein Stipendium gewidmet, das jungen Menschen ermöglichen soll, etwas zu schreiben. Wir vermissen ihn sehr mit seinem Sprachwitz und überhaupt seinem Wissen.

Kino-Conaisseure finden auf dem Eibenhof in Bad Saarow genügend Gelegenheiten, um sich auszutauschen. Foto: Boris Trenkel

tipBerlin Erklären Sie bitte einem Skeptiker, warum es Ihr Festival braucht.

Susanne Suermondt In unserer verrückten Gemengelage sind Kulturveranstaltungen enorm wichtig. Alle sagen: bitte, macht was mit den jungen Menschen! Wir machen ein bisschen Glamour, aber eigentlich freue ich mich am meisten, wenn das halbe Flüchtlingsheim kommt. Ich bin eben sehr christlich geprägt, Ich glaube an die Kraft der Nächstenliebe.

tipBerlin Was war für Sie der erste Kontakt mit dem Kino?

Susanne Suermondt Das einzige Highlight auf dem Dorf im Emsland, wo ich herkomme, war das Kino von Frau Muggi. Das war eine besonders engagierte Frau, die hat sich auch Mühe gegeben, zu kuratieren. Sie war eine Freundin meiner Mutter.

tipBerlin Ein Hoch auf Frau Muggi! Abschließend für alle Menschen, die in Berlin wohnen. Wie kommt man hin? Schildern Sie bitte die Anreise mit dem ÖPNV.

Susanne Suermondt In Berlin kann man überall einsteigen in die Regionalbahn nach Frankfurt Oder. In Fürstenwalde umsteigen nach Bad Saarow, dort hat man den sogenannten Dalli-Bus, den kann man anrufen. Und schon ist man bei uns.

  • Film ohne Grenzen“ 11.-14.9., Kulturscheune im Eibenhof, Alte Eichen 33, 15526 Bad Saarow, mehr Infos und Tickets hier.

Mehr zum Thema

Auch Berlin kann kleinere Filmfestivals vorweisen – etwa das „Achtung Berlin Festival“: „Wir sind kein Underground mehr“, sagen die Leiter Sebastian Brose und Regina Kräh. Auch abseits von „Film ohne Grenzen“ lohnt sich ein Abstecher nach Badsaarow – etwa zum „Freilich am See“. Die ganze Rezension zum Restaurant lest ihr hier. Zurück zum Film: Auch 2025 hat es sich wieder gelohnt, zum Filmfest in München zu fahren. Hier sind sechs Filme, auf die wir uns freuen. Die nächsten Oscars können wir gar nicht erwarten: So gut ist der deutsche Oscar-Kanditat „In die Sonne schauen“. Mehr Filmkritiken und Interviews findet ihr in unser Kino-Rubrik.

Berlin am besten erleben
Dein wöchentlicher Newsletter für Kultur, Genuss und Stadtleben
Newsletter preview on iPad