Filme

Filmfest München 2025: Sechs Filme, auf die wir uns freuen

Auch 2025 hat es sich wieder gelohnt, das Filmfest in München zu besuchen. tipBerlin-Kritikerin Alexandra Seitz gibt einen Ausblick auf Filme, die demnächst auch in Berliner Kinos auftauchen sollten.

Alljährlich im Sommer lassen sich in den Kinos der Isarmetropole Entdeckungen machen. Dann nämlich präsentiert das seit Jahrzehnten bei Publikum und Branche beliebte Münchner Filmfest Festival-Erfolge aus aller Welt, Highlights der kommenden Monate, vielversprechende Erstlingswerke junger Nachwuchshoffnungen, Überraschendes, Gewagtes und Entlegenes. Das Angebot ist üppig, die Ausbeute ist es auch, die Auswahl muss notgedrungen überschaubar bleiben. Einstweilen gilt die Vorfreude auch schonmal fürs nächste Jahr!


Karla

„Karla“ ist ein Highlight des Münchner Filmfests 2025. Foto: Achtung Panda! Florian Emmerich
„Karla“ ist ein Highlight des Münchner Filmfests 2025. Foto: Achtung Panda! Florian Emmerich

Zu Beginn ein Höhepunkt: „Karla“, der mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino in den Kategorien „Beste Regie“ (für Christina Tournatzés) und „Bestes Drehbuch“ (für Yvonne Görlach) ausgezeichnet wurde. In der Titelrolle dieses Langfilmdebüts gibt wiederum Vicky Krieps’ Tocher Elise ihr Leinwanddebüt. Görlachs Drehbuch basiert auf dem wahren Fall einer 12-Jährigen, die sich 1962 an die Polizei wendet, um den jahrelangen sexuellen Missbrauch durch ihren Vater anzuzeigen. Für die konservative, patriarchale Gesellschaft jener Zeit ein geradezu unvorstellbarer Vorgang.

Das Ungeheuerliche – der Traumatisierung durch Vertrauensverrat ebenso wie des Muts zur Gegenwehr - hallt in „Karla“ auf vielfältige Weise wider. In der Bildgestaltung – Kamera: Florian Emmerich, Montage: Isabel Meier -, die für das Wegschauen, das Verdrängen, das Unaushaltbare und das Unsagbare formalen Ausdruck findet: Unschärfen, Aus- und Anschnitte, Schwenks. In der Schauspielerei, die, geradezu reduktionistisch, lange Pausen zulässt, in denen das Gefühl zur Ruhe kommen und der Gedanke sich bilden kann. Dabei wird Elise Krieps hochkonzentrierte Darbietung der Karla flankiert vom in sich ruhenden Spiel Rainer Bocks als Staatsanwalt und Imogen Kogges als dessen Sekretärin.

Gemeinsam erarbeiten die drei einen Raum, in dem eine Gewalt Gestalt finden kann, die größer ist als der Einzelfall; diese Gewalt ist strukturell und geknüpft an Traditionen, die in der Nachkriegsgesellschaft überleben. Dazu braucht es im Hintergrund auch das Wirken von Torben Liebrecht und Katharina Schüttler als Karlas Eltern: den unbestrittenen Pater Familias und die Beklemmung und Einschüchterung, die von ihm ausgehen; das tödliche Potenzial falsch verstandener Männlichkeit, schlagend illustriert. Alle schämen sich. JedeR für das Falsche.

  • „Karla“ wird vom Eksystent Filmverleih am 4. Oktober in die Kinos gebracht

Sechswochenamt

Ein genau beobachtender, dichter Film: „Sechswochenamt“. Foto: Michael Kötschau/Filmweh

Mehrfach ausgezeichnet wurde auch die unabhängige Produktion „Sechswochenamt“ von Jacqueline Jansen. Das autofiktionale Spielfilmdebüt erhielt den Fipresci-Preis sowie zwei Förderpreise Neues Deutsches Kino in den Kategorien „Produzentische Leistung“ (für Jacqueline Jansen) und „Beste Schauspielerische Leistung" (für Magdalena Laubisch in der Hauptrolle Lore). Der Tod von Lores Mutter fällt mit dem Beginn der COVID-Pandemie zusammen, was die Erfüllung letzter Wünsche erschwert. Im Zuge der Bemühungen der Tochter wird deutlich, welche nicht nur familiären Verwerfungen der von der Norm abweichende Lebensstil der Mutter in der Kleinstadt Erkelenz in NRW verursacht hat.

Tapfer navigiert die von der Trauer sowie vielfältigen Zumutungen zunehmend erschöpfte Lore das von Konfliktlinien durchzogene Terrain. Oftmals verfließt dabei die Grenze zwischen Konventionen des Abschieds und sozialer Übergriffigkeit; die Verwundbarkeit der Hinterbliebenen zieht Ausbeutungsmanöver diverser Dienstleister förmlich an. Doch an der Oberfläche bleibt es meist ruhig; Jansen hat Geduld, Laubisch hat es nicht eilig; so entsteht ein genau beobachtender, dichter Film, der weder vor den Abgründen Angst hat noch vor den Gefühlen, die aus ihnen aufsteigen.

  • „Sechswochenamt“ behalten wir im Auge und vermelden Termine in Berlin bei Vorliegen

American Sweatshop

Uta Briesewitz, in Leverkusen geboren und an der DFFB ausgebildet, arbeitet seit Langem bereits in Hollywood; ihre Karriere begann sie als Kamerafrau beim Serien-Meilenstein „The Wire“, mittlerweile ist sie auch als Episodenregisseurin sehr gefragt. In München stellte Briesewitz ihren ersten Kinofilm vor: „American Sweatshop“, eine deutsch-US-amerikanische Koproduktion, die sich mit den sogenannten „Cleaners“ beschäftigt. Also jenen armen Schweinen, die den als kontrovers gemeldeten Dreck auf den Plattformen, die sich soziale Medien nennen, betrachten und bewerten müssen. Im Fall der Fälle wird gelöscht – womit natürlich noch kein einziges der am gelöschten Clip haftenden Probleme gelöst ist. Ebendieser Umstand ist es, der Daisy angesichts eines Porno-Folter-Clips der härteren Sorte umtreibt. Da muss doch jemand belangt werden können, meint sie, und macht sich auf die Suche nach Unterstützung: ein Stochern in tiefster Finsternis, von dem ausgehend Briesewitz nicht nur einen äußerst beklemmenden und dabei doch hochspannenden Thriller inszeniert. Sie beleuchtet darüber hinaus die vielfältigen Auswirkungen dieses Raums der menschlichen Grausamkeit auf gesellschaftliche Verantwortung und individuelle Moral.

  • „American Sweatshop“ ist bei Plaion Film im Verleih; der Starttermin steht noch nicht genau fest

Home Entertainment

Der gebürtige Münchner und umtriebige Berliner Dietrich Brüggemann, der sich bekanntlich gern mal in die Nesseln setzt, nimmt in „Home Entertainment“ den gegenwärtigen (Medien-)Konsum-Overkill aufs Korn. Nachdem das eingeladene Pärchen abgesagt hat, packen Florian und Marie die Essenseinkäufe in den Kühlschrank und lassen sich lieber was liefern. Dann packen sie sich auf die Couch und vor die Glotze und nehmen zusätzlich zum Mobiltelefon noch die Fernbedienung zur Hand, zudem das Laptop und die externe Festplatte. Gemütlich gemeinsam einen Film gucken, das war der Plan gewesen. Doch davor hat der Gott des digital lifestyle diverse Hürden gesetzt: abgelaufene Rabattaktionen, unerwünschte Synchronfassungen, schlappes Internet, nicht-erkannte Accounts. Es ist der ganz normale Wahnsinn. Und Brüggemann kennt kein Erbarmen, wenn es gilt, jene alltäglichen Widersprüche aufzuspüren und bloßzustellen, mittels derer sich die Erst-Welt-Bewohner:innen in die Tasche lügen. So lange man immer schön brav den Müll trennt, wird es schon nicht so schlimm kommen … Und wo bleibt überhaupt der Liefersklave?!

  • Einen Starttermin hat „Home Entertainment“ noch nicht, auch hier werden wir Neuigkeiten vermelden, sobald sie auftauchen

Miroirs No. 3

Paula Beer spielt zum vierten Mal in einem Film von Regisseur Christian Petzold mit – so auch wieder in „Miroirs No. 3“. Foto: Piffl Medien

So verhalten wie komplex geht es in Christian Petzolds nach eigenem Drehbuch inszeniertem elften Kinofilm zu; „Miroirs No. 3“ ist ein filigranes Rätselwerk, dem ein zweiter Blick sicherlich noch ein paar mehr Geheimnisse entlocken kann. Doch schon dem ersten Blick wird nie fad. In zentraler Rolle Paula Beer als Laura, die nach einem Autounfall auf dem Land bei einer Familie unterkommt, die zwischen Zerfall und Heilung pendelt. Irgendetwas ist passiert und Laura fungiert als Katalysator – was im Übrigen auch umgekehrt gilt: Die fremde Familiendynamik stößt in Lauras ins Stocken geratenem Leben etwas an. Beide wirken aneinander sinnstiftend, und in der subtilen Darstellung von Gemütszuständen ist „Miroirs No.3“ schlicht meisterlich. Und wie immer bei Petzold hat es keiner eilig und kommt sinnloses Geschwätz nicht in die Tüte. Dafür ist Zeit genug, den Wildgänsen zu lauschen, die über den Himmel ziehen, oder mit dem Fahrrad durch Felder und Wälder zu radeln, oder den Zaun zu streichen und dabei erzählend abzuschweifen. In der Bewegung durch den Raum und im Austausch miteinander kommt der Petzold’sche Mensch zu sich, oftmals unmerklich.


Tornado

Zu gu­ter Letzt noch die frohe Kunde, dass John Maclean endlich wieder einen Film gedreht hat. Zehn Jahre nämlich sind bereits vergangen, seit er in seinem Debüt, „Slow West“, eine zarte Dichterseele aus Schottland unterwegs auf Freiersfüßen im Wilden Westen in arge Bedrängnis brachte.

Und auch der 1790 in den schottischen Highlands angesiedelte „Tornado“ lässt unterschiedliche Kulturen gewaltsam aufeinander prallen: eine wilde Räuberbande – angeführt von Sugarman, den Tim Roth mit unverholenem Vergnügen am Kontrollverlust anlegt – und ein Vater-Tochter-Schausteller-Gespann aus Japan, das mit Puppentheater-Vorführungen hausieren geht. Allerdings auch mit dem Schwert umzugehen weiß. So gelingt das unwahrscheinliche Kunststück eines schottischen Samurai-Western. Eine echte Bereicherung auf dem weiten Feld der Genre-Bastarde.

  • In Deutschland hat „Tornado“ noch keinen Kinostart; wenn er wo läuft, wird es der tipBerlin wissen und melden

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Kann die Neuverfilmung mithalten? „Die nackte Kanone“ mit Liam Neeson in der Kritik. Mit „The Fantastic Four: First Steps“ ist die zweite Neuverfilmung geglückt. „#SchwarzeSchafe“ folgt auf den Berliner Kult-Film. In „Superman“ wird eine beliebte Geschichte neu erzählt. „Jurassic World: Die Wiedergeburt“ und „M3GAN 2.0.“ sind ebenfalls gelungene Fortsetzungen. Ein berührender Film über Trauern mit Tier: Der Star in „Loyal Friend“ ist ein Hund. Abtauchen in die kreativen Paradiese großer Künstler:innen: „Creativo Paradiso: A Creative Renaissance”. Unser Kritiker ist begeistert: „Der phönizische Meisterstreich“ ist einer der besten Wes-Anderson-Filme. Er baut die Filmwelten von Wes Anderson: Zu Besuch in der Neuköllner Werkstatt des Miniaturbauers Simon Weisse. Was läuft sonst? Hier ist das aktuelle Kinoprogramm für Berlin. Unter freiem Himmel: Was in den Freiluftkinos in Berlin läuft, seht ihr hier. Mehr aus der Filmwelt lest ihr in unserer Kino-Rubrik.

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