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Die Filmstarts vom 22. Juli: „Der Rausch“ bis zu „Gaza mon amour“

Hollywood hält sich diese Woche zurück, dafür ragt ein Arthouse-Film aus dem Angebot der Filmstarts vom 22. Juli heraus: „Der Rausch“ von Thomas Vinterberg sieht einer Gruppe von Lehrern bei dem Versuch zu, Midlife-Krisen durch kontrollierten Alkoholkonsum zu bewältigen; außerdem sehenswert: das Drama „Gaza mon amour“ über eine Liebesgeschichte im Gazastreifen, und der deutsche Film „Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen“, der dem Thema Demenz auch heitere Seiten abzugewinnen versucht


Spiegeltrinken in Dänemark: „Der Rausch“ von Thomas Vinterberg mit Mads Mikkelsen

Mads Mikkelsen in „Der Rausch“ von Thomas Vinterberg. Bild: Weltkino

Satire Im Gegensatz zu den feucht-fröhlichen Späßen der Schüler:innen ist der Unterricht ihrer Lehrer eine eher trockene Angelegenheit.  Am schlimmsten trifft es Martin (Mads Mikkelsen): Mitten in seinem fahrigen, konfusen Geschichtsunterricht in der Abiturklasse steht einer der Schüler auf und geht mit den Worten: „Ich habe da echt keinen Bock mehr drauf.“ Und auch zu Hause hören Frau und Kinder Martin eigentlich kaum mehr zu. Da kommt die bei einer Geburtstagsfeier vorgetragene Theorie, dass man mit einem ständigen Blutalkoholspiegel von 0,5 Promille ein entspanntes und interessanteres Leben führt, gerade recht. Martin und drei seiner Kollegen machen den Selbstversuch. Und siehe da: Kreativität und Witz sind wieder da, das Selbstvertrauen steigt. Der Alkoholkonsum auch. Und da endet der neue Schwung dann auch schon mal mit blutiger Nase am Türrahmen.

In Thomas Vinterbergs bitter-komischer Sozialsatire „Der Rausch“ sieht man die Probleme lange kommen, bevor auch die Protagonisten sie entdecken. Die geben sich immer noch der Illusion hin, das Ganze sei ein Experiment, selbst wenn der Hausmeister bereits diverse von Sportlehrer Tommy im Geräteraum versteckte Schnapsflaschen gefunden hat.

Im Grunde ist der Film mit seinen tollen Darstellern, der im vergangenen Jahr verdient den Europäischen Filmpreis gewann, natürlich ein Moralstück: Es gilt, die langweiligen Routinen zu vermeiden, die wir in unserem Leben entwickeln, wenn wir nicht wollen, dass unserer Dasein ereignislos an uns vorüberzieht. Man muss sich nur aufraffen. Das ist der schwierige Part.

Druk (OT); DK 2020; 117 Min.; R: Thomas Vinterberg; D: Mads Mikkelsen, Thomas Bo Larsen, Magnus Millang, Lars Ranthe: Kinostart: 22.7.


Liebe in einem Land, in dem nichts erlaubt ist: „Gaza mon amour“ von Tarzan und Arab Nasser

„Gaza mon amour“ von Tarzan und Arab Nasser. Bild: Alamode Film

TRAGIKOMÖDIE Der sechzigjährige Issa (Salim Dau) lebt als Fischer im von Israel okkupierten und von der radikalislamischen Hamas verwalteten Gazastreifen. Jeden Tag fährt er mit seinem Boot in die Fünf-Meilen-Zone hinaus und fängt ein paar Fische, um die dann von den Kund:innen heftig gefeilscht wird, weil sie sich kaum noch jemand leisten kann. Nicht viel besser ergeht es der heimlich von ihm verehrten Witwe Siham (Hiam Abbass), einer Schneiderin, deren Chef ihr das geringe Gehalt kürzt, weil niemand mehr ein Kleid kauft.

Ist diese ältere Generation noch genügsam, so sieht es mit den jungen Leuten anders aus: Ein Freund von Issa hat seine Ersparnisse gerade einem Schlepper gegeben, der ihn nach Europa bringen soll, und auch Sihams Tochter Leila wirkt in ihrem Habitus westlich, sie ist geschieden und „macht, was sie will“, wie Issas Schwester in Erfahrung bringt, die das überaus unschicklich findet.

Diese kleinen Alltagsgeschichten machen einen Großteil der sehr verhaltenen Komödie um die ungeschickte Werbung Issas um Siham sowie seine Probleme mit den Behörden aus, als er eine antike Statue im Meer findet, die die Hamas-Vertreter gern selbst verscherbeln möchten. Die in Gaza aufgewachsenen Brüder Nasser haben ihren Film in Jordanien und Portugal gedreht und dabei das Production Design selbst in die Hand genommen – alles wirkt sehr authentisch. Die Rezeption des Films aber dürfte vom jeweiligen Blick abhängen: Was für palästinensische Augen möglicherweise sehr offenherzig wirkt, ist aus europäischer Sicht zwar sympathisch, aber doch auch recht harmlos.

F/D/POR/Palästina/Qatar 2020, 92 Min., R: Tarzan & Arab Nassser, D: Salim Dau, Hiam Abbass, Maisa Abd Elhadi, Start: 22.7.


Demenz ist eine Zeitreise: „Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen“ mit Emilia Schüle

„Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen“ von Nadine Heinze und Marc Dietschreit. Bild: Filmwelt

DRAMÖDIE Marija kommt aus der Ukraine nach Deutschland, wo die junge Frau den dementen Verleger Curt rund um die Uhr pflegen soll. Das hat bislang seine Tochter Almut gemacht, unter deren Kontrollzwang die verunsicherte Marija nun zunächst zu leiden hat. Doch statt ins Sozialdrama biegt der Film von Nadine Heinze und Marc Dietschreit bald in eine durchaus auch lebensfrohe Dramödie ab, als Curt (Günther Maria Halmer) in Marija (Emilia Schüle) seine längst verstorbene Frau zu erblicken glaubt und mit ihr unter anderem eine lässige „Zeitreise“ in die luxuriösen 1970er Jahre unternimmt. Bis eines Tages Almut wieder auftaucht – nun ebenfalls pflegebedürftig…

Die Gratwanderung zwischen Ernst und Komik gelingt dem Film auffallend gut: „Die Vergesslichkeit der Eichhörnchen“ lässt sich in gleicher Weise auf die Probleme von Demenzkranken, alleinpflegenden Angehörigen und den Pflegekräften aus Osteuropa ein, wie er auch den lustvollen Ausbruch aus einem Kreislauf zelebriert, in dem viele Hoffnungen und Träume stets hinten angestellt werden.

D 2020, 109 Min., R: Nadine Heinze und Marc Dietschreit, D: Emilia Schüle, Günther Maria Halmer, Fabian Hinrichs, Start: 22.7.

Weiterhin im Kino: die Filmstarts vom 15. Juli. Hier haben wir die Filmstarts vom 8. Juli und die vom 1. Juli. Unser Interview mit Daniel Brühl zu seinem Film „Nebenan“; und das aktuelle Angebot der Freiluftkinos