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Filmstarts der Woche: Von „Schachnovelle“ bis „Helden der Wahrscheinlichkeit“

Eine Woche vor dem neuen James Bond wagen sich noch zwei größere Arthouse-Titel an den Start: die schräge dänische Komödie „Helden der Wahrscheinlichkeit“ und die neue deutsche Verfilmung von Stefan Zweigs „Schachnovelle“ mit Oliver Masucci. Dazu stellen wir euch bei unseren Filmstarts auch sehenswerte kleinere Dokumentarfilme über Pflege und Jugendarbeit vor, außerdem den cleveren deutschen Genremix „Toubab“. Die Filmstarts der Woche im tip-Berlin-Überblick.


Schachnovelle

Neu im Kino: "Schachnovelle" von Philipp Stölzl. Bild: Studiocanal
Neu im Kino: „Schachnovelle“ von Philipp Stölzl. Bild: Studiocanal

LITERATURVERFILMUNG Im Grunde ist Stefan Zweigs vielseitig interpretierbare „Schachnovelle“ in ihrer literarischen Struktur (mit einem namenlosen Ich-Erzähler) und ihrem Anspielungsreichtum nahezu unverfilmbar. Zweig erzählt in seinem Text von einer Schiffspassage, auf der der Weltschachmeister Czentovic, ein dumpfer, geldgieriger Mann mit einseitiger Schach-Begabung, bei zwei Schachpartien auf Dr. B. trifft, einen Vermögensverwalter der alten österreichischen Eliten, der von den Nationalsozialisten lange Zeit in Isolationshaft in einem Hotelzimmer gehalten wurde. Lediglich ein gestohlenes Buch mit den Zügen berühmter Schachpartien bewahrte ihn dabei vor dem Abgleiten in den völligen Wahnsinn.

Regisseur Philipp Stölzl und Drehbuchautor Eldar Grigorian haben in ihrer Verfilmung den Ich-Erzähler eliminiert, den Schachmeister mit all seinen Implikationen eher zur Nebenfigur gemacht und die Geschichte komplett in Richtung des Dr. Bartok (so heißt er im Film) gedreht: Vom wohlhabend-schönen Leben der Vor-Nazi-Ära über das ängliche Nicht-Wahrhaben-Wollen der Bedrohung bis hin zur Isolationshaft und der Deutung der gesamten Schiffpassage als einen Traum vom Ausbruch entsteht so die zusehends düstere Story vom unaufhaltsamen Abgleiten eines Mannes in den psychischen Abgrund.

Dass dies überzeugend gelingt, verdankt der Film sowohl der schauspielerischen Tour de Force von Oliver Masucci, der als Dr. Bartok in jeder Szene zu sehen ist, als auch der geschickten Inszenierung von immer enger werdenden Räumen, die auf dem Schiff von einem Nebel der Irrealität umwabert werden. Lars Penning

D/A 2021, 110 Min., R: Philipp Stölzl, D: Oliver Masucci, Albrecht Schuch, Birgit Minichmayr, Start: 23.9.

Ein tipBerlin-Gespräch mit Regisseur Philipp Stölzl über „Schachnovelle“ lest ihr hier.


Helden der Wahrscheinlichkeit – Riders of Justice

„Helden der Wahrscheinlichkeit“ von Anders Thomas Jensen. Bild: Neue Visionen

SCHWARZE KOMÖDIE Für die Ermittlungsbehörden war die Explosion, die in einem Tunnel einen Zug zerfetzte und zahlreiche Todesopfer forderte, ein Unglück. Doch der Mathematiker Otto, sein Kollege Lennart und der Hacker Emmenthaler wissen es besser: Es war ein Bombenanschlag, dessen Spuren zu einer Rockerbande, den „Riders of Justice“, führen. Davon können sie den Berufssoldaten Markus überzeugen, dessen Frau unter den Opfern war. Unter dessen Führung planen sie einen Rachefeldzug – selbst wenn sie im Gegensatz zu ihm nicht einmal den notwendigen Umgang mit Waffen beherrschen. Trotz ihrer Tolpatschigkeit in allen praktischen Dingen dauert es nicht lange, bis Leichen ihren Weg pflastern…

Bei Algorithmen denkt man heutzutage an Amazon und Netflix und deren Ausforschung des Konsumentenverhaltens; in diesem Film sieht man, dass damit noch ganz andere Verbindungslinien gezogen werden können. Wenn der äußerst produktive dänische Autor Anders Thomas Jensen eines seiner Drehbücher selber verfilmt, kann sich der Zuschauer auf ein provokantes Filmerlebnis einstellen, ob es sich um die Konfrontation eines friedliebenden Pfarrers mit einem gewaltbereiten Skinhead („Adams Äpfel“), um zwei Schlachter, deren viel gepriesene Wurst geheime Zutaten enthält („Dänische Delikatessen“) oder um vier seltsame Brüder („Men & Chicken“) handelt.

In seinem neuen Film stellt er das Muster des Rachefilms, spätestens seit dem Charles Bronson-Film „Ein Mann sieht rot“ ein immer wieder gern benutztes Erfolgsmodell, auf den Kopf und zeigt, wohin Verschwörungstheorien führen können. Insofern ist der deutsche Kinostarttermin, 20 Jahre nach 9/11, gut gewählt. Frank Arnold

Retfærdighedens ryttere (OT); DK/S/FIN 2020; 116 Min.; R: Anders Thomas Jensen; D: Mads Mikkelsen, Nikolaj Lie Kaas, Andrea Heick Gadeberg; Start: 23.9.


Toubab

Filmstarts der Woche: "Toubab" von Florian Dietrich. Bild: Camino
Filmstarts der Woche: „Toubab“ von Florian Dietrich. Bild: Camino

KOMÖDIE Die Entlassung aus dem Knast nach zwei Jahren Haft muss gefeiert werden. Babtous bester Freund Dennis zündet eine Feuerwerksrakete, und die alte Gang aus dem Frankfurter Hochhausviertel begrüßt ihn auf der Straße. Als dann die Polizei kommt, entwickelt sich schnell eine Schlägerei, bei der Babtou seinem am Boden liegenden Freund zu Hilfe kommt. Dafür findet er sich nicht im Gefängnis wieder, sondern in den Räumen der Frankfurter Ausländerbehörde, die ihm ein Einwegticket in den Senegal präsentiert. Daher kamen einst Babtous Eltern; er selber ist in Deutschland geboren.

Seine einzige Rettung: eine Heirat. Doch all seine Ex-Freundinnen brechen bei diesem Ansinnen in schallendes Gelächter aus, wenn sie ihm nicht sofort die Tür vor der Nase zuschlagen. Als letzten Ausweg verfällt Babtou auf seinen Freund Dennis. Der ist mit der schwangeren Tochter seines Chefs zusammen und zunächst von diesem Ansinnen gar nicht angetan, willigt aber schließlich ein. Wobei beide merken, dass sie die plötzlich aufflackernde Homophobie ihrer einstigen Kumpels unterschätzt haben.

Es gibt aber auch Zuspruch von unerwarteter Seite. Dadurch bekommt die Geschichte noch einmal andere Färbungen. Babtou, dessen homophobe Äußerungen aus dem Knast ihm jetzt vorgehalten werden, entdeckt die Freuden eines anderen Milieus, und auch wenn er sich schließlich im Senegal befindet, endet der Film mit einem Hoffnungsschimmer. Florian Dietrichs Kinodebüt erweist sich als gelungene Mischung verschiedener Genres, aus Komödie und Drama, überzeugend gespielt und gerade beim Filmfestival in Schwerin dreifach ausgezeichnet. Frank Arnold

D 2020; 96 Min.; R: Florian Dietrich; D: Farba Dieng, Juli Nitschkoff, Valerie Koch; Kinostart: 23.9.


Mitgefühl

„Mitgefühl – Pflege neu denken“ von Louise Detlefsen. Bild: Weltkino

DOKUMENTARFILM Jährlich erkranken 250.000 Menschen in Deutschland an Alzheimer und Demenz, täglich verlieren sie ein Stück ihres Lebens und gehen über Jahre unaufhaltsam ins Nichts, meist mit der letzten Station Pflegeheim. May Bjerre Eiby gründete aus persönlicher Betroffenheit ein eigenes Pflegeheim. Selbst gelernte Altenpflegerin, musste sie miterleben, wie ihr eigener Vater kurz nach seiner Heimeinweisung an „schwerer Vernachlässigung“ starb, davon ist sie überzeugt. Sie ließ im dänischen Dagmarsminde ein Refugium für alte Menschen bauen, um ihre Vorstellungen von menschenwürdiger Pflege umzusetzen. Die Leitidee klingt simpel, ist es aber selten in der Praxis: Mitgefühl als Behandlungsmethode.

„Mitgefühl“ heißt folgerichtig der Dokumentarfilm von Louise Detlefsen über das Leben (und auch Sterben) in diesem außergewöhnlichen Haus. Hier werden möglichst wenig Medikamente verabreicht, stattdessen gibt es auch mal ein Gläschen Sekt oder Portwein für die Bewohner. Der Alltag ist wie in einer großen WG organisiert, Gemeinschaft und Zusammenhalt sind wichtig, was jedoch besonders zählt, sind Werte wie menschliche Nähe, Wärme und Zuspruch.

Der Film lädt auf behutsame Weise den Zuschauer zu einem Besuch ein. Man lernt Menschen auf der Überholspur des Alterns kennen. Manche sind lebensmüde, sie können und wollen nicht mehr, manche sind wütend, weil sie ihre eigene Verwirrung nicht verstehen. Aber hier werden sie nicht aufgegeben, sich nicht selbst überlassen. Was das den Pflegerinnen mitunter an Anstrengungen und emotionaler Kraft kostet, ist in deren Gesichtern zu lesen. „Mitgefühl“ zeigt nachdrücklich auf, dass Altern ein Prozess ist, der uns alle angeht und mehr gesellschaftliches Bewusstsein braucht. Andreas Döhler

It Is Not Over Yet (OT); DK/D 2021; 96 Min.; R: Louise Detlefsen; Kinostart: 23.9.


Lionhearted

„Lionhearted“ von Antje Drinnenberg. Bild: Filmperlen

DOKUMENTARFILM „Life Is A Metaphor For Boxing“. Das Leben ist eine Metapher für das Boxen. Dieser Satz von George Foreman steht dem Film „Lionhearted“ voran und stammt aus dem goldenen Zeitalter des Boxens, das angesichts der entfesselten Kommerzialisierung des Profi-Boxsports längst Geschichte ist. Dass das wahre Herz des Boxens immer noch im Amateurbereich schlägt, beweist hingegen der Dokumentarfilm „Lionhearted“ von Antje Drinnenberg.

Die Seele des Films ist Boxtrainer Ali vom TSV 1860 München. Durch seine Migrationsgeschichte (er kam mit neun Jahren aus der Türkei nach Deutschland), eine Kindheit in schwierigen familiären Verhältnissen und Schicksalsschläge in jungen Jahren ist er mehr als nur ein Coach für seine jugendlichen Boxer. Er ist ihr Ansprechpartner in allen Lebenslagen, Vaterfigur, Sozialarbeiter, Mentor und Antreiber, wenn es um ihre Leistungen im Training und im Ring geht. Müßig zu erwähnen, dass alle seine Schützlinge in ihrem Leben bisher keine Sonntagskinder waren und im Boxen ein Ventil, eine Möglichkeit gefunden haben, sich selbst und ihre Umstände besser in den Griff zu bekommen.

Durch einen smarten Twist in der Dramaturgie entgeht der Film der Falle, in eine Sozialschmonzette abzurutschen. Die Boxtruppe fährt nach Ghana zu einer Partner-Schule, die, von einem Ex-Boxprofi gemanagt, Jugendliche von der Straße aufsammelt, um ihnen Orientierung und Halt zu geben. Diese Reise stellt ihre bisherige Welt auf den Kopf, zeigt sie sichtlich beeindruckt von einer Realität, der eher mit Demut als mit Coolness und Härte beizukommen ist. Getragen von einer großartigen Kameraarbeit, ist „Lionhearted“ der Glücksfall eines vitalen, ästhetisch eleganten und trotzdem sozial engagierten dokumentarischen Kinos. Andreas Döhler

D 2021, 90 Min., R: Antje Drinnenberg, Start: 23.9.


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