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Filmstarts der Woche: Vom Wikingerepos „The Northman“ zum Dokumentarfilm „Köy“

Nicht weniger als den definitiven Wikingerfilm hat sich Robert Eggers mit „The Northman“ vorgenommen: herausgekommen ist tatsächlich ein wildes Spektakel mit allen Gottheiten und Hexenwesen, die von der christlichen Kirche verboten wurden. Außerdem diese Woche neu: der sehenswerte Dokumentarfilm „Köy“ von Serpil Turhan, ein Porträt dreier kurdischer Frauen in Berlin; und Benedict Cumberbatch spielt einen Exzentriker („Die wundersame Welt des Louis Wain“). Die Filmstarts der Woche im tipBerlin-Überblick.


Robert Eggers geht mit „The Northman“ aufs Ganze des finsteren Wikingerlebens

„The Northman“ von Robert Eggers. Foto: Universal

ACTION Bei den Wikingern hat sich im Lauf der Zeit die Darstellung doch deutlich verschoben. Der kleine Wickie aus der Zeichentrickserie, mit seinen fixen Ideen und den ollen Kollegen Faxe und Snorre, das war noch ein harmloses Bild vom Leben der unchristlichen Leute aus dem Norden. Seither wurde aber in Fernsehserien und auch im Kino drastisch ausgemalt, wie es sich auf der finsteren Seite der Zivilisation vielleicht wirklich angefühlt haben könnte. Der Action- und Abenteuerfilm „The Northman“ von Robert Eggers führt das nun alles noch einmal gründlich zusammen in eine Großerzählung, mit jeder Menge heidnischer Vorstellungen und zugleich vor dem Hintergrund klassischer Rachedramaturgien. Der „Nordmann“ heißt hier Amleth, damit kommt sofort Shakespeare ins Spiel, dessen „Hamlet“ mit seiner alten Vorlage hier deutlich Pate stand.

Amleth wird aus der Erbfolge in einem Wikinger-Geschlecht entfernt, schlimmer noch, seine Mutter (Nicole Kidman) schlägt sich auf die Seite des Usurpators. Es dauert dann einen großen Umweg weit ins vorgeschichtliche Russische und eine lange Zeit der Demütigungen für Amleth, bevor er endlich seiner Rolle als angestammter Herrscher wieder näherkommen kann. Eggers (bekannt geworden mit dem Leuchtturm-Thriller „The Lighthouse“) erzählt das alles mit epischem (gefrierendem) Atem, er schwelgt geradezu in den wilden Mythen, die man mit ein wenig erzählerischer Fantasie aus den alten Erzählungen der Edda und Ähnlichem herausholen kann. Tolle Landschaften, starke Schauspieler (Anya Taylor-Joy, Claes Bang) tragen zu einem sehenswerten Spektakel bei. Bert Rebhandl

USA 2022; 136 Min.; R: Robert Eggers; D: Alexander Skarsgård, Nicole Kidman, Anya Taylor-Joy; Kinostart: 23.4.

Hier geht es zu unserem Interview mit „Northman“-Hauptdarsteller-Alexander Skarsgård.


Köy

„Köy“ von Serpil Turhan. Foto: Salzgeber

DOKU Die Berliner Regisseurin Serpil Turhan porträtiert in „Köy“ drei Kurdinnen unterschiedlicher Generationen, die von der fernen Heimat träumen, von der Landschaft, von Menschen, die ihre Sprache sprechen. Und das selbst dann, wenn sie – wie Hêvîn, die jüngste der drei Frauen – gar nicht in Kurdistan, sondern in Kreuzberg geboren wurden. „Das Dorf“ ist der in den Gesprächen am häufigsten fallende Begriff, die Leerstelle im Leben, die auf verschiedene Weise gefüllt sein will. Ein kluger Film über Identität und Heimat. Lars Penning

D 2021; 90 Min; R: Serpil Turhan; Kinostart: 21.4.


The Second Life

„The Second Life – Das zweite Leben“ von Davide Gambino. Foto: Real Fiction

DOKU Drei Tierpräparatoren bei der Arbeit: Robert Stein, Maurizio Gattabria und Christophe de Mey vom Naturhistorischen Museum in Berlin, Rom beziehungsweise Brüssel bereiten sich auf die European Taxidermy Championship in Salzburg vor; der eine stopft einen Seeadler aus, der andere einen Orang-Utang, der dritte versucht sich an einem Tiger. Allen dreien gemeinsam ist die Überzeugung, dass die Distanz zur Natur, in die die Menschheit selbstverschuldet geraten ist, mithilfe präparierter Tiere überwunden werden kann. Denn diese suchen nicht das Weite, wenn sie den Menschen sehen, und sie beißen nicht, wenn er sie anfasst. Und weiterhin vereinigt sich in einem guten Präparat die Schönheit der Schöpfung mit der Wehmut über ihre Vergänglichkeit, woraus der Impuls zu ihrem Schutz erwachsen kann.

Insofern ist der Blick hinter die Kulissen aufschlussreich, den „The Second Life“ ermöglicht. Es ist zugleich der Blick auf ein komplexes Wechselspiel zwischen Leben, Tod und Schein, zwischen der Sehnsucht des Menschen nach Kontakt, die immer auch eine nach dem Ursprung ist, und der Frustration über das Nicht-Gelingen, die das eigene existenzielle Unbehaustsein einmal mehr schmerzhaft deutlich macht. In den Glasaugen des Präparats spiegelt kein Erkennen und schottet die „Natur“ sich endgültig ab gegen ihren Zerstörer.

Das Haar in der Suppe ist der etwas zu pathetisch geratene Text des Voiceovers, der zudem von Hannes Jaenicke mit einer Stimme vorgetragen wird, der der dazu erhobene Zeigefinger tatsächlich anzuhören ist. Bedenkt man aber, dass in der Originalversion der ausgestopfte Orang-Utang die mahnenden Worte spricht, dann nimmt man Jaenickes bedeutungsschwangeres Tremolo gnädiger in Kauf. Alexandra Seitz

B/D/I 2020; 79 Min.; R: Davide Gambino; Kinostart: 21.4.


Die wundersame Welt des Louis Wain

„Die wundersame Welt des louis Wain“ von Will Sharpe. Foto: Studiocanal

BIOGRAFIE Der grafische Künstler Louis Wain ist bis heute bekannt durch seine Bilder von vermenschlichten Katzen: sentimentale Erbauung für die Menschen des viktorianischen Zeitalters, in das er 1860 in London hineingeboren wurde. Eine künstlerische Einschätzung erspart sich das Biopic „Die wundersame Welt des Louis Wain“ allerdings – Regisseur Will Sharpe ist mehr daran interessiert, auf tragikomische Weise das Dasein eines Mannes zu schildern, der für das Leben als Haushaltsvorstand mit der Verantwortung für seine Mutter und fünf jüngere Schwestern grotesk überfordert war.

Denn Wain (Benedict Cumberbatch) besaß keinerlei geschäftliches Talent, verhedderte sich in absurden Unternehmungen, deren Wichtigkeit sich nur ihm selbst erschloss, und verwirrte seine Gesprächspartner mit kruden Theorien über die Elektrizität. Dass er sich und die Familie überhaupt irgendwie durchbrachte, verdankte er Gönnern, die sein zeichnerisches Talent schätzten, sowie dem sanften Zuspruch seiner Frau Emily (Claire Foy), einer ehemaligen Gouvernante seiner Schwestern, die jedoch bald an einer Krebserkrankung verstarb. In späteren Jahren erkrankte Wain (vermutlich) an Schizophrenie, seine letzten 25 Lebensjahre verbrachte der Künstler in Anstalten, er starb 1939. 

Was den Film jenseits der energischen Leistung von Benedict Cumberbatch in der Titelrolle interessant macht, ist vor allem die gelungene Gratwanderung zwischen einer liebenswerten Exzentrik, die auch durchaus komische Momente hervorbringt, und dem Abrutschen in einen pathologischen Zustand, der bei ähnlicher Symptomatik signalisiert: Schluss mit Lustig. Der Unterschied ist haarfein. Lars Penning

GB 2021; 111 Min.; R: Will Sharpe; D: Benedict Cumberbatch, Claire Foy,  Andrea Riseborough; Kinostart: 21.4.


In den besten Händen

„In den besten Händen“ von Catherine Corsini. Foto: Alamode

DRAMA Wenn zwei Frauen nebeneinander im Bett liegen, und die eine der anderen, schlafenden, innerhalb einer Stunde vierunddreißig SMS schickt, dann muss man wohl davon ausgehen, dass ihre Beziehung in einer Krise steckt. So ist es bei der Comiczeichnerin Raphaela und ihrer Verlegerin Juliet, die seit zehn Jahren ein Paar sind.

Allerdings erzählt die Regisseurin Catherine Corsini diesmal keine weitere lesbische Liebesgeschichte wie zuletzt 2015 in „La belle saison – Eine Sommerliebe“. Der Bruch, den der Originaltitel des Films, „La Fracture“, benennt, ist ein mehrfacher: der gebrochene Arm, den sich Raphaela zuzieht, als sie auf der Straße stürzt und der sie in die Notaufnahme bringt, die Krise in ihrer langjährigen Beziehung, aber auch der gesellschaftliche Bruch, der sich in der Protestbewegung der Gelbwesten manifestiert – Stoff für die Auseinandersetzung zwischen Raphaela und dem Lastwagenfahrer Yann, der nach einer Auseinandersetzung mit der Polizei ihr Zimmernachbar wird. Frank Arnold

F 2021; 98 Min.; R: Catherine Corsini; D: Valeria Bruni Tedeschi, Marina Fois, Pio Marmaï, Aissatou Diallo Sagna; Kinostart: 21.4.


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