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Neu im Kino

Filmstarts der Woche: Von den „Minions“ bis „Der beste Film aller Zeiten“

Diese Woche weist eine interessante Zusammensetzung auf. Da ein alles dominierender Blockbuster fehlt, haben sich gleich eine Reihe von spannenden, interessanten und vergnüglichen Filmen das Feld aufgeteilt. Juliette Binoche spielt in „Wie im echten Leben“ eine Reporterin unter prekär Arbeitenden; der in Berlin lebende Schwede Jöns Jönsson legt mit „Axiom“ ein Meisterwerk vor; dazu gibt es Penélope Cruz in der Komödie „Der beste Film aller Zeiten“ und einiges mehr. Die Filmstarts der Woche im tipBerlin-Überblick.


Wie im echten Leben

„Wie im echten Leben“ von Emmanuel Carrère. Foto: Neue Visionen

DRAMA Eine Frau jenseits der 50 möchte (oder muss) noch einmal „bei Null anfangen“. Sie heißt Marianne, und bewirbt sich als Putzfrau. In Frankreich sagt man beschönigend: Oberflächentechnikerin. Sie mischt sich unter die Frauen, die Toiletten schrubben und auf einer Fähre das wegmachen, was Touristen in ihrer Gedankenlosigkeit eben so hinterlassen. Marianne ist allerdings nicht wirklich auf diesen Job angewiesen. Sie ist in Wahrheit eine erfolgreiche Autorin, die sich für eine Reportage über Prekarität nach „ganz unten“ begibt – so hieß einst in Deutschland ein Bestseller von Günter Wallraff, der sich als mutmaßlicher Türke auf den deutschen Arbeitsmarkt wagte.

„Wie im echten Leben“ beruht auf einem französischen Bestseller, der von einem ähnlichen Projekt berichtet. Regie führt ein Mann, der seinerseits das Format der Reportage wie nur wenige neu definiert hat: Emmanuel Carrère wurde mit seinen autobiographisch imprägnierten Annäherungen an komplizierte Wirklichkeiten (zuletzt „Yoga“) zu einem Schreibstar. Im Film lässt er sich von Juliette Binoche vertreten, die Marianne spielt. Die restlichen Darstellerinnen wurden eigens aus dem „richtigen Leben“ gecastet. Und so geht es in „Wie im echten Leben“ einerseits um die harte, aber auch solidarische Realität von Menschen, die schlecht bezahlt Arbeiten machen, um die sich niemand reißt. Es geht aber und am Ende vor allem um die Distanz der Intellektuellen, die sich nicht wirklich überwinden lässt. Bert Rebhandl

Frankreich 2021; 106 Min.; R: Emmanuel Carrère; D: Juliette Binoche, Hélène Lambert, Léa Carne; Kinostart: 30.6.


Axiom

„Axiom“ von Jöns Jönsson. Foto: Bon Voyage Films

DRAMA/KOMÖDIE Was an Julius (Moritz von Treuenfels) ist überhaupt echt? Hanebüchen sind die Geschichten, die der junge Mann Freunden und Kollegen auftischt, waghalsig die Manöver, wenn das Erfundene ans Licht zu kommen droht. Jöns Jönsson inszeniert subtil und federleicht, unter der Decke teils oberflächlicher Plaudereien warten philosophische Fragen, denen man sich nur schwer entziehen kann. Carolin Weidner

D 2022, 108 Min., R: Jöns Jönsson, D: Moritz von Treuenfels, Ricarda Seifried, Thomas Schubert, Start: 30.06.


Der beste Film aller Zeiten

Penélope Cruz in „Der beste Film aller Zeiten“ von Gaston Duprat und Mariano Cohn. Foto: StudioCanal

KOMÖDIE Anlässlich seines 80. Geburtstages gerät der milliardenschwere Unternehmer ins Grübeln: Woran werden sich die Menschen erinnern, wenn sie an ihn zurückdenken? Also muss etwas Bedeutendes her, um es zu hinterlassen; einen Film will er in die Welt setzen, und nur vom Feinsten soll er sein. Er kauft die Rechte an „Rivalen“, einem Bestseller über einen Bruderzwist, und heuert die in Arthouse-Kreisen schwer angesagte Regisseurin Lola Cuevas (Penélope Cruz) an. Die wiederum holt für die Hauptrollen Félix Rivero (Antonio Banderas) und Iván Torres (Oscar Martínez) an Bord, Vertreter unterschiedlicher Schauspielschulen zwar, aber jeder in seinem Reich ein Star. Sodann werden neun Tage Proben angesetzt, die keine:r der Beteiligten unbeschadet überstehen wird.

Es ist die Geschichte eines Eitelkeitsprojektes, die das argentinische Autoren- und Regieduo Gastón Duprat und Mariano Cohn in „Der beste Film aller Zeiten“ erzählt. Es ist aber auch, und das drückt der Originaltitel „Competencia oficial“ aus, die Geschichte eines Wettbewerbs, einer Konkurrenz: zunächst zwischen den beiden Schauspielern, dann aber auch zwischen den Schauspielern und ihrer Regisseurin sowie nicht zuletzt zwischen der Regisseurin und ihrem Produzenten. Und ganz gleich, ob sich die Rivalität nun entlang von „Hollywood versus Theater“ oder „Mann versus Frau“ oder „Kunst versus Kommerz“ organisiert, zugrunde liegt immer die Frage, wer eigentlich das Sagen und die Deutungshoheit, sprich: den Längsten hat.

Klingt nach Zickenkrieg und Hahnenkampf, jedenfalls laut und hysterisch. Duprat und Cohn aber entwerfen mit beeindruckender Sorgfalt und einiger analytischer Schärfe einen zermürbenden Kleinkrieg gegenseitiger Manipulation, der das ganze Feld von Erpressung bis Autosuggestion abdeckt. Und nie werden sie dabei müde, immer noch eine weitere Ebene der Reflexion vermittels Spiegeln, Monitoren, Objektiven und Fenstern einzuziehen, auf der, was eben noch Wahrheit schien, sich in Schauspielerei und weitergehend in Lüge verwandeln kann. So ist „Der beste Film aller Zeiten“ eine abstrakte Versuchsanordnung einerseits, ein Hochofen der Emotionen andererseits. Angesiedelt zudem in einem stocknüchternen, unterkühlten Gebäude aus Stahl, Glas, Beton und Holz. Es liefert einen Rahmen von hohem formalen Reiz, perfekt geeignet für ein eher intellektuelles Vergnügen: den Blick in die mitunter doch recht grausame Mechanik künstlerischer Prozesse. Alexandra Seitz

Spanien/Argentinien 2021; 114 Min.; R: Gastón Duprat und Mariano Cohn; D: Penélope Cruz, Antonio Banderas, Oscar Martínez; Kinostart: 30.6.


Der menschliche Faktor

„Der menschliche Faktor“ von Ronny Trocker. Foto: Farbfilm

THRILLER Was jede:r Krimifreund:in weiß: vier Zeug:innen, fünf verschiedene Aussagen, mindestens. Die eine hat Stimmen gehört, der andere einen Aufprall vernommen. Jene hat Schatten gesehen, jener jemanden im Versteck beobachtet. Ja was nun? Oder war da womöglich gar nichts?

Vater Jan, Mutter Nina, Tochter Emma, Sohn Max erreichen ihr Ferienhaus in Belgien, nahe der Küste. Ein erholsames Wochenende soll es werden, in dem es endlich einmal wieder nur um die Familie geht; die hat es bitter nötig, und natürlich geht es schief. Kaum angekommen nämlich schlägt mit Karacho eine Tür zu und folgt ein Gepolter auf der Treppe. Nina ist sich sicher: Einbrecher! Emma findet die Mutter hysterisch, Max‘ Ratte Zorro nutzt den Aufruhr zur Flucht, Jan will familienväterlich beruhigend auf alle einwirken. Doch schon hat sich der Ton verschärft, zieht eine Bitterkeit zwischen die Zeilen, die wohl bereits länger gärt, werden alte Angriffspositionen eingenommen und vertraute Verteidigungsstellungen bezogen. Die erste Schicht ist abgetragen, die ersten Sollbruchstellen im Gefüge sind freigelegt.

Die Familie als Konfliktfeld und die Schwierigkeiten der Verständigung sind Gegenstand von „Der menschliche Faktor“, den Ronny Trocker nach eigenem Drehbuch inszeniert hat. Beileibe kein neues Thema, auch für Trocker nicht. Der hat zuvor in seinem Erstling „Die Einsiedler“ (2016) die von unausgesprochenen Erwartungen und verdrängten Enttäuschungen vergiftete Atmosphäre in einem Südtiroler Bergbauernhaushalt bis an die Schmerzgrenze erkundet. Diesmal nimmt er die gutsituierte obere Mittelschicht in Deutschlands Norden unter die Lupe. Und waren es in „Die Einsiedler“ Ingrid Burkhard und Andreas Lust, die Trockers formale Raffinesse mit darstellerischer Feinheit flankierten, so sind es diesmal Mark Waschke und Sabine Timoteo, deren subtiles Spiel den inszenatorischen Ansatz tiefgreifend erweitert.

In immer wieder neuen Anläufen umkreist Trocker das Ereignis, den Übergriff, zeigt das Geschehen aus den unterschiedlichen Perspektiven der Familienmitglieder –  schließlich sogar aus jener Zorros, die dann zwar mit einer überraschenden Erkenntnis aufwarten kann, aber damit kein einziges Problem löst.

Wozu also ist die Wahrheit nütze? Und: Steht am Ende ein Aufbruch? Oder der Fortgang der alten Routinen? Der menschliche Faktor, der dieser faszinierenden Erkundung von Verrat und Konsequenz den Titel gibt, er kann auch das Beharrungsvermögen meinen, das eine:n im falschen Leben gefangen bleiben lässt, der Einfachheit halber. Alexandra Seitz

D/I/DK 2022; 102 Min.; R: Ronny Trocker; D: Mark Waschke, Sabine Timoteo, Jule Hermann, Wanja Valentin Kube; Kinostart: 30.6.


Mein Name ist Violeta

„Mein Name ist Violeta“ von David Fernandez de Castro und Marc Parramon. Foto: W-Film

DOKU Am Anfang des Films steht ein Casting: Spanische Jungen und Mädchen sitzen jeweils einzeln vor der Kamera, eine:r von ihnen soll später in einigen Szenen des Film die Hauptprotagonistin Violeta darstellen, ein 11-jähriges trans Mädchen. Um deren Identität zu schützen, sagt die Jugendschutzbehörde, was der Film später noch diskutieren wird. Ist das nicht auch eine Art von Diskriminierung? Aber zunächst geht es um die anderen Kinder. Die Frage, ob sie ein Mädchen oder ein Junge seien, bringt die Kids nicht aus der Fassung. Die Antworten sind eindeutig. Aber auf die zweite Frage, woher sie das denn wüssten, finden die meisten keine Antwort. Großes Achselzucken. Irgendwie weiß man das doch.

Genau darum geht es. Auch Violeta, einst geboren als Ignacio, weiß, dass sie ein Mädchen ist. Auch wenn im Pass lange etwas anderes stand. Dass sie sich in Mädchenkleidung in knalligen Farben wohlfühlt. Und dass das nur der Anfang einer Entwicklung ist, deren zu erwartende Schwierigkeiten sie am besten mit viel Hilfe ihrer verständnisvollen Eltern bewältigen kann, und natürlich, wenn sie ganz sie selbst bleibt.

Der Dokumentarfilm von David Fernández de Castro und Marc Parramon stellt Violetas Schicksal zwar in den Mittelpunkt, erzählt geschickt verwoben aber auch Geschichten um Schicksale von anderen trans Personen verschiedenen Alters: Alan, der Depressionen bekam und sich umbrachte, Iván, der eine Hormontherapie begonnen hat, und von seinem Selbstbild berichtet, sowie Carla, die noch die Zeiten der Franco-Diktatur kennt. Sie alle hatten und haben es nicht leicht. Dabei wäre es doch so einfach, Menschen so sein zu lassen, wie sie nun einmal sind. Wo ist das Problem? Lars Penning

Spanien 2019; 75 Min.; R: David Fernández de Castro, Marc Parramon; Kinostart: 30.6.


Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss

„Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ von Kyle Balda und Brad Ableson. Foto: Universal

ANIMATION Allen Publikumserfolgen zum Trotz ging es mit den mittlerweile drei „Ich… einfach unverbesserlich“-Filmen zuletzt qualitativ deutlich bergab. Immer verworrener wurden die Geschichten um den (Ex-)Superschurken Gru und seine kleinen gelben Helfer, die Minions, die in ihrem als Prequel konzipierten Spin-Off „Minions“ (2015) auch noch ohne ihren Chef auskommen mussten. Damals landeten sie in einer ziemlich stillosen Story rund um eine Schurkin, die in den späten Sixties Königin Elizabeth II. um den Thron bringen will.

Insofern ist „Minions – Auf der Suche nach dem Mini-Boss“ eine rundum erfreuliche Überraschung. Hauptfigur ist hier einmal mehr Gru, allerdings als zwölfjähriges Kind, das es sich in den Kopf gesetzt hat, unbedingt Aufnahme in einer Bande von Superschurken zu finden. Stattdessen landen Gru und die Minions in einer Auseinandersetzung, die perfekt das Konzept dieser Filme bedient: wenig zusammenhängende Handlung, viele Verfolgungsjagden und Gags in schneller Folge – die meisten von ihnen zünden sogar.

Vor allem aber ist die Ansiedlung der Handlung in den 1970er Jahren diesmal richtig gut gelungen. Hier gibt es die – richtigen – popkulturellen Verweise in rauen Mengen: weiße Schlaghosen, gewaltige Afrofrisuren, Kung-Fu-Training, Chopper-Motorräder und ihr Äquivalent, das Bonanza-Fahrrad. Dazu läuft der ebenfalls richtige Soundtrack: von Disco bis Punk-Rock, und zwischendrin Linda Ronstadt mit „You’re No Good“, was die anwesenden Schurken als ihre Hymne begreifen. Da kann man sich schon amüsieren – zumindest solange man wenigstens gelegentlich ein Verlangen nach hemmungslosem Unsinn verspürt. Lars Penning

USA 2022; 87 Min.; R: Kyle Balda, Brad Ableson; Kinostart: 30.6.


The Princess

„The Princess“ von Ed Perkins. Foto: Nordpolaris

DOKU Ja, dieser Film handelt von der britischen Prinzessin Diana. Und nein, dies ist nicht die x-te Doku über den europäischen Hochadel und sein unerhebliches Leben. Für „The Princess“ hat der britische Regisseur Ed Perkins in einer unkommentierten Montage ausschließlich Archivmaterialien zusammengestellt, chronologisch von dem Zeitpunkt an, als Diana als künftige Frau des Thronfolgers in das Interesse der Öffentlichkeit rückte. Was Perkins dabei interessiert, ist vor allem die mediale Wahrnehmung (und deren Auswirkung auf die Stimmung in der Bevölkerung). Da gab es den oftmals zynischen Umgang der britischen Boulevardmedien mit der Prinzessin, aber zugleich auch die geschickte Instrumentalisierung der Presse durch Diana: mit den richtigen Indiskretionen zur richtigen Zeit oder einer perfekt symbolträchtigen Inszenierung (Diana vor dem Taj Mahal, dem Grabmal einer großen Liebe). Während sie sich natürlich gleichzeitig über den Mangel an Privatsphäre beschwerte. 

Einfach nur ein Opfer, das war Diana nämlich ganz sicher nicht, oder wenn, dann nur ein Opfer eines bestimmten Umstandes: dass man den Geist namens Medien nicht wieder in die Flasche bekommt, wenn man ihn einmal in sein Leben gelassen hat. Lars Penning

GB 2022; 109 Min.; R: Ed Perkins; Kinostart 30.6.


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