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Die Filmstarts der Woche: Von Schlöndorffs „Der Waldmacher“ bis „Loving Highsmith“

Diese Woche bringt einen Höhepunkt des Kinojahres: „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“ von dem georgischen DFFB-Absolventen Alexandre Koberidze startet auch mit einer großen Empfehlung der tipBerlin-Filmredaktion. Weiters kommt von dem französischen Autorenfilmer Jacques Audiard „Wo in Paris die Sonne aufgeht“ heraus, Volker Schlöndorff stemmt sich mit „Der Waldmacher“ gegen die Klimakatastrophe, „Death of a Ladies‘ Man“ ist eine Hommage an Leonard Cohen, und der Dokumentarfilm „Loving Highsmith“ stellt die große Autorin vor. Die Filmstarts der Woche im tipBerlin-Überblick.


Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?

„Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen“ von Alexandre Koberidze. Foto: Grandfilm

FILMKUNST In der georgischen Stadt Kutaissi werden Lisa und Giorgi, die sich gerade ineinander verliebt haben, von einem Fluch befallen, der es ihnen unmöglich macht, sich gegenseitig wiederzuerkennen. Dass ihrer beider Leben dennoch beginnen, sich in nächster Nähe auszurichten, erzählt Alexandre Koberidze in seinem prämierten Berlinale-Wettbewerbsfilm „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel sehen?“ voll Einfallsreichtum, Fantasie und filmischem Gespür. Carolin Weidner

D/GEO 2021, 150 Min., R: Alexandre Koberidze, D: Giorgi Bochorishvili, Vakhtang Panchulidze, Ani Karseladze, Start: 7.4.

Unser Interview mit Alexandre Koberidze, Regisseur von „Was sehen wir, wenn wir zum Himmel schauen?“


Wo in Paris die Sonne aufgeht

„Wo in Paris die Sonne aufgeht“ von Jacques Audiard. Foto: Neue Visionen

PARISFILM Im Pariser Stadtbezirk Les Olympiades treffen zwei Frauen und ein Mann in den verschiedensten Konstellationen aufeinander, wechselnd zwischen Sex, Liebe, Freundschaft und Geschäftspartnerschaft. Ein Porträt junger Menschen auf der Suche, angesiedelt in einem eigenwilligen Bezirk von Paris, gleichermaßen sexy und komisch und stilvoll in Schwarzweiß gefilmt. Frank Arnold

F 2021; 106 Min; R: Jacques Audiard; D: Noémie Merlant, Lucie Zhang, Makita Samba, Jehnny Beth; Kinostart: 7.4.

Mit Jacques Audiard, dem Regisseur von „Wo in Paris die Sonne aufgeht“, sprachen wir über seinen Film.


Die Armutsfalle führt in die Klimakatastrophe: „Der Waldmacher“ von Volker Schlöndorff

„Der Waldmacher“ von Volker Schlöndorff. Foto: Weltkino

DOKUMENTARFILM Für die Rettung der Welt gibt es viele gute Ideen. Eine davon erscheint besonders einfach: lassen wir viele Bäume wachsen. Am besten dort, wo es gar nicht danach aussieht, in der Wüste. Ein australischer Agronom namens Tony Rinaudo stand eines Tages auf sandigem Boden in einem Land südlich der Sahara. Er sah einen kleinen Busch, und überlegte, woher der wohl seine Nahrung bekommen könnte. Dabei kam ihm ein Gedanke: vielleicht hat er ja stärkere Wurzeln, als man ihm in seiner kümmerlichen Erscheinung anmerkt. Und so entdeckte Rinaudo den „unterirdischen Wald“, ein weitverzweigtes Ökosystem, das man nutzbar machen kann, indem man die Pflanzen, die daraus hervorsprießen, geschickt so beschneidet, dass sie gut wachsen können.

Für den Filmemacher Volker Schlöndorff hatte Rinaudo damals eine „Offenbarung“. An dieser soll nun die ganze Welt teilhaben. Dafür sorgt die Dokumentation „Der Waldmacher“, ein Film-Essay, in dem Schlöndorff von seiner Begeisterung für die Arbeit von Tony Rinaudo erzählt. Und von seinen Hoffnungen auf einen grünen Planeten. Denn natürlich hängt alles mit allem zusammen. Eine Gemeinde in Äthiopien hat zum Beispiel einen Hügel aufgeforstet, und dafür CO2-Dollar bekommen, denn Vegetation bindet Kohlendioxid. Mit dem Geld wurde eine Mühle gebaut, sodass die Menschen in der Gegend nun ihr Getreide nicht mehr so weit schleppen müssen.

Volker Schlöndorff hat „Der Waldmacher“ als eine lockere Reportage gestaltet, mit Besuchen an vielen Orten südlich der Sahara von Senegal im Westen bis nach Äthiopien im Osten. Der Niger, ein Wüstenstaat ohne Zugang zum Meer, ist besonders wichtig für Tony Rinaudo. Der Traum von einer „großen grünen Mauer“ vom Atlantik bis zum Indischen Ozean ist aus verschiedensten Gründen nicht so richtig Wirklichkeit geworden. Einige Gründe deutet Schlöndorff an: die Armutsfalle, die Menschen dazu zwingt, schnelle Lösungen zu suchen (zum Beispiel durch das Herstellen von Holzkohle, die in den reichen Emiraten am Golf als Grillkohle geschätzt wird). Erbschaften des Kolonialismus, der traditionelle landwirtschaftliche Strukturen zerstört hat, sind immer noch wirksam. Eine gründlichere Auseinandersetzung mit den lokalen Problemen in einer Region, in der Deutschland (im Mali) übrigens auch militärisch engagiert ist, unterbleibt, weil es Schlöndorff vor allem darum geht, positiv zu denken. Er hofft auf ein Aufgehen der Saat von Tony Rinaudo. Bert Rebhandl

D 2021; 87 Min.; R: Volker Schlöndorff; Kinostart: 7.4.


Gabriel Byrne glänzt in „Death of a Ladies‘ Man“ von Matt Bissonnette

„Death of a Ladies‘ Man“ von Matt Bissonnette. Foto: MFA

DRAMA Für den Montrealer Literaturprofessor Sam kommt es ziemlich dicke: Zuerst erwischt er seine jüngere Frau mit einem Liebhaber im Bett, dann stellen sich seine skurrilen Halluzinationen nicht nur als dem Alkoholkonsum, sondern einem fetten Gehirntumor geschuldet heraus. Mit einem Mal sieht sich der Frauenheld alter Schule gezwungen, das bisherige Leben zu überdenken und den verbliebenen Rest zu nutzen.

Kein superoriginelles Thema, aber Regisseur Matt Bissonette liefert uns eine recht unterhaltsame Variation. Der Filmtitel, einem Album des ebenfalls aus Montreal stammenden Sängers und Dichters Leonard Cohen entlehnt, verrät die Stimmungslage: melancholisch-ironisch-poetisch. Sams Versuche, mit seiner ersten Ehefrau und den gemeinsamen Kindern wieder ins Reine zu kommen, sind also von „Memories“ über „Bird on a Wire“ bis zum unvermeidlichen „Halleluja“ mit den Liedern des kanadischen Nationalhelden gespickt, die für die Zuschauer sichtbaren Halluzinationen Sams zeugen von weiteren popkulturellen Prägungen, von Frankenstein bis zu Katastrophenfilmen.

Das Selbst- und das Frauenbild Sams wirken natürlich je nach Standpunkt und Generationenzugehörigkeit erfrischend ungestutzt oder ganz schön gestrig. Stets im Dialog mit dem längt verstorbenen Vater zieht es Sam noch einmal in die alte Heimat Irland, wo er eine späte Liebe erlebt. Oder doch nicht? Nicht alles ist in dieser tragikomischen Männerphantasie auserklärt, was zu Sams brüchig gewordener Wahrnehmung passt. Man muss kein älterer weißer Mann mit Cohen-Neigung sein, um das genießen zu können, aber es hilft durchaus. Und Gabriel Byrne in der Hauptrolle ist schlicht und ergreifend großartig. Gerald Jung

Kanada/Irland 2020; 100 Min.; R: Matt Bissonette; D: Gabriel Byrne, Jessica Paré, Brendan Gleeson; Kinostart: 7.4.


Loving Highsmith

„Loving Highsmith“ von Eva Vitija. Foto: Salzgeber

PORTRÄT Das Kino hat immer wieder von ihren Büchern profitiert, von Alfred Hitchcock („Der Fremde im Zug“) über René Clement („Nur die Sonne war Zeuge“) bis zu Wim Wenders („Der amerikanische Freund“). Die bekannteste Figur von Patricia Highsmith heißt Tom Ripley, der Protagonist von fünf Romanen mordet, kommt damit davon und empfindet nicht einmal Reue. In seinem Doppelleben hat die Schriftstellerin eigene Erfahrungen verarbeitet: sie, die sich zeitlebens zu Frauen hingezogen fühlte, veröffentlichte 1953 den Roman „The Price of Salt“, die Geschichte einer Frauenliebe, die eben nicht tragisch endet, unter dem Pseudonym Claire Morgan. Erst 1990 veröffentlichte sie das Werk als „Carol“ erstmals unter eigenen Namen, 2015 wurde es von Todd Haynes verfilmt.

„Loving Highsmith“ meint einerseits die Filmemacherin Eva Vitija selber, die mit sieben Jahren erfuhr, dass im Tessiner Nachbarort eine berühmte Schriftstellerin allein mit ihren Katzen lebte, vor allem aber drei Frauen, die zeitweise ihr Leben mit Highsmith teilten und hier darüber Auskunft geben: die Künstlerin Monique Buffet, die amerikanische Autorin Marijane Meaker und die 2020 verstorbene deutsche Schauspielerin und Kostümbildnerin Tabea Blumenschein, bekannt für ihre Zusammenarbeit mit Ulrike Ottinger.

Highsmith selber kommt zu Wort in verschiedenen Interviews, sowie durch Zitate aus ihren Tage- und Notizbüchern, entdeckt erst nach ihrem Tod 1995 und schließlich im vergangenen Herbst veröffentlicht. Ausschnitte aus den Verfilmungen werden mit den literarischen Vorlagen zusammengebracht und belegen ihr filmisches Schreiben, Fotos zeigen die Autorin in verschiedenen Lebensabschnitten. Highsmith wird sichtbar als höchst zerrissene Person, die ihre frühe Lebenslust für die Einsamkeit des Schreibens eintauschte, mit dem sie das eigene Doppelleben in große Literatur transformierte. Ihre Bücher liest man danach mit noch größerem Interesse. Frank Arnold

Schweiz 2022; 84 Min.; R: Eva Vitija; Kinostart: 7.4. 


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Ein Interview mit Audrey Diwan über ihren Film „Das Ereignis“ haben wir hier. Noch immer aktuell: der Überblick über die Filmstarts der Woche vom 31.3.2022. Die Coen-Brüder als Idol: Wir sprachen mit Alireza Golafshan über seine Komödie „JGA. Jasmin. Gina. Anna“. Was kommt wann? Das Berliner Kinoprogramm. Immer neue Texte, Rezensionen und Tipps findet ihr in unserer Rubrik für Kino und Streaming.

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