Gegen die Wand, gegen den Staat: „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak

„Berlin als Ankara“, so heißt es in roten Großbuchstaben auf der Leinwand. İlker Çatak macht keinen Hehl daraus, dass die Geschichte seines neuen Films nicht an Originalschauplätzen spielt. Auch die Zeit ist ungewiss. Ausstattung und Bildsprache haben einen sanften, fast liebevollen Retro-Touch, aber die Welt wird von Sozialen Medien beherrscht. KI und Internet sind selbstverständlich – ebenso wie die Einschränkung und Unterdrückung der Künstlerfreiheit durch die Regierung.
Aziz und Derya spüren den Druck
Der Theaterregisseur Aziz und seine Schauspielerfrau Derya bekommen den Druck von oben bald konkret zu spüren. Wie sämtliche seiner Kolleg:innen an der Universität, wo er Drama unterrichtet, erhält auch Aziz Post von der Direktion. Er sei suspendiert, seine Kurse würden mit sofortiger Wirkung gestrichen werden. Angeblich hätte er die Vorschriften nicht eingehalten und Persönlichkeitsrechte verletzt. „Vermutlich ist es unsere Position zum Krieg“, spekuliert ein Freund, der ebenfalls von dem Arbeitsverbot betroffen ist.
Für Derya, die am Staatstheater zu den Stars des Ensembles gehört, sieht es nicht besser aus. Der Spielplan wird geändert, man besinnt sich auf die harmlosen Stücke. Als sich die Schauspielerin dagegen auflehnt, droht ihr der Intendant, sie solle sich gut überlegen, „wo sie steht“. Deya kontert, ihre Wut ist groß. Aber auch sie kann in all ihrer glühenden Widerständigkeit gegen die Anordnungen der staatlichen Behörden nichts verrichten. Die Situation wird gefährlich für das Paar. Um sich selbst und vor allem ihre 13-jährige Tochter Ezgi zu schützen, zieht die Familie vorerst nach Istanbul.

İlker Çatak hat in Hamburg eine Entsprechung für die andere türkische Stadt gefunden, die in „Gelbe Briefe“ eine wesentliche Rolle spielt. Die Verflechtung beider Kulturen, beider Herzen, die in seiner Brust schlagen, geht jedoch noch weiter. Man spürt in jeder Einstellung, wie tief sich der Regisseur emotional, kreativ und kämpferisch mit seinen Figuren verbunden fühlt.
„Gelbe Briefe“ ist ein innerlich tobender, wortgewichtiger Film, der die Sprache feiert
Daraus ergibt sich ein äußerst spannender filmischer Ansatz, der nicht weniger Feingefühl und Raffinesse aufweist wie Çataks oscarnominiertes Schuldrama „Das Lehrerzimmer“ vor drei Jahren. „Gelbe Briefe“ ist ein innerlich tobender, wortgewichtiger Film, der die Sprache feiert, ihre Feinheiten ebenso wie ihre unbändige Kraft. Die Dialoge sind klug, manchmal hitzig, manchmal schmerzlich, manchmal heiter – und es liegt oftmals eine große Poesie in den Worten, die allenfalls in der Übersetzung hier und da verloren geht.
Gelbe Briefe 128 Min.; R: İlker Çatak; D: Özgü Namal, Tansu Biçer, Leyla Smyrna Cabas, İpek Bilgin; Kinostart: 5.3.
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