Filmfestival

Hofer Filmtage 2022: Kleine Dokus, große Deutschlandpremieren

2022 verdeutlicht: Die Hofer Filmtage haben sich sehr verändert. Der künstlerische Leiter Torsten Schaumann, seit 2017 im Amt, setzt andere Schwerpunkte. Premieren von großen deutschen Produktionen sind eher rar geworden, stattdessen konzentriert man sich auf eher kleinere Filme von hiesigen Nachwuchsregisseuren. So lassen sich auf den Hofer Filmtagen Werke finden, die vielleicht an euch vorbeigegangen wären. Geheimtipps eben. Unser Autor war vor Ort und hat euch ein paar Empfehlungen mitgebracht.

Mockumentary „Olaf Jagger“ bei den Hofer Filmtagen 2022: Daddy? Foto: Ester.Reglin.Film/ Martin Rottenkolber

Internationale Hofer Filmtage 2022: Schuberts Vaterkomplex

Mit „Olaf Jagger“ hatten die Filmtage einen bemerkenswerten Eröffnungsfilm zu bieten. In der Mockumentary von Heike Fink begibt sich der bekannte Comedian Olaf Schubert aus Dresden auf Spurensuche. Er hat Tonbänder aus den 1970er-Jahren gefunden, auf denen seine Mutter keinen geringeren als Mick Jagger interviewt, und das in Westdeutschland! Schließlich kommt ihm der Verdacht: Könnte es sein, dass Jagger sein Vater ist? Der Film bezieht seinen Reiz aus der Vermengung der auf den zweiten Blick gar nicht mehr so absurd erscheinenden Hypothese des Protagonisten Schubert mit tatsächlichen Begebenheiten aus der deutschdeutschen Geschichte. Kinostart ist am 6. April 2023.

Apropos DDR: Sie geht weiter, die Reihe mit Spiel- und Dokumentarfilmen über ostdeutsche Künstler. Nach Thomas Brasch, Gerhard Gundermann und Bettina Wegner ist nun Hans-Eckardt Wenzel an der Reihe. In der großartigen Dokumentation „Glaubt nie, was ich singe – Wenzel“ unternimmt Regisseur Lew Hohmann nicht nur eine spannende Reise in den Werdegang des Liedermachers Wenzel, sondern lässt auch ihn und diverse Wegbegleiter wie Andreas Dresen oder Christoph Hein zu Wort kommen. Und Wenzels Musik kommt auch nicht zu kurz. So entsteht das Porträt eines Mannes, der sich für seine Kunst nie verbiegen musste und wollte.

„Acht Geschwister“ ist ein weiterer Dokumentarfilm, der auf gleich mehrere Leben blickt. Die acht Geschwister Flemming – sechs Jungs und zwei Mädels – sind allesamt zwischen 1933 und 1942 geboren, leben alle noch und sind bei den regelmäßigen Familientreffen innig verbunden. Mit Regisseur Christoph Weinert kehren sie an ihren Geburtsort im früheren Ostpommern zurück, erzählen von einer glücklichen Kindheit, von Flucht und Vertreibung – und von der Kraft der Familienbande.

Zwischen kleinen Träumen und Traumabewältigung

Zu den Spielfilmen: Gleich zwei kleine deutsche Filme setzen sich mit Ehepaaren auseinander, die mit einer Tragödie umgehen müssen und sehr unterschiedliche Wege der Verarbeitung beschreiten. In „Culpa“ von Ulrike Grote („Die Kirche bleibt im Dorf“) werden sie frei improvisiert von Janna Striebeck und Joachim Raaf gespielt. In „Stumm vor Schreck“ von Daniel Popat verkörpern Annette Frier und Peter Trabner das Paar. Zu sehen sind jeweils schauspielerische Höchstleistungen.

Wieder einmal auf den Regiestuhl gesetzt hat sich der Schauspieler Bernd-Michael Lade („Karniggels“, Kommissar Kain im MDR-„Tatort“). Basierend auf Unterlagen und der Autobiografie von Carl Schrade schildert Lade den Prozess gegen diverse Nazischergen kurz nach dem Zweiten Weltkrieg mit Schrade – von Lade selbst gespielt – als Hauptbelastungszeuge. Ein streng komponiertes Gerichtsdrama, das Verbrechen thematisiert, die niemals vergessen werden dürfen. Mit dabei: Lades Ehefrau Maria Simon als Übersetzerin.

In zwei Filmen geht es um Frauen, die sich ihre Träume erfüllen wollen. Im österreichischen Beitrag „Mermaids Don’t Cry“ von Franziska Pflaum ist es die Supermarktkassiererin Annika (Stefanie Reinsperger), die sich den großen Traum eines sündhaft teuren Meerjungfrauenkostüms erfüllen will und auf viele Unwägbarkeiten in ihrer nicht gerade förderlichen Umgebung stößt.

In der französischen Tragikomödie „Maria rêve“ von Lauriane Escaffre und Yvonnick Muller beginnt Maria (Karin Viard) ihren neuen Job als Putzfrau in einer Pariser Kunstakademie und blüht durch den Umgang mit den Kunststudierenden und dem aufmerksamen Hausmeister auf. Zwei Filme, die davon erzählen, wie das Leben neue Wege beschreitet.

Und dann feierten noch zwei große internationale Filme ihre Deutschlandpremiere bei den Hofer Filmtagen. Mark Mylod lässt in der sehenswerten, bitterbösen Satire „The Menu“ ein erstklassiges Menu auf einer kleinen Insel mit Verve ausarten. In „Empire of Light“ feiert der große Sam Mendes („American Beauty“; „Skyfall“) das Kino selbst und erzählt von einem Lichtspieltheater an der südenglischen Küste Anfang der 1980er-Jahre, wo die psychisch labile Kinoangestellte Hilary (hiermit wieder Oscar-Kandidatin: Olivia Colman) sich mit dem jungen Schwarzen Stephen (Michael Ward) anfreundet. Ein herausragendes Drama mit großen Bildern über Vertrauen, Liebe, Rassismus und die Kraft des Zelluloids.

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