„In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski: So gut ist der deutsche Oscar-Kandidat
„In die Sonne schauen“ ist die Kino-Überraschung des Jahres: In Cannes mit dem Preis der Jury ausgezeichnet, schickt Deutschland den Film der Berliner Regisseurin Mascha Schilinski nun sogar ins Rennen um den Auslands-Oscar – das Werk (internationaler Titel: „Sound of Falling“) ist in der Shortlist. Wird der Film, der deutsche Geschichte auf etwas andere Art über verschiedene Zeitebenen hinweg erzählt, dem Hype gerecht? tipBerlin-Filmkritiker Bert Rebhandl ist überzeugt: „In die Sonne schauen“ ist so gut, dass man den Film sogar mehrmals sehen sollte.

„In die Sonne schauen“ erzählt deutsche Geschichte aus einer neuen Perspektive
Die Stationen der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert sind rasch genannt: Erster Weltkrieg. Zweiter Weltkrieg. Deutsche Teilung. Wende. Berliner Republik. Wenn man Namen nennen will, dann wären das wohl Hindenburg, Hitler, Adenauer, Honecker, Kohl. Alles hundert Mal heruntergebetet, alles im Detail natürlich wichtig und interessant und spannend. Man kann nie genug über die Geschichte wissen. Die Berliner Regisseurin Mascha Schilinski probiert mit ihrem Film „In die Sonne schauen“ nun eine andere Perspektive. Ihr geht es auch um das ganze 20. Jahrhundert. Ein Bauernhof in der Altmark westlich von Berlin steht bei ihr im Mittelpunkt. Ein Haus mit vielen Räumen, Türen, Fenstern, Winkeln, Nebengebäuden. Ein eigener Kosmos, in dem ein blondes Mädchen namens Alma aufwächst.
Noch hat der große Krieg, der 1914 alles veränderte, nicht begonnen. Aber man spürt ihn schon kommen. Der Tod ist in dieser Welt, in der die Religion wenig Trost zu bieten scheint, allgegenwärtig. Und Alma sieht sich alles mit großen Augen an. Immer wieder lugt sie durch Schlüssellöcher oder durch den Spalt zwischen zwei Brettern. Sie sieht Dinge, die sie nicht versteht. Warum versucht die Mutter, ihrem Sohn Fritz einen Arm abzuhacken? Warum muss die Magd Trudi für ein paar Tage weg, und warum machen sich danach die Knechte über sie her, als wäre keine Schwangerschaft zu befürchten?

Im Mai lief „In die Sonne schauen“ beim Filmfestival in Cannes, und wurde unmittelbar als ein großes Ereignis wahrgenommen. So etwas hatte man vom deutschen Kino kaum erwartet, das sich oft mit historischen Stoffen beschäftigt, aber meist in einer konventionellen Form, mit genau nachgeschneiderten Uniformen, aber wenig Sinn für das Ungeheure, das in dieser Geschichte steckt. Mascha Schilinski geht es vor allem um dieses Ungeheure. Sie sucht nach Möglichkeiten, einen neuen Blick auf das deutsche 20. Jahrhundert zu werfen, und findet ihn in dem Blick von Mädchen und jungen Frauen, die alle in diesem Haus leben, zu unterschiedlichen Zeiten.
Nelly ist der Gegenwart am nächsten, ihre Eltern sind typische Großstädter, die den schon halb verfallenen Hof wieder bewohnbar machen wollen. Angelika ist ein Mädchen in der Zeit der DDR, eine kecke Person, die aber auch nicht übersehen kann, dass die Mutter Irm aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs noch manche dunkle Last in sich trägt. Erika ist die Schwester von Irm. Sie ist fasziniert von ihrem Onkel Fritz, der mit nacktem Oberkörper im Bett liegt, und dem ein Bein fehlt. Als der Krieg zu Ende geht, und die Russen schon nahe sind, trifft Erika gemeinsam mit anderen Frauen eine radikale Entscheidung.
Im Film „In die Sonne schauen“ sind die verschiedenen Zeitebenen kunstvoll ineinander verschlungen
Es ist nicht ganz leicht, eine Handlung von „In die Sonne schauen“ nachzuerzählen. Die verschiedenen Zeitebene sind kunstvoll ineinander verschlungen, es bleiben aber auch viele Leerstellen. Und Mascha Schilinski, die das Drehbuch gemeinsam mit Louise Peter geschrieben hat, baut bewusst viele Unsicherheiten ein. Ihr Film „weiß“ Dinge, die man nicht genau benennen kann, und die weder abgesichertes Faktum noch bloße Fiktion sind. Leben und Tod, Vergangenheit und Zukunft sind nicht auf die übliche Weise auseinanderzuhalten. Im Zentrum steht ein unbegriffenes Wissen, wie es Kinder und Jugendliche haben, die gern mit Fantasien ausschmücken, was ihr Verstehen überfordert.

„In die Sonne schauen“ ist deswegen zuerst einmal ein Film über sinnliche Erfahrung, in erster Linie über das Sehen, auch über den Blick auf Dinge, die eigentlich verboten sind. Kamera hat Fabian Gamper gemacht, der Lebenspartner von Mascha Schilinski. Deutlich orientieren sie sich mit ihrer Ästhetik an dem unheimlichen Potential, das oft von alten Fotografien ausgeht. In einer Schlüsselszene mustert Alma eingehend ein Bild, auf dem die Mutter mit einem doppelten Kopf zu sehen ist – sie hat sich wohl bewegt, und mit der langen Belichtungszeit ist daraus etwas entstanden, das beinahe monströs wirkt. Auf demselben Foto ist auch Alma drauf, aber eine tote Alma: ihre Schwester, die vor vielen Jahren verstorben ist, und deren Namen sie bekommen hat. Alma ist damit zugleich lebendig und tot. Als ihre Großmutter stirbt, erinnert sie sich an sie als eine Frau, von der sie noch genau die Hände beschreiben könnte, aber nicht ihr Gesicht. Später wird in der DDR ein Polaroid gemacht, auf dem Angelika am Rand zu sehen ist, als würde sie gerade wegfliegen – oder weggezaubert werden.
Im Alltag nehmen die meisten Menschen das Leben wie selbstverständlich. Wie soll man auch anders leben? Wenn man die ganze Zeit darüber nachdenken würde, wie merkwürdig alles ist, man käme nicht zurecht. Doch Mascha Schilinski verhilft diesem Grundgefühl einer Irritation über das Rätselhafte des Lebens mit Nachdruck zu seinem Recht. „In die Sonne schauen“ ist eine große Übung in Verstörung, und bezieht gerade daraus seine Faszination. Denn das Kino ist eben nicht dazu da, das Leben trivial zu verdoppeln. Im Kino kann man Erfahrungen machen wie sonst nur in den Träumen, oder eben am Rande des Todes, in einem Fieber – der geschützte Raum in der Dunkelheit macht das Unerträgliche erträglich.

Mascha Schilinski, eine gebürtige West-Berlinerin, Jahrgang 1984, kommt mit ihrem Film ein bisschen aus dem Nichts. 2017 brachte sie den Film „Die Tochter“ heraus, der vor dem landschaftlichen Hintergrund der Insel Santorin auch schon mit Überhöhungen und Verfremdungen arbeitete, und in dem Helena Zengel („Systemsprenger“) eine ihrer ersten wichtigen Rollen hatte. Aber es gibt kaum vergleichbare Sprünge im deutschen Kino zu einem großen Ensemblefilm mit einer sehr eigenwilligen erzählerischen Vision, wie dem zu „In die Sonne schauen“.
Helena Zengel, die schon ein internationaler Star ist, ist nun nicht dabei, ansonsten aber hat Schilinski auch mit ihrem Casting ein herausragendes Zukunftsbild des deutschen Kinos entworfen: Lena Urzendowsky spielt Angelika, Laeni Geiseler (gerade erst entdeckt mit „Was Marielle weiß“) ist Nelly, Greta Krämer ist Lia, die größere Schwester von Alma, für die eine Debütantin gesucht werden musste: Hanna Heckt. Dazu Lea Drinda als Erika, Luise Heyer spielt die Mutter von Nelly. Susanne Wuest und Claudia Geisler-Bading glänzen in zwei Charakterrollen, die eine spielt Almas Mutter Emma, die andere Angelikas Mutter Irm, ein Name, den man auch als Anspielung an die große Schauspielerinnenfamilie sehen kann, die einst Rainer Werner Fassbinder um sich versammelte.
Mascha Schilinski erzählt Geschichte von unten
Mascha Schilinski könnte mit dem Erfolg, den „In die Sonne schauen“ jetzt schon hat, noch vor dem Kinostart, eine ähnliche Schlüsselrolle für das deutsche Kino bekommen. Es gibt hier viele wichtige Regisseurinnen und Regisseure, die einen eigenen Stil haben, eine Vision von der Welt, aber das System tendiert auch dazu, Vorhaben zu nivellieren und Eigensinn klein zu halten. Dass „In die Sonne schauen“ so entstehen konnte, und dass niemand sich mit Vorschlägen einmischen konnte, das Ganze doch ein wenig verständlicher zu machen, muss als Glücksfall gewertet werden, oder genauer: ist wohl das Verdienst eines Projekts, das nun nach mehr aussieht, als es vom keineswegs riesigen Budget her wohl vorgesehen war.
2009 erzählte Michael Haneke mit seinem Film „Das weiße Band“ aus einer vergleichbaren Landschaft eine Geschichte, die vielfach als Probelauf für den Faschismus gelesen wurde. Vor diesem Hintergrund wäre auch „In die Sonne schauen“ noch einmal genauer zu lesen – einmal Schauen ist in diesem Fall nur ein erster Blick in die Verstrebungen einer komplexen Erzählung, erst beim zweiten oder dritten Mal kommt man allmählich hinter die vielen, teils waghalsigen Volten. Historiker bemühen sich üblicherweise um eine Ordnung: aus A folgt B, Ereignisse haben Folgen, wir sind das Ergebnis unserer Vergangenheit. Mascha Schilinski geht es nicht um Ableitungen und Kausalitäten. Die Geschichte, von der „In die Sonne schauen“ erzählt, ist eine andere: einerseits eine Geschichten „von unten“, in der von Mägden und Müttern die Rede ist und nicht so sehr von Herrschenden und mächtigen Vätern. Vor allem aber eine Geschichte, die Ereignisse nicht so wichtig nimmt, eher so etwas wie Mentalitäten, oder einfach eine Sensibilität, die durchaus für Aufruhr sorgen kann. Ein historischer Film, im mehrfachen Sinn des Wortes.
- In die Sonne schauen D 2025; 149 Min.; R: Mascha Schilinski; D: Lena Urzendowsky, Hanna Heckt, Laeni Geiseler; Kinostart: 28.8.
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