Filmkritik

„Kiss Me Kosher“ von Shirel Peleg: Jüdisch-queere Großfamilie

Komödie Die junge Israelin Shira hat bei der Partnerwahl die heilige Dreifaltigkeit der Fettnäpfchen getroffen: Sie liebt Maria, „also lesbisch, nicht jüdisch, deutsch“. Schlimmer könnte es kaum kommen. Dabei ist die Familie eigentlich ganz aufgeschlossen, oder man könnte auch sagen, Shiras Familie ist ein typisch chaotischer Haufen, wie es eben zum Klischee von jüdischen Familien gehört. Mit diesen Klischees macht sich „Kiss Me Kosher“ von Shirel Peleg (geboren in Venezuela, aufgewachsen in Israel, Drehbuchstudium in Deutschland) einen Spaß.

"Kiss Me Kosher" von Shirel Peleg
„Kiss Me Kosher“ von Shirel Peleg. Foto: X Verleih

Shira (Moran Rosenblatt) und Maria (Luise Wolfram) sind offensichtlich füreinander bestimmt. Allerdings gibt es eine Reihe von Problemen auf dem Weg zur Hochzeit. Das größte dieser Probleme heißt Berta (Rivka Michaeli), die Großmutter von Shira, eine scharfzüngige Dame, die sehr dagegen ist, dass Shira den Ring ihrer Mutter (also Shiras Urgroßmutter) einer Deutschen an den Finger stecken möchte.

Denn die Deutschen sind bekanntlich alle Nazis. Das erweist sich dann zumindest in Teilen als Irrtum, als zur Vervollständigung des Chaos auch noch Hans (Bernhard Schütz) und Petra (Juliane Köhler) anreisen, die Eltern von Maria. Petra möchte zuerst einmal ein Flüchtlingslager sehen, und neigt in unpassenden Momenten zu Meinungsäußerungen über die Zweistaatenlösung – ein heikler Punkt, auch deswegen, weil die Familie von Shira in einer Siedlung lebt, also hinter der „grünen Linie“.

Therapeutischer Großversuch: „Kiss Me Kosher“ von Shirel Peleg

Man sieht: Shirel Peleg lässt in ihrer romantischen Komödie nichts aus. Passenderweise dreht Liam, der jüngere Bruder von Shira, auch noch einen Dokumentarfilm über seine lesbische Schwester. Und Berta hat es sich in ihrer Verbitterung so bequem gemacht, dass sie auch ihren Verehrer, einen arabischen Arzt und mustergültigen Gentleman, am liebsten am ausgestreckten Arm verhungern lassen würde. So eine Familienkonstellation kann man gar nicht anders begreifen als einen therapeutischen Großversuch, für den die Komödie das geeignete Genre ist.

Deutlich steckt hinter „Kiss Me Kosher“ eine optimistische Vision: dass im Nahen Osten alle nach ihrer höchst eigenwilligen Facon glücklich werden können, wenn man nur die Temperamente richtig miteinander reagieren lässt. Auch farblich und musikalisch weist Shirel Peleg ihren Film als ein Märchen (oder eine Utopie) aus, sodass einer sexuell liberalen Vielstaatenlösung allgemein gedeihlichen Zusammenlebens zumindest die Richtung gewiesen ist.

Israel/D 2020; 101 Min.; R. Shirel Peleg; D: Moran Rosenblatt, Luise Wolfram, Rivka Michaeli; Kinostart: 10. 9. 2020


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