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David Finchers „Mank“ auf Netflix: Ein Säufer in der zynischen Traumfabrik

Drehbuchautor gegen Regisseur – David Fincher analysiert
in „Mank“, seinem ersten Film seit sechs Jahren, den Kino-Meilenstein „Citizen Kane“. Am 4. Dezember startet „Mank“ auf Netflix – mit Amanda Seyfried, Charles Dance und Gary Oldman in der Titelrolle des Herman J. Mankiewicz. Fincher zeigt den Drehbuchautor von „Citizen Kane“ als Säufer und Spieler. Dabei ist er der letzte Verbündete der guten Sache im zynisch-opportunistischen Betrieb von Hollywood. Die tipBerlin-Filmkritik.

Ein Film, der einen zwiespältigen Blick auf den Mythos Hollywood wirft: Gary Oldman spielt Herman "Mank" Mankiewicz in David Finchers neuem Film. Foto: Netflix
Ein Film, der einen zwiespältigen Blick auf den Mythos Hollywood wirft: Gary Oldman spielt Herman „Mank“ Mankiewicz in David Finchers neuem Film. Foto: Netflix

In den Listen der besten Filme aller Zeiten stand er jahrzehntelang ganz weit oben: „Citizen Kane“ von Orson Welles. Das Porträt eines Medienmagnaten, der am Ende einsam in seinem Palast Xanadu von einem Schlitten aus seiner Kindheit träumt. Und von einem Wort, dessen Bedeutung bis heute nicht gelöst ist: „Rosebud“.

Orson Welles, das Wunderkind der US-amerikanischen Kultur der 1930er-Jahre, spielte selbst die Hauptrolle, mit seiner markanten Stimme hatte er schon Bühne und Radio erobert, nun sollte er in Hollywood eine große Karriere beginnen. „Citizen Kane“ gilt heute als ein Meilenstein des klassischen Hollywood, ein genialer Film auch deswegen, weil alle Beteiligten daran exzellente Vertreter ihres Fachs waren: der Kameramann Gregg Toland oder der Komponist Bernard Hermann. Der Cutter Robert Wise wurde später selbst ein erfolgreicher Regisseur.

Herman J. Mankiewicz schrieb das „Citizen Kane“-Drehbuch

Bleibt noch der Drehbuchautor zu nennen: Herman J. Mankiewicz. Ein Journalist aus New York, der in Hollywood nie den ganz großen Durchbruch schaffte und 1953 relativ jung an den Folgen seines Alkoholismus starb. Für „Citizen Kane“ wurde er mit einem Oscar ausgezeichnet, allerdings gemeinsam mit Orson Welles.

Die Frage, wem die herausragende Qualität von „Citizen Kane“ wirklich zuzuschreiben ist, gehört zu den großen Debatten des US-Kinos. Auch in David Finchers „Mank“ ist sie im Hintergrund immer präsent. Im Zentrum des biografischen Films stehen die Wochen, in denen Mankiewicz das Drehbuch zu „Citizen Kane“ schreiben muss.

David Fincher kam zu diesem Projekt durch seinen Vater Jack, einen Journalisten, der 2003 starb und das Drehbuch zu „Mank“ hinterließ. Es ist keine Geschichte, die man sofort mit David Fincher verbinden würde, der als Regisseur seine Stärken vor allem im Genre des Thrillers hat. Und nun also „Mank“ für Netflix, ein Schwarzweißfilm über das alte Hollywood, mit einem füllig gewordenen Gary Oldman in der Hauptrolle, und mit einem Zeitsprung in eine Ära, die mit der heutigen Filmindustrie kaum noch etwas zu tun hat.

„Mank“ ist ein Produkt der Nostalgie wie auch von deren Überwindung

Es sind aber genau solche Stoffe, mit denen Netflix sich gern schmückt: Reminiszenzen an ein anderes goldenes Zeitalter der Unterhaltungsindustrie, als die Studio-Bosse noch Charisma hatten oder zumindest einen Hang zum Größenwahn.

„Mank“ ist zugleich ein Produkt der Nostalgie wie auch von deren Überwindung: Denn David Fincher hat einen höchst künstlichen Film abgeliefert, keine Erinnerung an die Schönheit des analogen Zeitalters, sondern ein brüchiges, digitales Zwischending, dem man die Löchrigkeit der Datenbasis deutlich ansieht. Ein Breitwandfilm über eine Zeit, in der es dieses Format noch gar nicht gab.

In der Traumfabrik: Gary Oldman als Herman Mankiewicz, Arliss Howard als Louis B. Mayer und Tom Pelphrey als Joe Mankiewicz. Foto: Netflix

Der „Mank“, den Vater und Sohn Fincher zeigen, ist der Hofnarr der Filmindustrie in den 30er-Jahren. Neben dem Jahr 1940, als Mankiewicz an dem Drehbuch schreibt, steht vor allem das Jahr 1934 im Mittelpunkt. In Kalifornien ist damals gerade Wahlkampf. Der Schriftsteller Upton Sinclair, bekannt geworden mit Skandalromanen über die Schattenseiten des US-Wirtschaftswunders, bewirbt sich mit einem „sozialistischen“ Programm um ein Amt.

Fake News und politische Polarisierung: „Mank“ hat deutlichen Gegenwartsbezug

Das Hollywood von heute ist in der Mehrheit liberal und fortschrittlich, damals aber war das noch anders: Die Bosse unterstützen alle den konservativen Konkurrenten von Sinclair, und sie versuchen, auch ihre Drehbuchautoren auf diese Seite zu ziehen. „Mank“ verbindet hier zwei Geschichten, beide haben deutlichen Gegenwartsbezug.

Mankiewicz ist mit einem Regisseur bekannt, der sich aus der Not heraus darauf einlässt, für das Studio MGM Wahlkampfwerbung zu machen: Er dreht „phony newsreels“, also Filme, die aussehen wie Wochenschauen, in Wahrheit aber inszeniert sind.

Dieser Shelly Metcalf ist also ein Vorläufer dessen, was man heute „fake news“ nennt – man kann davon ausgehen, dass dieser Aspekt in dem Drehbuch von Jack Fincher noch weniger deutlich war, als er es jetzt ist, in einem Film, der deutlich auch auf das Amerika der Trump-Jahre zielt.

David Finchers „Mank“ zeigt den Zynismus der Traumfabrik

Der andere Handlungsstrang führt „Mank“ mitten in das Zentrum der damaligen Macht. Er erlangt Zutritt zu den Kreisen um den Medienmagnaten William Randolph Hearst, der damals eine der mächtigsten Figuren in Amerika war. Seine Beziehung mit der Schauspielerin Marion Davies war in aller Munde, vor allem auch deswegen, weil daran auch zu ersehen war, dass mit Geld eben doch nicht alles möglich ist: Hearst sah in Davies einen Star, sie blieb in der Tonfilmära aber vergleichsweise erfolglos.

Amanda Seyfried in der Rolle der Marion Davies in Finchers Film "Mank". Foto: Netflix
Amanda Seyfried in der Rolle der Marion Davies in Finchers Film „Mank“. Foto: Netflix

Zwischen Mank und Marion Davies entsteht eine eigentümliche Freundschaft. Die beiden haben aber etwas Prinzipielles gemeinsam: Sie versuchen, in der brutalen Filmindustrie ihre Integrität zu bewahren, sind aber nicht mehr als Trophäen. Die Schauspielerin mit ihrer Schönheit, und Mank mit seinem Witz.

Das Drehbuch zu „Citizen Kane“ enthielt viele Szenen, in denen Hearst sich und seine Passion für eine mäßig begabte Schauspielerin wiedererkennen mochte.

Fincher sieht die Parallelen zu Trump

Im Hintergrund von David Finchers „Mank“ läuft also auch die alte Frage über das Verhältnis zwischen Wirklichkeit und Kunst mit: Ist es bei einem großen Film von Bedeutung, dass er sich von Figuren inspirieren ließ, die inzwischen längst im Staub der Geschichtsbücher ruhen? Von Hearst wissen heute nur noch Experten, von Donald Trump hingegen weiß die ganze Welt.

Die Parallele, die wohl auch David Fincher interessiert haben wird, besteht darin, dass der „Citizen Kane“ und der Präsident Trump überlebensgroße Figuren sind, im Innersten von privaten Beschädigungen angetrieben. Sie projizieren also ihr Seelenleben auf gigantische Weise nach draußen. Wie stellt man sich dem entgegen?

Die Hauptidee von "Mank": Den Mächtigen tritt die Titelfigur mit der Geste eines Narren gegenüber. Foto: Netflix
Die Hauptidee von „Mank“: Den Mächtigen tritt die Titelfigur mit der Geste eines Narren gegenüber. Foto: Netflix

Orson Welles war letztlich dieser Figur des Charles Foster Kane sehr ähnlich. Umso interessanter wäre die Spannung, die zwischen ihm und Mank herrschte, denn der Drehbuchautor hat eine wichtige Funktion: Er spricht „truth to power“, er tritt den Mächtigen mit der Wahrheit gegenüber.

Dass man das vielleicht nur mit der Geste eines Narren tun kann, ist die letztlich dann doch eher triviale Hauptidee von „Mank“: Ein Säufer und Spieler ist der letzte Verbündete der guten Sache in einer rundum zynischen und opportunistischen Traumfabrik.

Hollywood ist längst sein eigener Mythos, immer wieder läuft es in Geschichten über sich selbst zu großer Form auf, wie zuletzt in „Hail Caesar“ von den Brüdern Coen. „Mank“ hingegen wirkt eher wie eine vergebene Chance: Das Thema verliert sich im Episodischen, und zum Ende bekommt man  den Eindruck, es wäre nur darum gegangen, wer den Oscar für „Citizen Kane“ wirklich verdient hat. Sporadisch hat Netflix schon gezeigt, dass es auch Platz für großes Kino hat. „Mank“ hingegen ist im Sofakino gut aufgehoben, und wird mit den besten Filmen aller Zeiten eher nichts zu tun haben.

Mank R: David Fincher, D: Gary Oldman, Amanda Seyfried, Charles Dance, USA 2020, 131 Min., ab 4.12.2020 auf Netflix


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