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Mark Reeder über den Sci-Fi-Meilenstein „On the Silver Globe“

Text: Jacek Slaski
Veröffentlicht am: 02.06.2025
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In den 1970er-Jahren drehte der polnische Regisseur Andrzej Żuławski den visionären Science-Fiction-Film „On the Silver Globe“ (dt. Titel.: „Der Silberne Planet“, Originaltitel: „Na srebrnym globie“). Von der Zensur verboten, erschien der Film erst 1988 und erzählt in fantastischen Bildern von kosmischen Reisenden, die auf einem fremden Planeten eine neue Zivilisation gründen. Żuławski kombiniert dafür mythologische, philosophische und politische Themen mit einer surrealen Bildsprache, „On the Silver Globe“ gilt als Meilenstein des europäischen Arthouse-Kinos. Der Berliner Musiker, Labelbetreiber und Ikone der Subkultur Mark Reeder hat für eine Blue-ray-Veröffentlichung des Klassikers erstmals den Soundtrack restauriert. Wir haben Reeder getroffen und mit ihm über sein langjähriges Projekt gesprochen.

Mark Reeder, geboren 1958 in Manchester, ist ein britischer Musiker, Produzent und Labelgründer, der seit 1978 in Berlin lebt. Er war Mitbegründer der Punkband The Frantic Elevators und später Mitglied von Die Unbekannten und Shark Vegas. Als Gründer des Labels MFS prägte er die Berliner Technoszene maßgeblich. Reeder arbeitete mit Künstlern wie Paul van Dyk, New Order und Depeche Mode zusammen und war Protagonist des Films „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989“. Foto: Martyn Goodacre Turandot

Mark Reeder: „On the Silver Globe“ habe ich das erste Mal gesehen, als er 1995 auf Bayern 3 lief

tipBerlin Mark Reeder, du hast Joy Division nach West-Berlin geholt, dich im Umfeld von Nick Cave und Depeche Mode bewegt, Bands und ein Label für elektronische Musik gegründet, 2015 den Dokumentarfilm „B-Movie: Lust & Sound in West-Berlin 1979–1989“ mitverantwortet und jetzt bist du für die Restaurierung des Soundtracks von „On the Silver Globe“ verantwortlich. Wie ist es zu dieser Idee gekommen?

Mark Reeder Für mich sind die Filme von Andrzej Żuławski sehr bedeutend. „On the Silver Globe“ habe ich das erste Mal gesehen, als er auf Bayern 3 lief, das war 1995 und es war ein Zufall. Ein Freund von mir wollte eigentlich eine andere Sendung aufnehmen und hat den Videorecorder falsch programmiert und stattdessen diesen Film aufgenommen.

„Ich verstehe das alles nicht. Das ist bestimmt was für dich.“

tipBerlin Aus Versehen?

Mark Reeder Aus Versehen. Er guckte dann diesen Film an und sagte: „Ich verstehe das alles nicht. Das ist bestimmt was für dich.“ Ich kannte diesen Film nur vom Hörensagen. Żuławski hat den Film in den 1970er-Jahren gedreht, er war zu 70 Prozent fertig, als die polnische Regierung einen neuen Kulturminister bekommen hat und der hat das Material gesehen und gesagt: „Auf keinen Fall“ und einen Teil des Films vernichten lassen. Er hasste Żuławski, der als „The bad boy of Polish cinema” galt. Żuławski wohnte aber damals in Paris und hat viel vom Material gerettet, irgendwo versteckt. Dann hat er andere Jobs angenommen, in der Sowjetunion, in Kasachstan und Usbekistan und solchen Orten. Als Bezahlung wollte er kein Geld, er wollte die Möglichkeit, dass er dort drehen darf. Und da hat er dann weitergemacht mit der Arbeit an „On the Silver Globe“.

Szene aus "On the Silver Globe", Regie: Andrzej Żuławski
Szene aus „On the Silver Globe“, Regie: Andrzej Żuławski

tipBerlin Er hat das Team und die Infrastruktur bekommen?

Mark Reeder Genau. Er hat alles, was er brauchte, bekommen, um seine Szenen zu drehen. Und dann siehst du Orte in diesem Film und du denkst: „Welche Welt ist denn das? Wo hat er denn das gedreht?“ In der Steppe und an Seen, Flüssen, Wäldern. Der Film ist faszinierend. 1988 war er dann fertig und präsentierte den Film beim Festival in Cannes, nur einmal und das war’s.

tipBerlin Bis er dann auf Bayern 3 lief?

Mark Reeder Die Redaktion hat den Film vom polnischen Verleiher bekommen und ausgestrahlt, und Żuławski ist an die Decke gegangen, der fand das überhaupt nicht gut. Weil die bei Bayern 3 eine Farbkorrektur vorgenommen haben. Der Film sollte aussehen wie auf einem anderen Planeten, nicht farbig, sondern richtig gräulich. Aber man konnte den Film ja sonst nicht sehen, den hat ja niemand vorher auf VHS rausgebracht, aber ich fand ihn auf ganz vielen Ebenen faszinierend. Auch die Musik von Andrzej Korzyński. Der hat am Anfang typische, richtig klassische Scores komponiert, für den ersten Teil. Es ist ja eine Trilogie. Und dann, als der Film unterbrochen war, hatte er eine andere Idee, dann machte er Blues Rock und hat zum Ende Industrial-Klänge verarbeitet, die hätten auch von Throbbing Gristle sein können. Ich habe den Film obsessiv geschaut, drei Monate lang jeden Tag.

tipBerlin Das ist 30 Jahre her, jetzt, 2025 erscheint in den USA eine spezielle Blue-ray Box von „On the Silver Globe“, für die du den Soundtrack restauriert hast. Das Thema begleitet dich tatsächlich schon seit Jahrzehnten.

Mark Reeder Das stimmt, 1995 hatte ich gerade mein MFS-Label von der DSB – das ist die ehemalige Deutsche Schallplatte, VEB Deutsche Schallplatte Berlin, AMIGA – gelöst und wir waren in Kreuzberg und es ging etwas vorwärts mit Paul van Dyk. Ich hatte gerade einen Soundtrack gemacht, „X-Mix #1“ für Horst Weidenmüller. Dann habe ich MFS Ost kreiert und dachte mir, ich kann dort den Soundtrack von Żuławskis „On the Silver Globe“ veröffentlichen.

Mark Reeder: „Es gab viele rechtliche Unklarheiten, Żuławski sperrte sich gegen sich gegen jegliche Veröffentlichungen“

tipBerlin Das hat damals aber nicht funktioniert, waren die Verleiher nicht interessiert?

Mark Reeder Das war nicht einfach. In den 1990er-Jahren wusste niemand, wo die Elemente des Soundtracks überhaupt sind. Andrzej Korzyński, der Komponist, hatte keinen Schimmer und wollte eigentlich nichts von der Sache wissen. Das Material, also die Tonbänder, waren an verschiedenen Orten verstreut. Es gab viele rechtliche Unklarheiten, Żuławski sperrte sich gegen jegliche Veröffentlichungen. Ich habe versucht, seinen Sohn dazu zu bringen, ihn zu überzeugen. Das hat aber auch nicht geklappt. Doch dann starb Żuławski und der Sohn sagte: „Ja, wir können das jetzt machen.“ Aber dann gab es ein territoriales Problem und wieder ein Rechtsproblem: Wer hat denn überhaupt die Rechte? In der Zwischenzeit hatte ich andere Probleme und dachte: „Okay gut, das lasse ich jetzt.“ Aber ich war immer noch an diesem Soundtrack interessiert.

tipBerlin Wie habt Ihr das Material schließlich doch gefunden?

Mark Reeder Korzyński hatte seine Bänder gefunden und zur Verfügung gestellt, er hatte später seine Bänder digitalisiert, weil er über die letzten 25 Jahre auf irgendwelchen Compilations einzelne Tracks aus der Musik zu „On the Silver Globe“ veröffentlichte. Doch wieder die Frage: „Wer hat denn die Rechte?“ Der polnische Verleiher Kadr hat dann irgendwann selbst die Abtastung übernommen, aber das hat Jahre gedauert und 2016 wurde der Film schließlich beim South by Southwest (SXSW) in Austin, Texas, gezeigt. Die erste offizielle Aufführung seit Cannes. Dann kamen Mondo Vision ins Spiel, ein Boutique-Label für Arthouse-Filme, und die haben jetzt den neuesten Stand der Restauration des Originalfilms. Sie haben mich dann gefragt: „Willst du die Restauration für die Musik machen?“

Andrzej Seweryn in "On the Silver Globe", Regie: Andrzej Żuławski
Andrzej Seweryn in „On the Silver Globe“, Regie: Andrzej Żuławski

tipBerlin Wie macht man sowas, den Film anschauen und dann aus den digitalisierten Tonbändern den Soundtrack, wie er im Film zu hören ist, zusammenbasteln?

Mark Reeder Ich hatte die Bänder als Files, und es war die gesamte Aufnahme von dem klassischen Teil. Alle Takes. Also fragte ich Korzyński: „Welchen Take hat Żuławski verwendet? Hast du eigentlich kein Master von der fertigen Musik?“ Aber er hatte nichts und sagte: „Alles, was ich dir gegeben habe, habe ich auch Żuławski gegeben und er hat einfach das genommen, was er brauchte.“ Ich kannte den Film auswendig und musste dann die Dinge zusammenfügen, wann kommt die Klarinette, wann setzt denn die Geige und so weiter. Mondo Vision wollte unbedingt, dass die Soundtrack-CD genau den gleichen Ablauf hat wie die Musik im Film. Mein Vorschlag war am Anfang, dass wir es in drei Teilen machen, so wie der Film aus drei Teilen besteht. Erst den klassischen Score, dann dieser Blues-Rock und am Schluss der industrielle Teil. Aber die sagten: „Wir wollen, dass das so läuft wie im Film.“

tipBerlin Ende Mai 2025 ist nun die Box in den USA erschienen.

Mark Reeder Am 31. Mai und erst einmal nur in den USA. Aber die Version ist Code free, die jeder gucken kann auf Blu-ray und dazu gibt es noch Bonusmaterial, ein Büchlein über die Entstehung des Films und natürlich die CD mit dem Soundtrack.

tipBerlin Wird es in Berlin ein Screening geben?

Mark Reeder Ja, hoffentlich kriegen wir das hin, aber es gibt noch keinen Termin. Die Leute vom Kino müssen erst mal den Film sehen und die Musik anhören und entscheiden, ob sie das wollen oder nicht. Es gibt eine Fassung von dem Film mit deutschen Untertiteln, es würde also gehen.


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