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„Marty Supreme“: Erspielt sich Timothée Chalamet den Oscar?

Text: tipBerlin Filmredaktion
Veröffentlicht am: 24.02.2026
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In „Marty Supreme“ verschafft Regisseur Josh Safdie mit atemloser Kamera dem hochmotivierten Timothée Chalamet einen Platz im Oscar-Rennen. Fast jede Sekunde dominiert der 30-Jährige, rennt und schwitzt, redet und verarscht, charmiert und changiert; diverse Preise gab es schon dafür. Doch tipBerlin-Kritiker Michael Meyns sieht neben der Star-Performance auch eine wunderbare Homage an New York

Kann sich Marty (Timothée Chalamet) in „Marty Supreme“ bis ganz nach oben spielen? Foto: Tobis Film

Manche Schauspieler verschwinden in ihren Rollen, andere scheinen stets sie selbst zu sein, und dann gibt es eine dritte Möglichkeit: Wenn Rolle und Realität verwischen, eine fiktive Figur durch das Wissen um die reale Persönlichkeit ihres Darstellers zu zusätzlicher Komplexität findet. So eine Rolle spielt Timothée Chalamet in Josh Safdies hyperkinetischem „Marty Supreme“, eine Figur, die auf den ersten Blick kaum etwas mit dem nicht aus den Klatschspalten wegzudenkenden Jungstar zu tun hat, aber dessen Ehrgeiz und Attitüde auf fast schon kongeniale Weise in die filmische Realität einfließen lässt.

„Marty Supreme“: Chalamet spielt einen Hustler mit schnellem Mundwerk

Chalamet spielt Marty Mauser, der im New York der frühen 50er-Jahre Schuhe verkauft und von einer Karriere als Tischtennisstar träumt. Zu diesem Zeitpunkt interessiert sich noch kaum jemand für diesen Sport, offizielle Turniere finden in abgeranzten Turnhallen statt, auch Marty duelliert sich in Kellerklubs in New York. Marty ist in mehr als nur einer Hinsicht ein Spieler, ein Hustler, ein windiger Vogel, der mit seinem Mundwerk noch schneller agiert als mit dem Schläger. Als solcher ist er der essentielle New Yorker, wie man ihn aus den Filmen von Robert Rossen bis Martin Scorsese kennt: selbstbewusst bis zur Selbstüberschätzung, so charmant, dass selbst Unverschämtheiten nicht stören und immer auf der Suche nach dem eigenen Vorteil. Weder seine Mutter, noch seine On/Off-Freundin Rachel (Odessa A’zion), noch seine Affäre, der alternde Filmstar Kay Stone (Gwyneth Paltrow), noch deren reicher Mann (Kevin O’Leary) sind vor Martys Lügen, aber auch seinem Charme sicher.

Objektiv betrachtet wirkt Martys Narzissmus unerträglich, fast so unerträglich wie Chalamets Agieren auf den Pressetouren für seine Filme, auf den Bühnen, wo er Preise mit der Aussage entgegennimmt, dass er anstrebt, zu den Besten gehören zu wollen, geradeso wie Marty. Dessen Ziel ist es, Tischtennis-Weltmeister zu werden, Chalamet will einen Oscar, und das könnte klappen: Fast jede Sekunde von „Marty Supreme“ dominiert der 30-Jährige, rennt und schwitzt, redet und verarscht, charmiert und changiert; diverse Preise gab es schon dafür.

„Marty Supreme“ ist ein Meta-New York-Film voller Antihelden

Wie schon in seinen Filmen „Good Time“ und „Uncut Gems“ (beide noch zusammen mit seinem Bruder Benny inszeniert) taucht Josh Safdie auch diesmal wieder in eine sehr spezielle Welt ein, die er mit atemloser Kamera und einer wilden Mischung aus Starschauspielern, Laien und Typen mit markanten Visagen zum Leben erweckt. Zu letzteren zählt der Regisseur Abel Ferrara, einer der vielen leibhaftigen New Yorker, der diesen Film zur Hommage an die eine Stadt macht, noch mehr aber zu einem Meta-New York-Film: Vor allem Martin Scorseses hyperaktive und der Legende nach tatsächlich von etwas zu viel Koks beschleunigte Exzesse „Hexenkessel“ und „Die Zeit nach Mitternacht“ standen Pate ­– Filme voller Zocker und Spieler, Ganoven und Großkotze.

Antihelden hier wie da, eigentlich unsympathische Figuren, die mit Lässigkeit und Chuzpe im Überfluss gesegnet sind. Oder gestraft, denn auch Chalamets Marty steht am Ende eines fast zweieinhalbstündigen Exzesses in einer Art Limbo: Sein Traum vom Erfolg im Tischtennis scheint geplatzt, das Schicksal hatte andere Pläne. Doch ob die den notorischen und vielleicht unverbesserlichen Spieler zufriedenstellen, daran darf man zweifeln.


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