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Interview

Meltem Kaptan über ihre Rolle als Rabiye Kurnaz: „Sie trägt ihr Herz auf der Zunge“

Komische Menschen werden gern unterschätzt. So könnte das auch bei Meltem Kaptan sein, die in dem neuen Film von Andreas Dresen die Hauptrolle spielt. „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“, eine Politkomödie vor dem Hintergrund von 9/11. Im Gespräch mit tipBerlin-Filmkritiker Bert Rebhandl zeigt sich Meltem Kaptan als vielseitige Schauspielerin, die jetzt langsam ernst machen will.

Meltem Kaptan in „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ von Andreas Dresen. Foto: Pandora

Meltem Kaptans Markenzeichen: Süßes Backwerk

Wenn man auf Youtube nach Meltem Kaptan sucht, braucht es ungefähr drei Klicks, bis man zu etwas Süßem gelangt. Türkische Brownies zum Beispiel, genauer müsste man wohl sagen: Shortbread, Kurabiye genannt, und dann auch noch mit extra Zuckerguss. Das Backen ist eines der Markenzeichen der Comedienne, und so passt es ganz gut, dass auch bei ihrer ersten Hauptrolle in einem Kinofilm ein Kuchen eine wichtige Rolle spielt. In „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ bäckt die Hauptfigur, besagte Rabiye Kurnaz, einen Apfelkuchen, dessen Duft gleichsam bis nach Amerika weht, und auch in das Lager Guantanamo, wo ihr Sohn Murat nach 9/11 von Amerikanern gefangen gehalten wurde – er war ein Opfer der überschießenden Vorgehensweisen im „Krieg gegen den Terror“.

Meltem Kaptan denkt beim Backen an eigene Erfahrungen in der Kindheit: „In dem Buch ,Fünf Jahre meines Lebens‘ hat Murat Kurnaz beschrieben, wie er sich in seiner Zelle an den Geruch des Apfelkuchens seiner Mutter erinnert hat. Diese Verbindung beruht auf einer Art liebevollem mütterlichem Akt, so sehe ich das Backen und das Kochen auch: die Seele streicheln. Auch ich habe den Kuchen meiner Oma noch in der Nase. Dieses olfaktorische Erleben spürt der Anwalt Bernhard Docke, der Rabiye Kurnaz zur Seite steht, und so öffnen sich beide aufeinander. Der Kuchen wird eine Art Tor in das Herz des jeweils Anderen – deswegen ist das ein zentraler Moment im Film, finde ich.“

Meltem Kaptan: „Rabiye ist ein gutmütiger Mensch“

Vor wenigen Wochen hatte „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ von Andreas Dresen bei der Berlinale Premiere. Damals war sofort klar, dass Meltem Kaptan zu den Favoritinnen bei den Schauspielpreisen gehörte, und tatsächlich wurde sie dann auch mit einem Bären ausgezeichnet. Sie agiert in einem guten Sinn populistisch, sie trägt quasi im Alleingang die Pointe des Films, die der Titel ja schon verrät: dass eine Weltmacht mit ihren höchsten Institutionen sich der „liebevollen mütterlichen Art“ einer Frau aus Bremen beugen musste. Andreas Dresen und die Drehbuchautorin Laila Stieler spielen die Gegensätze überdeutlich aus, deswegen muss Rabiye Kurnaz zu Beginn vielleicht ein wenig dümmer und weltfremder erscheinen, als man von einer Figur aus dem realen Leben vermuten würde.

Im Video-Gespräch mit dem tipBerlin weist Meltem Kaptan diesen Verdacht allerdings zurück: „Nein, das finde ich nicht. Es ist diese sehr reine Art, die sie nun mal hat. Sie trägt ihr Herz auf der Zunge. Das kann einem auch zum Verhängnis werden. Wenn jemand so rein ist, dann ist es umso tragischer, wenn dieser Mensch Ungerechtigkeit erfährt oder zum Spielball wird. Sympathie empfindet man auch für diese lockere Art, Dinge einfach anzusprechen. Rabiye ist ein gutmütiger Mensch. Sie hat keinen Groll, auch heute nicht, keinen Hass. Das ist eine sehr positive Einstellung. Wenn diese Person leidet, leiden wir umso mehr mit.“

„Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ von Andreas Dresen. Foto: Pandora

Damit ist sehr gut die Identifikationsdramaturgie des Films beschrieben. Den engagierten und von ihr zunehmend faszinierten Anwalt Bernhard Docke (Alexander Scheer) immer an der Seite, rollt Rabiye Kurnaz die Weltpolitik als Männerbastion quasi mit Mutterwitz auf. Gibt es Parallelen zwischen Figur und Darstellerin? Meltem Kaptan möchte sich weder auf die Rolle noch auf eine Position als Vorzeige-Deutschtürkin festlegen lassen, sondern sucht das Universale in der Geschichte. „Sie ist schon ein ganz anderer Typ als ich, nicht nur, aber natürlich auch, weil ich selbst keine Kinder habe. Sie ist für mich ein Typ Mutter, der sich wirklich mit Haut und Haar dem Muttersein verschrieben hat. Wir kennen doch alle diese Muttis, die altruistisch sind, die manchmal auch übergriffig sind, man kann es ihnen aber nicht verübeln.“

Da Meltem Kaptan davor dem Kinopublikum noch nicht vertraut war, fragen wir sie am besten selbst nach einem kurzen Lebenslauf. „So ein bisschen Werdegang quasi? Ich bin in Harsewinkel im Kreis in Gütersloh geboren worden als Tochter einer türkischen Lehrerin, mein Vater war Bautechniker. Das Thema Integration war bei uns unglaublich wichtig. Meine Mama war eine Art Seelsorgerin, die Tür bei uns stand immer 24 Stunden offen, es gab einen beständigen Dialog zwischen deutschen Schulen und türkischen Eltern. Die kleinen Schäfchen sollten nicht verloren gehen, darum geht es ja auch in dem Film.“

Auf den einschlägigen Videoportalen wird man jede Menge Material von Meltem Kaptan finden. Der Film mit Andreas Dresen wird ihr nun aber neue Möglichkeiten eröffnen, für die sie ohnehin schon offen war. „Als hätte ich in den Himmel gerufen! Es sind schon tolle Angebote da, ich bin überrascht, wie vielseitig das ist. Ich werde mich von meinem Bauch und meiner Spielfreude leiten lassen. Wo es kribbelt, ist das ein gutes Zeichen.“

Meltem Kaptan, geboren 1980 in Gütersloh, kam während des Studiums in Marburg mit Improv-Theater in Kontakt, studierte Schauspiel in Washington und Istanbul und ist heute eine vielseitige Entertainerin und Komödiantin. Sie moderierte die „Ladies Night“ und bei Vox die Kochsendung „Allererste Sahne“. Ihr Lebensmittelpunkt ist Köln. Bei der Berlinale wurde sie mit einem Silbernen Bären für ihre Hauptrolle in „Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush“ ausgezeichnet.


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