„Sentimental Value“ verhandelt ein schwieriges Vater-Tochter-Verhältnis. Für Fans von „Der schlimmste Mensch der Welt“, Joachim Triers oscarnominiertem Kinohit aus 2021, wird sich „Sentimental Value“ bekannt anfühlen: derselbe Cast um Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Anders Danielsen Lie, und dasselbe Voice-Over in ironischer Frauenstimme. Marie Ladstätter sieht darin den besten Film des Jahres.

Der Vater wirkt in Joachim Triers „Sentimental Value“ wie eine Bedrohung. Jedes Mal, wenn Gustav Borg (Stellan Skarsgård) den Raum betritt, versteinert das Gesicht seiner Tochter Nora (Renate Reinsve), einer erfolgreichen Schauspielerin. Als einst vernachlässigtes Kind sieht man sie zwischen Sehnsucht und Hass hin und her gerissen. Der norwegische Regisseur Joachim Trier, der für seine feinen Betrachtungen menschlicher Konflikte bekannt ist, beleuchtet damit ein Thema, das in vielen Familien über Generationen hinweg für Zerwürfnisse gesorgt hat.
Während der Kindheit von Nora und ihrer Schwester Agnes (Inga Ibsdotter Lilleaas) gab es väterliche Liebe nur als Austauschware. Gustav war damals ein erfolgreicher Filmregisseur. Als Agnes in einer seiner Produktionen mitwirkte, war sie alles für ihn. Doch kaum waren die Dreharbeiten abgeschlossen, verschwand auch der Vater wieder.
„Sentimental Value“: Inga Ibsdotter Lilleaas ist ein interessanter Neuzugang
Für Fans von „Der schlimmste Mensch der Welt“, Joachim Triers oscarnominiertem Kinohit aus 2021, wird sich „Sentimental Value“ bekannt anfühlen: derselbe Cast um Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Anders Danielsen Lie, und dasselbe Voice-Over in ironischer Frauenstimme. Neben US-Star Elle Fanning ist vor allem Inga Ibsdotter Lilleaas als die zurückhaltend spielende Agnes ein interessanter Neuzugang.
Die dritte Hauptrolle hat neben Reinsve und Skarsgård eine wunderschöne Villa aus dem 19. Jahrhundert. Im einstigen Zuhause der zwei Schwestern finden die unfreiwilligen Begegnungen zwischen Vater und Tochter statt. Der Anlass dazu ist traurig: Ihre Mutter, Gustavs Ex-Frau, ist gestorben. Und prompt will der Vater wieder Kontakt in altbekannter Manier: Nora soll die Hauptrolle in seinem neuen Filmprojekt spielen. Für Nora jedoch ist bereits das Angebot ein Affront.
Joachim Trier erzählt uns kein Märchen
Parallel zu der Sensibilität, mit der Joachim Trier Noras Ambivalenz und Schmerz einfängt, erzählt er uns keine Märchen: Gustav Borg ist der alte, einst erfolgreiche Mann, der seine Karriere der Familie vorzog, der sehr unbeholfen viele Jahre zu spät um die Liebe seiner Töchter wirbt. Trier ist schlau genug, ihn keine Wandlung durchlaufen zu lassen, und in dieser Authentizität steckt das große Geschenk seiner Filme: Sie trösten, weil sie sich auf das echte Leben beschränken. Weil sie keinen Anspruch auf Lösung erheben – die gibt es auch nicht: Familie ist komplex, und familiäre Liebe umso komplexer. Renate Reinsve und Stellan Skarsgård spielen sich mit „Sentimental Value“ in den besten Film des Jahres. Hier stimmt einfach alles.
- Sentimental Value (Affeksjonsverdi) Norwegen 2025; 135 Min.; R: Joachim Trier; D: Renate Reinsve, Stellan Skarsgård, Inga Ibsdotter Lilleaas; Kinostart: 4.12.
Behind the Scenes: Filmset-Fotos von „Sentimental Value“. Eine politisch-romantische Harzreise: Julian Radlmaiers „Sehnsucht in Sangerhausen“. Der neue Film des US-Regisseurs Ari Aster: „Eddington“ ist ein bitterböser Mix aus Neo-Western, Satire und Gesellschaftsdrama. Drei Generationen Trauma: Die palästinensisch-amerikanische Regisseurin Cherien Dabis über ihren Film „Im Schatten des Orangenbaums“. Intensiv, anstrengend und unbedingt sehenswert: „Yes“ von Nadav Lapid versucht, die Energien im Staate Israel zu erspüren. Highlight aus Brasilien: „The Secret Agent“. Ein Gespräch über Rassismuserfahrungen, die Migrationsdebatte und Koranverbrennungen: Wir haben uns mit „Hysteria“-Schauspielerin Devrim Lingnau Islamoğlu getroffen. Bissig, grausam, durchgeknallt: „Bugonia“ von Yorgos Lanthimos. Spektakulär besetzt: „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ mit Jeremy Allen White. Der Cannes-Gewinner der Berliner Regisseurin geht ins Oscar-Rennen: Wir haben „In die Sonne schauen gesehen“. Was läuft sonst? Hier ist das aktuelle Kinoprogramm für Berlin. Der Letzte seiner Art in Berlin: Götz Valien malt Kinoplakate. Mehr aus der Filmwelt lest ihr in unserer Kino-Rubrik.

