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Starkes Boss-Biopic: „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ mit Jeremy Allen White

In „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ zeigt Regisseur Scott Cooper „The Bear“-Star Jeremy Allen White als an sich selbst zweifelnden, depressiven Rockstar – und die Entstehung seines kompromisslosesten Albums: „Nebraska“

Jeremy Allen White als Bruce Springsteen im Film „Springsteen: Deliver Me From Nowhere“. Foto: Macall Polay. © 2025 20th Century Studios. All Rights Reserved

Auch der tip-Musikredakteur konnte mit „Nebraska“, der seinerzeit neuen, sechsten LP von Bruce Springsteen wenig anfangen, damals im September ’82. Das Fazit lautete, wir sollten den Amerikaner einfach auf seinem neuen Weg alleine lassen.

Damit stand Herr D. durchaus an der Seite der powers that be (der besagte Redakteur liebte schon damals Amerikanismen) beim Label Columbia Records: Nach den Riesenerfolgen „Born to Run“ und „The River“ will Springsteen „ein besch*ssenes Folk-Album“ machen“? Unverständnis pur! Zumal dann Springsteens Manager und Freund Jon Landau auch noch die Parole „keine Singles, keine Tour, keine Werbung“ verkündete; selbst ein Porträtfoto auf dem Cover verbat sich der Boss.

„Springsteen: Deliver Me From Nowhere“ ist glänzend besetzt

Die Geschichte dieses Albums erzählt nun der Regisseur Scott Cooper („Crazy Heart“, „The Pale Blue Eye“) in seinem glänzend besetzten Film: Jeremy Allen White, der mit der Serie „The Bear“ in den letzten Jahren zum Star wurde, spielt einen an sich selbst zweifelnden, depressiven Bruce Springsteen, der großartige Stephen Graham (der Vater aus „Adolescence“) gibt Springsteens Vater Doug, Jeremy Strong spielt den beinhart loyalen Jon Landau und die Clint-Eastwood-Entdeckung Paul Walter Hauser den trocken-lakonischen Tontechniker Mike Batlan, der im Schlafzimmer seines Chefs das Vierspurtonbandgerät bediente.

Bruce Springsteen ist 1982 müde, ausgelaugt, von Selbstzweifeln geplagt

Nach seiner riesig erfolgreichen Welttournee um das „River“-Album herum ist Bruce Springsteen am Anfang des Jahres 1982 müde, ausgelaugt, von Selbstzweifeln geplagt. Er ist auf dem vorläufigen Höhepunkt seiner Karriere und hat keinen Plan, in welche Richtung er sein künstlerisches und soziales Leben in Zukunft lenken soll. Er zieht sich nach Colt Neck zurück, in ein kleines Haus in der Nähe seines Geburtsortes Freehold.

Im Fernseher läuft der Film „Badlands“ von Terrence Malick, der die Geschichte des Serienmörders Charles Starkweather erzählt. Gleichzeitig wird der Rock’n’Roller von den Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend im New Jersey der 50er-Jahre verfolgt, speziell an das oft rätselhafte Verhalten seines Vaters. Nur wenige Kilometer von seinem Lebensmittelpunkt entfernt verfällt die alte Vergnügungsstadt Atlantic City immer mehr. Der Regisseur und Drehbuchautor Paul Schrader („Taxi Driver“, „Blue Collar“) tritt an Springsteen heran, mit der Idee, einen Film über Vietnam-Veteranen zu machen. Die Beziehung zu der Kellnerin Faye geht komplett schief.

Aus all diesen kleinen Gegebenheiten entstehen neue Songs, die zunächst für das nächste Album mit der E Street Band geplant sind. Doch dann spürt Springsteen die Magie dieser rohen Arbeitsversionen, die er da in selbstgewählter Klausur aufgenommen wurden. Und damit wächst auch der Wunsch, diese dunklen, harten Songs genauso zu veröffentlichen.

„Nebraska“ ist ganz bestimmt nicht Springsteens bestes Album, aber es hat diesen durchgehenden Sound, hart, kalt und scharf wie Stacheldraht in der Beobachtung, aber ohne einen Ansatz zur Lösung. Warum er all diese brutalen Verbrechen begangen hat, wird Starkweather im Titelsong gefragt. Tja, da gibt es eben etwas Fieses in dieser Welt. Alles stirbt, Baby, soissesnunmal, leg etwas Make up auf und mach die Haare schick, und triff mich heute Nacht in Atlantic City. Und am Ende jedes harten Tages finden die Leute einen Grund, weiterzumachen.

Es ist der Versuch eines Künstlers, sich selbst an den Haaren aus all diesen Depressionen und Traurigkeiten herauszuziehen. Ein Versuch, der letztlich scheitert. Erst als Bruce sich professionelle Hilfe sucht und eine Therapie beginnt, löst sich der Knoten, fließen die Tränen. Der schwarze Hund der Depression wird in dieser Familie von Generation zu Generation weiter vererbt, wie Krebs.

Ein wunderschöner, lebensbejahender Film

Das klingt zu düster? Ja, schon. Trotzdem hat Cooper hier einen wunderschönen, lebensbejahenden Film gemacht, der besonders durch seine Detailverliebtheit verzaubert: Da sind all die Szenen in amerikanischen Kleinstädten mit ihren eindrucksvollen Automobilen auf den Straßen, da gibt es noch die runtergerockten Künstlergarderoben, zu deren Einrichtung ein Wassereimer, ein weißes Handtuch und ein Flippergerät gehören. Und da sind all die kleinen Gesten von Freundschaft und Loyalität, die Menschen miteinander verbinden.

Einige der Songs, die für „Nebraska“ entstanden sind, bekommen dann doch die Behandlung durch die E Street Band und die professionellen Produzenten und landen auf dem nächsten Album „Born in the U.S.A.“. Als Springsteen dieses Album 1984 im Frankfurter Waldstadion vorstellte, säumen die Stände von Freikirchen den Weg zum Konzert. So ganz alleine wird der Boss nie wieder sein.

  • Springsteen: Deliver Me from Nowhere USA 2025, R: Scott Cooper, D: Jeremy Allen White, Jeremy Strong, Paul Walter Hauser, Stephen Graham, Odessa Young, Kinostart: 23.10.2025

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