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Filmkritik

Ehre der Männer, Wahrheit der Frauen: Der Ritterfilm “The Last Duel” von Ridley Scott

Ein Ritterfilm, mit dem alle Ritterfilme enden: “The Last Duel” von Ridley Scott ist ein Ereignis. tipBerlin-Filmkritiker Michael Meyns schreibt auf, was das Mittelalterdrama mit Matt Damon in der Hauptrolle so besonders macht

“The Last Duel” von Ridley Scott. Bild: Disney

Die Wahrheit. Ein einfaches Wort und doch ein Konzept, über das Philosophen seit tausenden Jahren nachdenken. Gibt es überhaupt die eine Wahrheit? Oder hat vielleicht nicht doch jeder seine – oder auch ihre – eigene Wahrheit? Gerade diese letzte Überlegung ist ein Aspekt, der im Zuge der  #metoo-Bewegung vehement diskutiert wird – und Ausgangspunkt von Ridley Scotts Historienfilm „The Last Duel“ ist.

Schauplatz ist das mittelalterliche Frankreich, wo sich am 29. Dezember 1386 das letzte staatlich sanktionierte Duell zutrug, das der Wahrheitsfindung diente. Die allerhöchste Instanz der mittelalterlichen Rechts- und Glaubenssysteme sollte entscheiden, welcher der beiden Kontrahenten, die an diesem Wintertag auf Leben und Tod kämpften, Recht hatte: Gott. Dass es soweit kam, lag nun dem Moralempfinden jener Zeit folgend nicht etwa daran, dass möglicherweise eine Frau vergewaltigt, sondern dass ein Mann beleidigt wurde.

Gebärfreude und Gebietsgewinne: Die Liebe in “The Last Duel” ist eine praktische Angelegenheit

Dieser Mann war Jean de Carrouges, den Matt Damon mit bizarrer Vokuhila-Frisur als weinerlichen Kerl spielt, der sich fortwährend schlecht behandelt fühlt. Durchaus zurecht zwar, dennoch begeht Jean den Fehler, sich gegen die Traditionen, gegen die Regeln des Systems zur Wehr zu setzen. Nicht mehr ganz jung ist dieser Junker, der zudem auch noch keinen Erben hat. Und zu diesem Zweck heiratet er die schöne Marguerite (Jodie Comer), die nicht nur jung und scheinbar gebärfreudig ist, sondern auch noch reiche Ländereien als Mitgift in die Ehe bringt. Einen Makel hat sie allerdings: Ihre Familie hatte sich vor Jahren gegen den König gestellt, sie trägt daher einen schlechten Namen.

Jodie Comer in “The Last Duel” von Ridley Scott. Bild: Disney

All das lässt Jean in den Augen seines Lehnsherren Pierre d’Alencon (Ben Affleck) als wenig vertrauensvoll erscheinen, ganz im Gegensatz zum schmucken Jacques Le Gris, den Adam Driver mit langer Mähne wie einen Popstar seiner Zeit gibt. Und so agiert Jacques auch, der den Ruf als charmanter Schwerenöter hat, der sich schon mal nimmt, was er will. Auch Marguerite soll er sich so genommen haben, soll sie an einem Tag, als sie allein in der heimischen Burg zurückblieb, überfallen und vergewaltigt haben.

Größtmöglicher Realismus: Ridley Scotts Mittelalter in “The Last Duel”

Doch da Pierre der oberste Richter über seine Untergebenen ist, hat Jean keine Aussicht auf Gerechtigkeit. Sein einziger Ausweg: Beim König persönlich vorsprechen, das höchste Gericht des Landes anrufen und seinem Kontrahenten zudem den Fehdehandschuh hinwerfen. Und da auch im Mittelalter die Wahrheit über Vergewaltigungsvorwürfe nur schwer zu bestimmen war, entzog sich das Gericht einer Entscheidung und gab den Fall quasi an den obersten Richter weiter: Gott.

Nicht der einzige bizarr anmutende Aspekt dieser mittelalterlichen Welt, die Ridley Scott jedoch mit größtmöglichem Realismus schildert. Jedes Detail, jedes Kostüm, jede Burg wirkt authentisch, bisweilen lassen die Kamerafahrten den Film wie ein überreich ausgestattetes Diorama wirken.

Endgültig faszinierend wird „The Last Duel“ jedoch durch einen erzählerischen Dreh, bei dem man gerne wüsste, wer der drei Autoren diese Idee hatte: Matt Damon oder Ben Affleck, oder doch ihre Co-Autorin Nicole Holofcener. In drei Kapiteln wird erzählt, die jeweils lauten „Die Wahrheit nach…“ und die Sicht von Jean, Jacques und Marguerite schildern. Nun sieht man nicht a là Kurosawas „Rashomon“ dasselbe Ereignis aus drei Perspektiven, auch wenn manche Momente immer wieder auftauchen, mit oft kaum merklichen Variationen, unterschiedlichen Betonungen, aber auch Auslassungen. Statt dessen werden drei subjektiv geprägte Blicke auf eine Welt ausgebreitet, die von Männern dominiert ist, in der Fragen der Ehre, des guten Namens, des Besitz von Ländereien das Denken bestimmen, in denen heroische Männer in den Krieg ziehen und eine Vergewaltigung nicht die Frau betrifft, sondern den Mann, dem sie „gehört.“

In all dem ähneln sich die Kapitel von Jean und Jacques, allein wer der ehrbarere Mann ist, variiert. Erst im letzten Kapitel, dem von Marguerite, wird eine andere Wahrheit gezeigt, die der Frauen. Jetzt erst werden die ganzen Ausmaße dieses Systems deutlich, einem System, in dem Frauen Objekte sind, über die von Männern verhandelt wird, die als Gebärmaschinen funktionieren und sich dem Willen der Männer unterwerfen sollen. Nicht nur die Männer denken so, auch die meisten Frauen, von Marguerites Schwiegermutter bis zu ihrer besten Freundin. Vieles hat sich seitdem verändert, auch #metoo hat dafür gesorgt, doch eins ist gleich geblieben: Zu wissen, was genau die Wahrheit ist, bleibt schwierig, gerade wenn es um Vergewaltigungsvorwürfe geht. Doch am Ende von „The Last Duel“ geht es gar nicht mehr um die Farge, ob eine Vergewaltigung tatsächlich stattgefunden hat oder nicht, sondern um die Welt, die diese Männer hervorgebracht hat.

USA 2021; 152 Min.; R: Ridley Scott; D: Matt Damon, Ben Affleck, Adam Driver, Jodie Comer; Kinostart: 14.10.


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