Der brasilianische Regisseur Kleber Mendonça Filho hat einen der Filme des Jahres gemacht: „The Secret Agent“ erzählt von Widerstand gegen die Diktatur im Jahr 1977.

Die Stadt Recife im brasilianischen Bundesstaat Pernambuco liegt fast 2.000 Kilometer nördlicher als das weltberühmte Rio de Janeiro. Wie in jedem Land gibt es auch in Brasilien regionale Klischees. Der Norden („Norte“) gilt als provinziell, als arm, als weniger zivilisiert. Recife hat also einen Ruf zu gewinnen, oder auch zu verlieren. International hat die Stadt zuletzt stark an Bekanntheit gewonnen. Das hat mit dem Film „The Secret Agent“ von Kleber Mendonça Filho zu tun. Seit der Premiere in diesem Frühjahr in Cannes sind sich die meisten Fachleute einig, dass hier ein neuer Höhepunkt des brasilianischen Kinos vorliegt. Und der Regisseur stammt aus Recife, er hat alle seine Filme in der Stadt gemacht, er ist der Chronist einer spezifischen Welt.
„The Secret Agent“ spielt in einer Zeit der Unruhe
„The Secret Agent“ („O Agente Secreto“) führt zurück in das Jahr 1977, als Brasilien eine Militärdiktatur war. Es war eine „Zeit der Unruhe“, wie in einem Insert zu Beginn zu lesen ist. Ein Mann namens Marcelo kehrt nach Recife zurück und wird von einem Netzwerk befreundeter Menschen aufgenommen. Er hat gute Gründe, sich zu verstecken, denn ein mächtiger Mann hat Killer auf ihn angesetzt. Es dauert eine Weile, bis die Ursache des Konflikts erkennbar wird.
Zuerst einmal nimmt Kleber Mendonça Filho sich Zeit, den sozialen Kosmos der Stadt zu erkunden. Es sind die Tage, in denen der Karneval gefeiert wird, was mit einer solchen Intensität geschieht, dass immer wieder Menschen zu Tode kommen. Marcelo (gespielt von dem Superstar Wagner Moura) bekommt einen Job bei der lokalen Polizei, sein Interesse gilt aber vor allem den Meldedaten. Er möchte die offiziellen Spuren des Lebens seiner Mutter sichern.
Brasilien in den 1970er-Jahren: Subversion, Satire und Popkultur gegen den reaktionären Geist
Brasilien in den 70er-Jahren, das war eine zwiespältige Geschichte. Einerseits machte sich die Diktatur im Alltag nicht allzu stark bemerkbar, zudem lief die Wirtschaft eine Weile gut wegen der Ölexporte. Andererseits herrschte ein reaktionärer Geist, gegen den sich die Menschen mit Subversion, Satire, Popkultur zur Wehr setzten. Aus diesem Reichtum schöpft auch Kleber Mendonça Filho, denn „The Secret Agent“ ist nicht zuletzt so etwas wie eine Kulturgeschichte dieser Ära. Verschwörerische Treffen finden in Vorführkabinen eines großen Kinos statt, die Menschen strömen in „Der weiße Hai“, der damals gerade für Aufregung sorgt.
Marcelo, so stellt sich heraus, ist ein Spitzenakademiker, der an Lithium-Batterien forscht und Energie-Autonomie anstrebt – damit macht er sich das (weiße, europäisch geprägte) Establishment der Politik zum Feind. Seine glamouröse, dunkelhäutige Frau sorgt in einer zentralen Szene für einen Skandal. Auch dadurch wird Marcelo zum Staatsfeind, und seine Unterstützer werden zu einer revolutionären Bewegung. Das alles vor dem Hintergrund einer vibrierenden Stadt, in der jede Nebenfigur eine spannende Geschichte andeutet und zahlreiche großartige Darsteller den Film bereichern.
Orte der Fantasie
Kleber Mendonça Filho war ursprünglich Filmkritiker, wechselte dann aber die Seite, und wurde 2012 mit „Von großen und kleinen Haien“ bekannt, in dem er von einer Gated Community erzählte, einem von vielen Versuchen reicher Menschen in Brasilien, sich aus dem alltäglichen Leben auszuschließen. Schon hier arbeitete er im Grunde wie ein Urbanist oder Soziologe, der statt einer Untersuchung einen Roman schreibt.
2023 setzte er Recife mit „Retratos Fantasmas“ ausdrücklich ein Denkmal, er zeigte es als eine Stadt der Fantasien, indem er sich alle Kinos ansieht, in die er einst in seiner Kindheit und Jugend ging. Kein Wunder, dass ein Filmpalast nun auch eine entscheidende Rolle in „The Secret Agent“ spielt.
Und auch die Medien dieser Zeit sind wichtig. Tonbandkassetten bilden eine wichtige Brücke in die Gegenwart, denn Kleber Mendonça Filho interessiert sich für Archive. Und so entwickelt er seine Geschichte aus Dokumenten, die einen direkten Zugang zur Vergangenheit eröffnen. In der Summe eines fast dreistündigen Films ergibt sich daraus ein herausragendes Stück Kino, dem es an Schauwerten nicht mangelt: Das Recife von „The Secret Agent“ ist eine farbenprächtige Stadt mit vielen markanten Gesichtern.
„The Secret Agent“ schaltet von Sozialpanorama auf Thriller um
Und je stärker sich die Verschwörung rund um Marcelo herauskristallisiert (wie auch die seiner Feinde gegen ihn), desto stärker schaltet Kleber Mendonça Filho von Sozialpanorama auf Thriller um. Wie schon bei seinem Dokumentarfilm vor zwei Jahren ist dabei immer eine „phantasmatische“ Ebene im Spiel – die wilde Geschichte von Marcelo hat selbst etwas von einem Karneval, von einem Geschehen, in dem Rollen wechseln, in dem die Gesellschaft durcheinander gewirbelt wird.
Wer dabei an die Gegenwart denkt, an die Gefährdungen der brasilianischen Demokratie, liegt nicht verkehrt. Die „Zeit der Unruhe“, von der „The Secret Agent“ erzählt, ist auch die unsere.
- The Secret Agent (O Agente Secreto) Brasilien 2025; 158 Min.; R: Kleber Mendonça Filho; D: Wagner Moura, Maria Fernanda Cándido, Gabriel Leone; Kinostart: 6.11.2025
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