Cancel Culture Club

Schweigers „Klassentreffen 1.0“ ist nicht nur filmisch ein Desaster

Gerade mal zwei Jahre alt und doch so dermaßen altbacken: Til Schweigers „Klassentreffen 1.0“ war nicht nur ein filmisches Desaster. Möge dieser Mann sich bald mit einer 20-Jährigen auf Mallorca zur Ruhe setzen! 

Der Artikel ist Teil der Reihe „Cancel Culture Club“, in der wir uns Filmen aus der Vergangenheit widmen – und diese aus heutiger Perspektive neu verhandeln.

Klassentreffen 1.0
Das lustige Ensemble aus „Klassentreffen 1.0“. Foto: Warner Bros.

Til Schweiger hat Ärger – und wir auch, mit „Klassentreffen 1.0“

Til Schweiger ist momentan vielleicht genauso wenig zum Lachen zumute wie dem Publikum seiner Filme. Drehbuchautorin Anika Decker („Keinohrhasen“ und „Zweiohrküken“) hat gerade mit ihrer Klage vor dem Landgericht Berlin in der ersten Instanz gewonnen: Angesichts des enormen Erfolges der beiden Filme fühlt sie sich nicht angemessen an den Gewinnen beteiligt. Nun müssen Schweigers Firma Barefoot Films und der Verleih Warner Bros. ihre Einnahmen offenlegen, und dann wird im Sinne des Fairnessparagrafen im Urheberrecht nachverhandelt. Das könnte teuer werden.

Wir wollen also jetzt nicht unnötig auf ihm herumhacken. Til Schweiger mag es ohnehin nicht, wenn man seine Filme kritisiert – deshalb verzichtet er seit Jahren auf Pressevorführungen. Die „Feuilletonisten“ sollen für ihre Kinokarten bezahlen, bevor sie den Film zerreißen. 

„Klassentreffen 1.0“: Platte Dialoge, Charaktere vom Reißbrett

Im Sinne der Harmonie sehen wir also bei unseren Gedanken über den 2018 erschienenen „Klassentreffen 1.0“ von einer Kritik an den filmischen Ausdrucksmitteln ab. Wir gehen nicht weiter auf die platten Dialoge, die Reißbrettcharaktere und den schlimmen Soundtrack ein, nein. Es stört uns nicht, dass wieder jede zweite Szene von irgendeinem vermeintlich fetzigen Gedudel unterlegt und so in die Werbeclip-Welt katapultiert wird.

Auch dass der Pennälerhumor sich hauptsächlich um Körperöffnungen dreht, ist nicht weiter schlimm. Die wunderbare Anja Rützel vom „Spiegel“ schlug in ihrer Kritik zum Film vor, Hämorrhoiden hätten eigentlich als vierter Hauptdarsteller gelistet werden sollen. Das ärgerte den Til so sehr, dass er in den sozialen Medien einen seiner Trumpschen Wutanfälle bekam. 

Hey – Popos und Pupse sind nun mal ungemein witzig

Alles geschenkt. Hey – Popos und Pupse sind nun mal ungemein witzig, da wird ihm jeder Dreijährige recht geben. Uns geht es in dieser Serie nicht um filmische Qualität, sondern um menschliche. Weil wir finden, dass Homophobie, Sexismus und Rassismus im Film des 21. Jahrhunderts nichts verloren haben. 

Es geht los.

Eine Familie sitzt beim Frühstück und der Vater, gespielt von Samuel Finzi, gibt seinem Sohn schlechtgelaunt einen Rat: „Wenn du vorhast, bei Mädchen zu landen, solltest du vielleicht mal deinen Look entschwulisieren.“ 

Wow. Es sind noch keine fünf Filmminuten vergangen, was für ein Start. Doch wer hier einen Aufreger vermutet, irrt. Im Til-Schweiger-Kosmos ist das eine alltägliche Vater-Sohn-Konversation. Der Spruch ist nur ein weiterer Satz zwischen „Reich mir mal die Butter“ und „Der Kaffee ist zu stark.“ Denn es passiert: nichts. Seine Frau, gespielt von Katharina Schüttler, greift nicht zum Käsemesser oder schmeißt ihm das Honigglas an den Kopf. Der Sohn springt nicht vom Tisch auf. Nein. Er übernimmt sogar die Wortwahl des Vaters: „Vielleicht solltest du lieber mal dein Selbstmitleid entschwulisieren.“

Das Thema Homosexualität zieht sich durch

Das Thema Homosexualität zieht sich durch die gesamte „Reise der Silberrücken“ (so der Untertitel dieses Desasters). Die Figurenkonstellation ist die übliche: Der von Til Schweiger gespielte Typ – hier der enorm erfolgreiche DJ Thommy – ist der Allerallergeilste. Seine Kumpels sind ziemliche Seppels, über deren Unzulänglichkeiten sich der Allergeilste noch mehr profilieren kann. In „Klassentreffen 1.0“ leiden seine Freunde unter einer argen Midlifecrisis. Thommys Rat: „Leute kriegt euch mal ein – das ist nur eine Phase!“ Darauf Nils (Samuel Finzi): „Das hat meine Mutter auch gesagt, und mein Bruder ist immer noch schwul.“ Ha, was für eine Pointe. 

Und es geht direkt weiter. Beim gemeinsamen Saunabesuch klemmt Nils sich die Eier in der Saunabank ein. Der Schock: Einer muss ihn jetzt da rausholen. Und da die Eier so dermaßen feststecken zwischen all den Holz – hihi – latten (der war von mir, Til!), müssen sie vorher mit Creme eingesalbt werden. Iiiiiih! Thommy erbarmt sich unter Höllenqualen.

Abends im Hotelzimmer der nächste Gag: Teeniegespräche unter angezwitscherten Best-Agern

Andreas (Milan Peschel): „Entscheidung über Leben und Tod. Eins musst du machen oder du musst sterben. Entweder, du musst einen Typen zehn Minuten lang knutschen oder für eine Minute seinen Schwanz in den Mund nehmen.“

Thommy: „Eine Minute??“

Andreas: „Ja, los komm sag, was machst du? Aber nicht nur anstupsen, sondern richtig schön lutschen!“

Thommy: „Dann nehm ich Knutschen.“

Andreas: „Ja, aber auf Zunge!“

Thommy: „Immer noch besser …“

Andreas: „Ich glaub, ich nehm ihn in den Mund.“ 

Thommy: „Wieso das denn?“

Andreas: „Ich knutsch doch keinen Typen auf Zunge!“

Der nächste Kracher. Thommy lacht sich kaputt. 

Eigentlich verwunderlich, dass Thommy das Thema Homosexualität so umtreibt. Schließlich spielt Schweiger wie immer einen Typen, der sich mit zwei Kategorien von Frauen konfrontiert sieht: Die einen wollen ihn ganz dringend ficken. In diesem Fall geht eine seiner Groupies so weit, dass sie ihn mit einem Elektroschocker attackiert. Dann versucht sie, ihren bewusstlosen Schwarm zu vergewaltigen (sic!). Wie das halt immer so läuft zwischen Männern und Frauen.

Klassentreffen 1.0
Die Klasse von 1987 feiert, v.l.n.r.: Andreas (Milan Peschel), Nils (Samuel Finzi), Tochter Lili (Lilli Schweiger) und Thommy (Til Schweiger). Foto: Warner Bros.

Und dann ist da noch die jeweilige Traumfrau. Sie kämpft darum, die unzähmbare Libido der Schweiger-Figur auf eine Beziehung zu kanalisieren. Hier ist es Linda (Stefanie Stappenbeck), die Thommys Herz erobert hat und ihm erstmals die Monogamie erstrebenswert erscheinen lässt. Denn eigentlich sucht er doch immer die große Liebe, der Til – äh, Thommy. Doch ständig muss er sich den Angriffen seiner sexgierigen Fans entziehen. Da wird auch schon mal eine Stalkerin, zack, in einen Wäscheschacht geschmissen.

Zu Beginn des Films knattert der unfassbar erfolgreiche DJ nach dem Auftritt gnädigerweise ein Groupie durch, kommt mit Knutschfleck nach Hause und fliegt auf. Die Reaktion seiner Freundin: Sie setzt ein Manno-das-war-echt-nich-cool-Gesicht auf, schmollt circa eine Minute und drückt ihm dann einen Bäckerbeutel in die Hand: „Damit holst du morgen die ersten monogamen Brötchen deines Lebens.“ Die holt er dann auch. Und als die attraktive Tresenkraft sich gen Gebäck bückt, lobt er die „wirklich 1a-knackfrischen Brötchen“. Auweia. 

Aber immerhin – so zweidimensional wie sonst ist die Frauenwelt gar nicht

Aber immerhin – so zweidimensional wie sonst ist die Frauenwelt gar nicht. Hier gibt es noch eine dritte Kategorie: die Shopping-Trulla. Lindas Tochter nämlich (gespielt von, Überraschung!, Schweiger-Tochter Lilli Schweiger) klaut Thommys Kreditkarte und lädt ihre ebenso konsumgeilen Freundinnen ein. Dann füllen sie sich die Taschen mit Haute Couture und die Gläser mit Schampus. Ach, immer dasselbe mit den Miezen.

Die Schweigertochter Lili darf bei der Herren-Sause nicht fehlen. Foto: Warner Bros.

Gibt es eigentlich auch People of Color in diesem Film? Ach doch, ja, eine Rolle gibt es! Nils – er hatte sich bei der Reparatur eines Druckers mittels geplatzer Patrone versehentlich eine Art Gorbatschow-Mal auf die Stirn gespritzt – sitzt abends im Club. Einer Frau, natürlich circa 30 Jahre jünger als er (aber das ist ja in vielen Filmen Standard und nochmal ein Thema für sich) erklärt er: „Das ist eine Pigmentstörung.“

Just in diesem Moment läuft ein dunkelhäutiger Clubbesucher vorbei, schüttelt mitleidig den Kopf und sagt: „Not good.“ Darauf Nils: „I know, my friend.“ Ein Statistenauftritt anlässlich eines Pigmentwitzes. Kracher.

Und dann bekommt ein dickes Kind in „Klassentreffen 1.0“ einen Wutanfall ab

Es geht immer so weiter. Alle kriegen ihr Fett weg. Ein dickes Kind bekommt einen Wutanfall des genervten Andreas ab: „Kennst Du Moby Dick? Ich schmeiß dich gleich da drüben in den See – dann schwimmst du da wie so ein kleiner weißer Wal.“ Der sieht ja selber schon aus wie ein Pfannkuchen, schimpft er weiter, während dem kleinen Jungen die Kinnlade runterkippt. „Wenn der weiter so futtert, kann er bald als Hüpfburg arbeiten!“

Immer druff. Hauptsache, die Leute lachen, bis sie ihr Popcorn ausspucken. Zum Glück waren es in diesem Fall nur knapp über eine Million Zuschauer, für Schweiger-Verhältnisse unterdurchschnittlich. Aber unter diesen waren sicher viele Jugendliche, und unter diesen wiederum sicher auch homosexuelle Zuschauer.

Mal über „Entschwulisieren“ reden

Der Begriff „schwul“ wird an vielen deutschen Schulen als Standard-Schimpfwort verwendet. Was macht das mit einem schwulen Teenager? Und was macht es mit ihm, wenn er mit Freunden im Kino sitzt und hört, wie die Sympathieträger des Films übers „Entschwulisieren“ reden. Oder darüber, wie widerlich die Vorstellung ist, einen Mann zu küssen oder oral zu befriedigen?

Die Autorin dieser Zeilen mag sich nicht anmaßen, zu beurteilen, wie ein solcher Teenager sich dann fühlt. Sie wünscht sich nur eins: Möge Til Schweiger sich bald mit einer 20-Jährigen auf Mallorca zur Ruhe setzen. Es sei ihm von Herzen gegönnt. Hauptsache, er ist endlich in Regie-Rente, wenn die nächste Generation von Jungen und Mädchen ins Kino geht. 


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