Neuer Film „Trains“: Diese eindrücklichen Bilder brauchen keine Worte
Der Found-Footage-Film „Trains“ ist sicher ein Traum für Eisenbahn-Fans, aber er hat das Potenzial, auch ein breites Publikum zu begeistern. tipBerlin-Kritikerin Paula Schöber findet, diese Zeitreise in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts hat einiges zu erzählen – auch ohne Worte.

Es gibt viele Möglichkeiten, einen Film zu machen. Die am weitesten verbreitete ist wohl die, sich ein Drehbuch zu überlegen, Szenen zu drehen, und zum Schluss alles zusammenzuschneiden. Ein ungewöhnlicherer Weg ist der, Massen an Archivmaterial zusammenzusuchen, zu sortieren und zusammenzumontieren. Und das ohne Kommentierung, ohne Dialog und Voice-Over.
Diesen Ansatz hat der polnische Filmemacher Maciej J. Drygas für seinen Found-Footage-Film „Trains“ gewählt. Er hat zahlreiche Stunden in verschiedenen europäischen Archiven verbracht, Filmmaterial gesichtet und gesammelt. Der Filmtitel „Trains“ ist Programm: Alle Bilder zeigen Züge, Passagiere, Bahnhöfe, Schienen, Schaffner.
„Trains“ ist eine stille Mahnung an die Menschheit
Drygas beginnt seine Bilderflut mit dem Grundsätzlichen: Er zeigt Aufnahmen aus der Fabrikation von Dampfkesseln, Kuppelstangen und Waggons. Die Bilder müssen grob aus der Zeit um 1900 stammen, denn als nächstes sehen wir elegant gekleidete Reisende aus der Bourgeoisie. Es folgen Bilder junger Soldaten, die in den Ersten Weltkrieg marschieren und vier Jahre später auf Prothesen wieder aus maroden Zügen humpeln. Immer wieder werden Räder geölt, Waggons geschrubbt oder Zeitungen an Bahnhöfen verkauft. Zwischen den Kriegen sehen wir Modenschauen und Filmvorführungen in Zügen.
Doch das leichte Leben ist allzu schnell vorbei, es folgen wieder Panzer und Kanonen auf Güterwaggons, Bilder von der Kinderlandverschickung, Luftangriffe auf Eisenbahnstrecken, ausgebrannte Zugskelette und Leichen-Waggons, die aus den befreiten Konzentrationslagern rollen.
Drygas zeigt keineswegs eine wahllose Aneinanderreihung von Clips für Eisenbahn-Nerds. „Trains“ ist vielmehr eine Geschichtsstunde, eine stille Mahnung an die Menschheit: In einem kohärenten Erzählfluss erzählt Maciej J. Drygas den Verlauf der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts anhand des wichtigsten Transportmittels dieses dunklen Kapitels europäischer Geschichte.
- Trains Polen/Litauen 2024; 81 Min.; R: Maciej J. Drygas; Kinostart: 2.10.
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