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Filmkritik

„Über die Unendlichkeit“ von Roy Andersson: Schönheit und Absurdität

Tragikomödie Nach dem Ort, an dem das Banale und das Erhabene aufeinander treffen, haben schon viele Künstler gesucht. Bei Roy Andersson hat man immer das Gefühl, dass er an einem solchen Ort geboren wurde. In seinem neuen Film „Über die Unendlichkeit“  kann man einer Topfpflanze beim gerade nicht endgültigen Verkümmern zusehen, und Andersson macht auch gern Witze von der Art, dass ein Kellner ein Glas Rotwein füllt, dann aber nicht aufhört, wenn das Glas schon voll ist. Das sind Momente, in denen Komik auf ihre ursprünglichsten Faktoren reduziert wird: auf physische Grenzen, auf unpassende Orte, und auf Menschen, die gerade ein wenig zu groß sind für die allerkleinsten Probleme des Lebens.

"Über die Unendlichkeit" von Roy Andersson
„Über die Unendlichkeit“ von Roy Andersson. Foto: Neue Visionen

Bald wird Andersson 80 Jahre alt, man kann „Über die Unendlichkeit“ also als einen ersten Anlauf zu einem Vermächtnis nehmen. Es ist ein langsamer, knapper Anlauf. 79 Minuten, gefüllt mit Szenen wie der eines Priesters, der mit seinen Glaubenszweifeln einen Arzt konsultiert, oder der eines Paars, das über der zerstörten Stadt Köln 1945 schwebt. Der Dom steht noch, und eine Anspielung auf Marc Chagall richtet das ganze Bild himmelwärts. Das ist dann eher das Erhabene bei Andersson.

Er baut seine Filme im Studio. Häufig sind schon die Bauten ein Teil der Pointe, zum Beispiel, wenn sich die Via Dolorosa aus Jerusalem in Schweden wiederfindet, wo dann der Priester buchstäblich das Kreuz trägt, von dem er eigentlich das ganze Leben gepredigt hat. Solche Verschiebungen des Kontexts sind typisch für Andersson, der in seinen früheren Filmen gern einmal eine Armee aus dem Dreißigjährigen Krieg in ein sehr schnödes heutiges Speiselokal platzen ließ, oder eine monströse Apparatur aus der sizilianischen Antike zu einem merkwürdigen Sinnbild für das Kolonialzeitalter überhöhte.

Menschliches, allzu Menschliches: „Über die Unendlichkeit“ von Roy Andersson

Auch in „Über die Unendlichkeit“ kommen Weltgeschichte und Menschliches, Allzumenschliches zusammen. Und zwar so, dass man sogar den Eindruck bekommen könnte, ein Mann, der nicht und nicht über den unverdienten Erfolg eines früheren Kollegen hinwegkommt und noch abends bei Tisch seine Frau damit quält, könnte in seiner ganzen Mickrigkeit ein Erlöser für Adolf Hitler sein, in dessen Führerbunker eine Szene spielt, die Bernd Eichinger sich für keinen noch so verschärften „Untergang“ jemals auszudenken gewagt hätte.

In der Kombination solcher fernliegender Teile entfaltet „Über die Unendlichkeit“ tatsächlich so etwas wie eine Metaphysik. Keine transzendente, ohne Spezialeffekte und ohne die geringste Übernatürlichkeit, sondern im Gegenteil eine, die das Weltsprengende gerade in der Spannung zwischen dem Banalen und den Erhabenen findet. In dieser Spannung findet Andersson das Grundmotiv für sein Werk: einen großen (und letztlich dann doch niemals sentimentalen) Gnadenakt für das höchst unzulängliche, aber unendliche Wesen Mensch.

Om det oändiga (OT); Schweden 2019; 78 Min.; R: Roy Andersson; D: Ania Nova, Lesley Leichtweis Bernardi, Martin Serner; Kinostart: 17. 10. 2020


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