Filmkritik

„Vitalina Varela“ von Pedro Costa: Ein postkoloniales Meisterwerk

Filmkunst Vitalina Varela ist barfuß, als sie zum ersten Mal den Boden Portugals  betritt. Sie steigt vorsichtig die Treppe aus dem Flugzeug hinunter. Eine Gruppe vom Reinigungspersonal nimmt sie in Empfang. Landsleute von den Kapverden, die in Lissabon auf dem Flughafen arbeiten. Wie ein Komitee wirken sie, aber in Wirklichkeit ist Vitalina Varela nicht willkommen. Sie ist drei Tage zu spät gekommen. Ihr Mann, den sie seit Jahrzehnten nicht gesehen hatte, ist gestorben, ohne dass sie ihn noch einmal hätte treffen können.

Was sie noch vorfindet, ist die Welt, in der Joaquim de Brito Varela in Portugal gelebt hat: ein Elendsviertel mit kleinen Wohnungen in verwinkelten Gassen. Als Vitalina später eine Dusche nimmt, fällt ihr ein Stück von der brüchigen Decke auf den Kopf. Es ist die Welt der Menschen, die aus der ehemaligen Kolonie Cabo Verde nach Portugal gekommen sind, die aber nie richtig angekommen sind.

"Vitalina Varela" von Pedro Costa
„Vitalina Varela“ von Pedro Costa. Foto: Grandfilm

Es ist auch die Welt des Filmemachers Pedro Costa. Vor zwanzig Jahren begann er mit dem Dokumentarfilm „In Vandas Zimmer“ einen Zyklus, der sich inzwischen zu einem der bedeutendsten Langzeitprojekte im Weltkino entfaltet hat. Vanda Duarte, heroinsüchtig, eingeschlossen in einen kleinen Raum, eröffnete Costa den Zugang zu einem Kosmos. Er begann, mit kleinem Team die Winkel von Fontainhas zu erforschen, jenem Viertel in Lissabon, in dem besonders viele Menschen mit Migrationshintergrund lebten. Menschen, die einmal Kolonialportugiesen waren, und nun im „Mutterland“ wie Fremde lebten.

Sukzessive kamen weitere Figuren mit ihren Geschichten hinzu, und weitere Filme. Zentrale Bedeutung gewann vor allem ein Mann namens Ventura, der es Costa ermöglichte, die epochalen Ereignisse des Zusammenbruchs der portugiesischen Kolonialmacht und der Revolution von 1974 in seine Erzählung aufzunehmen. Immer deutlicher wurde, dass es nicht einfach darum ging, Menschen zu porträtieren, sondern eine Geschichte „von unten“ zu entwerfen, und auch eine ganz bestimmte Weise, das Leben zu verstehen – ein Leben, in dem Geister eine große Rolle spielen.

Schön wie ein Gemälde: „Vitalina Varela“ von Pedro Costa

Vitalina Varela hat es nun auch mit Geistern zu tun. Von allen Filmen von Pedro Costa ist dieser am stärksten in einem Zwischenreich angesiedelt, zwischen Wirklichkeit und Erinnerung, zwischen Traum und Trauma. Bis auf ein paar Szenen gegen Ende ist Dunkelheit die vorherrschende Stimmung. Eine Dunkelheit, aus der sich die Gestalt von Vitalina herauskonturiert wie in einem alten Gemälde. Die Schönheit dieser Bilder würde eher klassisches Filmmaterial vermuten lassen, aber Costa dreht digital, und erzielt dabei phänomenale Lichteffekte.

Der Vergleich mit Gemälden macht auch insofern Sinn, als man „Vitalina Varela“ anders erleben wird als die meisten Kinofilme: es geht nur am Rande darum, einer Geschichte zu folgen. Eher sollte man sich den Stimmungen und dem Atmosphärischen überlassen, während sich nur ganz allmählich das Porträt einer zutiefst enttäuschten Frau zusammensetzt: Ihr Mann, mit dem sie ein schönes Haus gebaut hatte, war eines Tages ohne ein Wort verschwunden. Vierzig Jahre hatte sie auf einen Flug nach Portugal gewartet. Nun möchte sie zumindest, dass der zitternde Pater eine Predigt auf Joaquim hält. Doch der Geistliche hat seine eigene Meinung: „Erinnerung ist Gift“. Vom Leben der Einwanderer gibt es nicht viel mehr zu erzählen, als dass sie arm waren.

Pedro Costa lässt solche Sätze und überhaupt die Konstruktion seiner Filme aus einem langen Prozess entstehen, in dem er die Menschen von Fontainhas filmisch begleitet. Man könnte von einer teilnehmenden Beobachtung sprechen, in der die Grenze zwischen dem Filmemacher als Autor und den Figuren verschwindet. Sie erzählen sich selbst, Costa ist nur das Medium, wobei allerdings deutlich ist, dass er dabei sehr genau weiß, wie die Filme aussehen sollen. Der geheimnisvolle Unrealismus von „Vitalina Varela“ ist auch Teil eines ästhetischen Projekts, das zugleich kollektiv und anonym und in höchsten Maß von künstlerischer Handschrift geprägt ist.

So kann Costa sich auch die Freiheit nehmen, dass Ventura hier den Pfarrer spielt, und dass Vitalina Varela, die schon in „Horse Money“ von ihrer Ankunft in Portugal erzählt hatte, hier noch einmal neu ansetzt. Nun ist sie der Mittelpunkt, und der „portugiesische Atlantik“, wie man das Projekt in Anlehnung an den „Black Atlantic“ auch nennen könnte, bekommt wieder eine stärker weiblichen Akzent. Das heimliche Leitmotiv von „Vitalina Varela“ bekommt schließlich eine utopische Note: Menschen brauchen ein Dach über dem Kopf, damit sie auf dieses Dach steigen können, um die Freiheit zu sehen.

Portugal 2019; 124 Min.; R: Pedro Costa; D: Vitalina Varela, Ventura, Manuel Tavares Almeida; Kinostart: 10. 9.


Außerdem im Kino: die Filmstarts vom 10. September im tip-Überblick; weiterhin zu sehen: die Filmstarts vom 3. September; die Filmstarts vom 27. August; die tip-Kritik zu „Tenet“ von Christopher Nolan.

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