Filmkritik

„Vortex“ von Gaspar Noé ist der bisher beste Film über Demenz

Paarlaufen im Alter: Gaspar Noé erzählt in „Vortex“ von den letzten Lebenswochen eines alten Ehepaares und der Ratlosigkeit im Umgang mit Demenz. tipBerlin-Kritiker Lars Penning hat den Film gesehen, der ganz anders ist als die bisherigen Provokationen des französischen Regisseurs.

„Vortex“ von Gaspar Noe. Foto: Rapid Eye Movies

In „Vortex“ ist niemand der Situation gewachsen

Seinen biologischen Höhepunkt hat der Mensch ungefähr mit 25 Jahren überschritten. Danach geht es kontinuierlich bergab. Das kann man sich heute noch relativ lange schönlügen, die ersten grauen Haare und Fältchen einfach ignorieren oder kosmetisch bekämpfen. Doch spätestens wenn es immer häufiger hier und da zwackt, weiß man, dass man alt wird. Und die Menschen werden immer älter: in einem Industrieland wie Deutschland mittlerweile durchschnittlich gute 80 Jahre alt, mit der nicht unwahrscheinlichen Option auf noch ein paar Jahre mehr. Dass damit auch die Pflegebedürftigkeit zunimmt, stellt die Gesellschaft vor immer neue Herausforderungen.

Dem Thema der Altersdemenz haben sich in den letzten Jahre schon einige Filme angenommen, im vergangenen Jahr erst der Hit „The Father“ mit Anthony Hopkins, in dem konsequent der Blickwinkel eines Demenzkranken übernommen wird und seine Irritation sich direkt auf den Zuschauer überträgt, wenn sich Räume und Zeitebenen für ihn vermischen und sich vermeintliche Gewissheiten als trügerisch herausstellen.

Auch der aus Argentinien stammende, in Frankreich lebende und arbeitende Regisseur Gaspard Noé erzählt in seinem neuen Film „Vortex“ von einer Altersdemenz. Doch der vorherrschende Eindruck, der sich in dieser Geschichte um die letzten Lebenswochen eines alternden Paares intensiv vermittelt, ist der einer kompletten Rat- und Hilflosigkeit, die sich angesichts des stetig verschlechternden geistigen Zustandes der Frau breitmacht. Weder ihr Mann noch ihr Sohn sind der Situation adäquat gewachsen. Zwar stößt der Sohn die richtigen Diskussionen an, bedarf aber als (Ex-)Drogensüchtiger selbst der Hilfe und des Zuspruchs und beißt sich am störrischen Vater die Zähne aus.

Leben als Traum in einem Traum: „Vortex“ von Gaspar Noé

Dabei sieht anfangs alles noch gar nicht so schlimm aus: Der Mann (Dario Argento, Italiens Altmeister des Horrorthrillers in seiner ersten großen Schauspielrolle) und die Frau (Françoise Lebrun, französische Filmikone seit ihrem Auftritt in Jean Eustaches brillantem Spät-Nouvelle-Vague-Film „La Maman et la Putain“) grüßen sich aus gegenüberliegenden Fenstern ihrer großen Pariser Wohnung und prosten sich auf der Dachterrasse mit einem Schluck Wein zu. „Das Leben ist ein Traum”, sagt sie, und er korrigiert sie leicht mit einem Zitat, das er später einmal Edgar Allen Poe zuschreiben wird: „ein Traum in einem Traum.“ Dann besingt Françoise Hardy in ihrem Chanson „Mon amie la rose“ die Vergänglichkeit, und die Geschichte nimmt ihren Lauf.

Später, bei der Trauerfeier für seine Mutter wird Stéphane (Alex Lutz), der Sohn, eine kleine Rede halten: „Träume sind kurz. Und die Träume in Träumen sind noch kürzer.“

Um zu zeigen, wie sich die bisher gemeinsam gestalteten Leben des Paares auf divergierende Wege begeben, bedient sich Noé des geschickt eingesetzten Stilmittels Split-Screen. Heißt: Man sieht auf der Leinwand zwei Bilder, die Kamera folgt dabei meist den beiden Hauptprotagonist:innen, gelegentlich auch dem Sohn. Der Riss beginnt in einer Szene, die das Ehepaar gemeinsam im Bett zeigt: Sanft teilt sich das Bild – während er weiterschläft, steht sie auf, zieht sich an, verlässt die Wohnung. Sie bringt den Müll weg und irrlichtert in ihrem Wohnviertel herum.

„Vortex“ zeigt alltägliche Orte als Labyrinthe

Die Art, in der die Kamera ihren zögerlichen, unsicheren Schritten folgt und wie der Bildausschnitt die beiden Läden, in die sie hineingeht, zu engen Labyrinthen verdichtet, machen dabei deutlich, dass in ihrem Leben etwas nicht mehr stimmt. Auch von der Topographie der Wohnung wird man sich nie wirklich ein Bild machen können, sie bleibt ein weiteres Labyrinth.

Der Zustand der Frau verschlechtert sich: Die ehemalige Psychiaterin mixt gefährliche Medikamentencocktails, weiß bald nicht mehr wo sie ist, erkennt ihren Sohn nicht mehr. Gelegentlich kreuzen sich ihre Wege mit denen ihres Mannes, der an einem Buch über das Kino und die Träume schreibt, doch auch wenn die beiden zusammensitzen und Händehalten, bleibt die Trennung der Bilder bestehen. Bitter ist auch eine Szene, in der Stéphane seine Eltern zu überzeugen versucht, in ein betreutes Wohnprojekt umzuziehen. Man spricht gemeinsam, doch auch hier bleiben die Bilder getrennt: links Sohn und Mutter (die sich ständig für ihren Zustand entschuldigt), rechts der Vater, dem es gesundheitlich auch nicht gut geht, der sich aber verzweifelt an sein bisheriges Leben klammert und die Wohnung mit all seinen Büchern, Zeitschriften und Erinnerungen nicht verlassen will.

Gaspard Noé gilt gemeinhin als ein Provokateur des Kinos – vielleicht auch nur bei jenen Menschen, die sich von Filmen mit viel Sex, Gewalt, Drogen und Exzessen provozieren lassen. Im Grunde geht es in seinen Filmen um intensives Leben – in „Vortex“ zeigt er nun ein Ende des Weges auf: traurig und ein Stück weit auch anrührend. Als Stéphane, der auch bei der Drogenhilfe arbeitet, dort einmal erzählt, wie schlecht es der Mutter geht, zieht einer seiner Bekannten ein bitteres, seiner Lebenswelt entsprechendes Fazit: „Altwerden oder Fixen – da weiß man gar nicht, wie man sich entscheiden soll.“

F/B 2021; 140 Min.; R: Gaspard Noé; D: Dario Argento, Françoise Lebrun, Alex Lutz; Kinostart: 28.4.


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