Nadav Lapid versucht, die Energien im Staate Israel zu erspüren. In seiner neuen Satire „Yes“ legt er es darauf an, die Zerrissenheit der Identitäten im Land offenzulegen. Intensiv, anstrengend und unbedingt sehenswert, findet Bert Rebhandl.

Die zentrale Figur in Nadav Lapids Film „Yes“ trägt nur einen Buchstaben als Namen: Y. heißt auf Hebräisch „Jod“, damit ist deutlich, was gemeint ist. Dieser Mann steht für die männlichen, jüdischen Bewohner des Staates Israel allgemein, er ist einer von Vielen, auch wenn nur wenige wohl so leben würden wie Y. Gemeinsam mit seiner Partnerin Yasmine tritt er als Animierer und Tänzer auf den Partys reicher Leute auf. Das Paar liebt es, zu provozieren. Beide kümmern sich aber auch zärtlich um den kleinen Noah, mit dem sie eigentlich so etwas wie eine perfekte Boheme-Familie sein könnten.
Nadav Lapid macht in „Yes“ den Ausnahmezustand spürbar
Doch die Umstände sind nicht nach Glück: Israel steht unter dem Schock des 7. Oktobers 2023, und auch die Bilder aus Gaza drängen sich dauernd in den Alltag. Y und Yasmine verkörpern einen Ausnahmezustand, den der Regisseur Nadav Lapid in jeder Faser seines Films spürbar macht.
In einer entscheidenden Szene steht Y. an der Seite seiner Ex-Partnerin Lea auf einem Hügel, von dem es zynisch heißt, dass von hier aus Menschen beim Picknick beim Abwerfen von Bomben auf Gaza zusehen. Im Hintergrund am Horizont hört man Explosionsgeräusche und sieht man Rauchwolken – man sieht den tatsächlichen Krieg. Nadav Lapid hat 2019 mit „Synonymes“ den Goldenen Bären gewonnen. Er legt es mit allen seinen Filmen darauf an, die Zerrissenheit israelischer Identitäten offenzulegen. Während die Fundamentalisten sich in ihre religiöse Ideologie einbunkern und viele andere sich auf die Streitkräfte als letzte Instanz des gesellschaftlichen Zusammenhalt verlassen, zeigt Lapid die Figuren, die im „gelobten Land“ oder im Exil die Widersprüche des Lebens in einem religiös dominierten Staat auszuhalten versuchen.
Als Y. einen Auftrag bekommt, eine neue Hymne für Israel zu komponieren, sieht er eine Chance, seine künstlerischen Träume als Musiker endlich zu verwirklichen. „Yes“ ist ein zweieinhalb Stunden langer Ritt auf Messers Schneide, ein intensiver, auch anstrengender, unbedingt sehenswerter Film.
- Yes (Ken) Israel/F 2025; 150 Min.; R: Nadav Lapid; D: Ariel Bronz, Efrat Dor, Naama Preis, Kinostart: 13.11.2025
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