Filmkritik

„Zombi Child“ von Bertrand Bonello: Voodoo im Mädcheninternat

Filmkunst Zombies kennt man heute vor allem aus einer berühmten Trilogie des amerikanischen Filmemachers George Romero: auf unerklärte Weise von den Toten auferstandene Wesen, die sich ziemlich langsam bewegen, aber furchtbar gern die Lebenden anfallen, um ihr Fleisch zu fressen. Doch der Ursprung des Zombie-Mythos liegt ganz woanders, worauf nun auch der Film „Zombi Child“ von Bertrand Bonello abhebt: im karibischen Inselstaat Haiti mit seiner auf afrikanischen Tradionen beruhenden Voodoo-Religion, einstmals mitgebracht und weiterentwickelt von den schwarzen Sklaven, die sich Ende des 18. Jahrhunderts in einem Aufstand erfolgreich gegen die französische Kolonialmacht durchsetzen konnten.

"Zombi Child" von Bertrand Bonello
„Zombi Child“ von Bertrand Bonello. Foto: Grandfilm

Die Zombiefication – tatsächlich wohl auf ein Gift zurückzuführen, welches das Opfer bei Bewusstsein, aber zunächst immobil und sprachlos zurücklässt – dient in der haitianischen Gesellschaft vor allem als soziale Sanktion: die Betroffenen werden willenlos, verlieren ihre Identität und sehen einem Sklavenschicksal entgegen.

Der  gut dokumentierte Fall des Haitianers Clairvius Narcisse, der 1962 in einem Krankenhaus für tot erklärt wurde – und 18 Jahre später putzmunter wieder auftauchte, von seiner eigenen Beerdigung und von einem zwischenzeitlichen Dasein als Zombie-Sklave auf einer Zuckerrohrplantage berichtete,  dient dem französischen Regisseur Betrand Bonello nun als Ausgangspunkt seines Films „Zombi Child“, in dem er auf ungewöhnliche Weise haitianischen Voodoo und das Geschehen an einer französischen High School zusammendenkt.

Bonello (*1968) gehört zu den profiliertesten französischen Autorenfilmern der Gegenwart: Er lässt sich auf kein Thema festnageln, schafft stattdessen in seinen Filmen immer neue Denkansätze zu den kulturellen, sozialen und politischen Fragen unserer Zeit. Eine Retrospektive seiner sehenswerten Filme zeigt seit 2. Oktober übrigens das Kino Arsenal.

Nächtliche Treffen: „Zombi Child“ von Bertrand Bonello

Während Narcisse also in Bildern, die einem düsteren Traum gleichen, seinem Schicksal als Fremder im eigenen Leben auf Haiti entgegen geht, haben Fanny (Louise Labeque) und ihre Freundinnen im heutigen Frankreich an ihrem einst von Napoléon begründeten Eliteinternat (das für Kinder reserviert ist, deren Eltern das Kreuz der Ehrenlegion erhalten haben) einen Club gegründet, dessen Rituale auch nächtliche Treffen bei Kerzenschein beinhalten. Neuestes Mitglied der kleinen Gang ist die aus Haiti stammende und nach dem Tod ihrer Eltern nun mit ihrer Tante, einer Voodoo-Priesterin, in Frankreich lebende Mélissa (Wislanda Louimat), die sich irgendwann als Narcisses Enkelin herausstellt.

Bonello nimmt die Interessen und Wünsche der pubertierenden Mädchen dabei genauso ernst wie die haitianische Zombie-Geschichte und all die Querverweise auf die Kolonialzeit, die sich in der gedanklichen Verknüpfung der beiden Sphären ergeben. Eine weitere bizarre Abzweigung nimmt der faszinierend disparate Film schließlich, als Fanny angesichts eines Liebeskummers glaubt, dringend die Dienste einer Voodoo-Priesterin zu benötigen. Dann geht es ansatzweise sogar in Richtung Horror – zumal der heraufbeschworene Baron Samedi angesichts des recht profanen Anlasses ganz schön sauer ist.

F 2019; 103 Min.; R: Bertrand Bonello; D: Louise Labeque, Wislanda Louimat, Katiana Milfort, Mackenson Bijou; Kinostart: 8. 10. 2020


Außerdem diese Woche neu im Kino: die Filmstarts vom 8. Oktober; weiterhin im Kino: die Filmstarts vom 1. Oktober; die Filmstarts vom 24. September und vom 17. September

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