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Filmemacher Eyal Sivan im Gespräch

Eyal Sivantip Die pragmatische Vision sehe ich noch nicht. Was schlagen Sie vor: Rückkehr in die Diaspora?
Eyal Sivan Diese Diaspora gibt es längst. Wissen Sie, wie viele Israelis inzwischen in Berlin leben, wie viele Israelis die Pässe von Polen, Rumänien, der Ukraine, Deutschlands nehmen? Warum? Das ist echte Ironie der Geschichte: Ich habe Freunde, die sich einen polnischen Pass besorgt haben – für den Fall, dass etwas passiert! Ich mache mir auch Sorgen um die Minderheit der Juden im Nahen Osten. Wer würde mit uns schon leben wollen? Das ist das Problem. Das Problem mit paranoiden Leuten ist, dass sie am Ende recht haben.

tip Bei aller Sympathie: Haben Sie nicht manchmal das Gefühl, sich in Ihrer eigenen Dialektik zu verfangen? Sie drehen das Argument immer ein Stück weiter.
Eyal Sivan Nein, das ist meine Jüdischkeit. Ich schäme mich nicht Jude zu sein. Ich bin auch nicht stolz darauf. Ich bin Jude, so wie ich atme. Hannah Arendt hatte ein schönes Wort dafür. „Ich bin jüdisch – so wie ich eine Frau bin.“ Ich bin in ständiger Versuchung kritisch zu denken, auch über meine eigene Position.

tip Hatten Sie je eine andere Haltung zu Lanzmann?
Eyal Sivan Ich glaube, wie viele, dass „Shoah“ ein sehr wichtiges Werk ist. Ich würde nicht sagen, dass es ein richtiger Film ist. „Pourquoi Israel“ ist unglaublich interessant, „Tsahal“ ist der beste Film über eine Armee seit Leni Riefenstahl, kinematografisch gesprochen. Ich habe also eine Menge Respekt und Bewunderung für dieses Kino – so wie für Leni Riefenstahl, die ab 1945 im Gefängnis hätte sitzen müssen – die ich aber trotzdem für eine große Filmemacherin halte.

Eyal Sivantip Das ist schon ziemlich hart, Lanzmann mit Riefenstahl zu vergleichen.
Eyal Sivan Ich finde, das ist ein Kompliment für Lanzmann. Wer wird abstreiten, dass Riefenstahl in den Begriffen des Kinos eine große Filmemacherin ist. Man kann ein großer Filmemacher sein und die schlimmste Person in der ganzen Welt. Lanzmann ist Teil dieser faschistischen Filmemacher. Wenn man sagt: Für eine neue Form des Verbrechens braucht man eine neue Form des Kinos, wenn man jede andere Person attackiert, die einen Film über den Holocaust macht, als ob man Eigentümer der Trademark „Shoah“ wäre – dann bedeutet das, dass man ein Faschist ist. Das heißt nicht, dass er nicht ein großer Filmemacher wäre.

tip Was meinen Sie, wenn Sie sagen, „Shoah“ sei „kein Film“?
Eyal Sivan Es ist kein Film, der dialogisch kommunizieren will wie Kino. Er will ein Monument sein, sich als „neue Form des Kinos für eine neue Form des Verbrechens“ behaupten. Diese Situation, in der man vollkommen in einen Moment hineingerissen wird, mit dem man nicht umgehen kann. Das respektiert die Verhältnisse der Zuschauerschaft nicht. Die neuneinhalb Stunden. Oder „Tsahal“, wo zweieinhalb Stunden lang der Panzer gezeigt wird. Haben Sie sich gefragt warum?

tip Es ist natürlich das „Sobibor“-Argument: Wehrhaft werden, unter Eindruck des Holocausts.
Eyal Sivan Sehen Sie sich die Interviews in „Tsahal“ an, mit den Bücherwänden im Hintergrund, in denen die VHS-Kassetten von „Shoah“ stehen. Der Panzer ist die offensive Gaskammer. Es gibt diese Zeugnisse: „Ich war im Panzer und wir wurden getroffen. Ich konnte nicht atmen, ich habe ‚Mutter, Mutter!‘ geschrien!“ Der Panzer ist die Gaskammer, die attackieren kann. Ich bin also immer noch ein Opfer – weil ich immer noch in der Gaskammer bin. Okay. Faszinierend. Viereinhalbstunden über die israelische Armee, ohne ein einziges Wort über den Libanon-Krieg. Das ist ein Film über die moralischste Armee der Welt, die israelischen Verteidigungskräfte.

Interview: Robert Weixlbaumer

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