Kino & Stream

Filmemacher Eyal Sivan im Gespräch

Eyal Sivantip Herr Sivan, warum haben Sie die Orange als Ausgangspunkt Ihres Films über Israel gewählt?
Eyal Sivan Ich setze mich seit Jahren mit der israelisch-palästinensischen Frage und dem Gebrauch von Bildern in der Propaganda auseinander. Die Orange war das Symbol Palästinas und wurde zum Symbol Israels. Sie ist ein Gegenstand von Projektionen.

tip Wie würden Sie denn Ihre Perspektive als Filmemacher definieren?
Eyal Sivan Erst einmal habe ich eine politische Beziehung zu Israel, als Israeli und Opponent zur israelischen Ordnung. Damit hat die Idee zu tun, dass man öffentlichen Raum besetzt, durch das Erschaffen von Kunst, das ist ein politisches Statement. Aber das wichtigste ist das ständige Umgehen mit den Produkten der Macht. Das ist meine Rolle – die Wahrhaftigkeit des Bildes selbst zu bezweifeln, den Zweifel am Bild als etwas Fundamentales zu etablieren. Jemand produziert ein Bild, weil er will, dass Sie etwas Bestimmtes sehen. Die Perspektive, nach der Sie fragten, ist: die Debatte provozieren – dort, wo gewünscht ist, diese Debatte zu beenden.

tip Zu den Provokationen Ihres Films gehört, dass Sie den Holocaust in der Analytik der Bilderproduktion Israels nicht vorkommen lassen. Warum?
Eyal Sivan Wenn Sie meinen Film über Eichmann nehmen, „Ein Spezialist“ – da zeige ich fast keine Überlebenden, ich zeige den Täter. Und ich zeige auch keine Bilder aus den Lagern. Ich glaube nicht, dass es – im Rahmen des Kinos gedacht – einen großen Unterschied zwischen Erwähnen und Nicht-Erwähnen gibt. Weil Sie sehen, dass der Holocaust nicht thematisiert ist, ist er in meinem Film gerade anwesend. Ich glaube aber, dass die permanente Benutzung von dem, was man „Holocaust“ nennt, ihn mit allem überall in Beziehung zu bringen, selbst ein Regime der Rechtfertigung geworden ist. Das heißt: Man hat die Lager – also ist die Frage der Vertreibung der Palästinenser nicht wirklich relevant. Man hat das jüdische Opfer – also sind die anderen Opfer nicht wirklich so wichtig. Ich hatte genug von diesem Marketing des Holocaust.

Eyal Sivantip Nun heißt, den Hintergrund von etwas zu kennen, ja nicht, alles zu entschuldigen. Man kann es nur in einen größeren Kontext setzen.
Eyal Sivan Für mich beginnt meine Geschichte als Jude nicht 1939 und sie endet nicht 1945. Aber wenn ich durch Berlin gehe, dann beginnt meine Geschichte 1939 und endet 1945. Das ist die zweite Ermordung der Juden, ihre Geschichte auf sechs Jahre zu reduzieren. Und daran will ich mich nicht beteiligen. Ich habe eine Geschichte, die viel breiter ist, sie ist orientalisch, die Erinnerung, dass ich der Araber von Europa war, bin, dass ich der Muslim von Europa war, vor dem Krieg. Und heute ist der Muslim von Europa der Immigrant, der Türke – das ist der neue Jude.

tip Ihr Film „Route 181“, in dem Sie Begegnungen an der Linie sammeln, die die UN-Resolution 181 von 1947 zog, wurde in Frankreich zum Gegenstand eines Prozesses, in dem sogar Claude Lanzmann aussagte.
Eyal Sivan Das Schwierige für Europa ist, zu verstehen, dass nicht nur die Juden die Opfer Europas sind, sondern auch die Palästinenser Opfer Europas sind. Aber es ist einfacher, am 8. Mai 1945 stehen zu bleiben. Der europäische, der westliche Rahmen ist, die Juden permanent als Ausnahme zu inszenieren. Ich will das Ende dieser Ausnahme provozieren, weil sie in die Auslöschung der Juden mündet. Ich bin ein viel größeres Problem für die arabischen Staaten als Lanzmann.

tip Warum denn das?
Eyal Sivan Weil ich nicht ins Stereotyp passe, was ein Zionist und ein Israeli ist. Weil ich sage, die Orange gehört nicht mir und nicht euch, sie gehört beiden. Ich sage nicht, dass die arabische Erfahrung, die vierhundert Jahre von Kolonialismus und Massakern, nichts ist, weil ich aus Auschwitz komme, weil ich das Opfer Europas bin. Das ist das, was Lanzmann sagt. Er fällt ein ideologisches Urteil. „Pourquoi Israel“, „Shoah“, „Tsahal“. Das ist ein ideologischer Schluss: Warum Israel? Wegen der Shoah. Also: Tsahal. Lanzmann präsentiert „Sobibor“ als die höchste Idee des Judaismus mit Muskeln. Ich habe kein Problem damit, dass Juden nicht Widerstand geleistet haben, weil ich glaube, dass die Juden normale Leute sind, wie jeder sonst. Lanzmann hat damit ein Problem. Wie alle Zionisten.

1 | 2 | weiter

Mehr über Cookies erfahren