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Filmemacher Lior Shamriz

Lior_Shamriz_c_david_von_becker„Kino ist tot.“ Das ist der erste Satz, der in dem Film „Japan, Japan“ von Lior Shamriz gesprochen wird. Wie so oft steht der Satz auch hier am Anfang einer kleinen Wiederauferstehung des Kinos, das der aus Israel stammende, seit sechs Jahren in Berlin lebende Shamriz mit den Mitteln der Improvisation, des Spiels und der digitalen Bearbeitungen neu erfindet. „Das Kino ist eine Sache für junge Leute“, heißt es in „Japan, Japan“ gleich danach, und diesen Aspekt löst Shamriz auf jeden Fall auch selbst ein. Das Israel Film Festival zeigt drei längere Arbeiten von ihm unter der Rubrik „Filmmaker in Focus“, darunter auch den aktuellsten „A Low Life Mythology“, eine medial vielfach verfremdete Liebesgeschichte in der künstlerischen Boheme Berlins.

Ich treffe Lior Shamriz zum Interview in einem Cafй im Graefekiez, ganz in der Nähe von seinem Büro am Kottbusser Damm, das zugleich auch seine Wohnadresse ist. Er ist glänzender Laune, schon nach ein paar Sätzen platzt es förmlich aus ihm heraus: „Ich hatte einen großartigen Sommer.“ „Private oder künstlerische Gründe?“, frage ich zurück, und während ich das noch sage, ist mir schon klar, dass das eine falsche Alternative ist. Denn das eine hängt natürlich mit dem anderen zusammen, und bei aller Künstlichkeit wirken die Filme von Lior Shamriz immer wieder so, als wären sie direkt aus dem Leben hervorgegangen. Selbst dort noch, wo einem auf einem Balkon ein babylonischer König begegnet.

Und so sieht es auch Shamriz selbst: „Ich möchte mein Leben zeigen, meine Beziehungen zu meinen Freunden. Der Idee einer Berliner Boheme stehe ich allerdings kritisch gegenüber und ich hoffe, dass man das meinen Filmen auch ansieht.“ Er trinkt bereits seinen zweiten Kaffee und vergisst zwischendurch nicht zu erwähnen, dass das ein positiver Effekt der Veränderungen im Viertel ist: Es gibt mehr und mehr Orte, an denen man guten Kaffee bekommt. In „A Low Life Mythology“ erzählt Shamriz von der Beziehung zwischen Mana und Asten, sie ist Filmstudentin, fühlt sich an der Hochschule aber nicht wohl, er arbeitet in einer Bar, beide sind sie von Filmen umgeben, die ständig auf Computerbildschirmen laufen und kritisch beäugt werden. „Zum ersten Mal konnte ich hier den Beteiligten etwas bezahlen“, sagt Shamriz, der davor immer mit einem Low- oder „No Budget“ gearbeitet hat. „‚Japan, Japan’ hat 200 Euro gekostet: hundert für die Bänder und hundert für das Sushi-Restaurant, in dem wir gedreht haben.“ Danach enstand „Saturn Returns“, Kosten: 2?000 Euro, in dem Kreuzkölln zum Kreuzungspunkt amerikanischer und israelischer Identitätssuchen wird. Shamriz hat dabei immer wieder mit Imri Kahn gearbeitet, der als Drehbuchautor und Schauspieler fungiert. „Wir waren lange auch ein Paar, es war immer mehr als Schauspiel. Ich hoffe, dass wir bald wieder zusammenarbeiten werden“, sagt Shamriz und deutet damit zumindest an, welche persönlichen Geschichten sich hinter denen der Filme verbergen.

Da das Thema auf dem Tisch ist, stelle ich nun doch die ein wenig platt wirkende Frage, ob er sich als schwulen Filmemacher versteht. Mit seiner Antwort versucht Lior Shamriz sich der Kategorisierung zu entziehen: „Ich bin offen schwul, ich liebe es, Männer auf der Leinwand zu sehen. Aber als ich mit ‚Japan, Japan‘ bei einem Queer Film Festival in Reykjavнk eingeladen war, war das eher verstörend, denn darum ging es in meinem Film nicht eigentlich.“ Neben der sexuellen Identität ist es vor allem das Thema der (Nicht-)Zugehörigkeit zu bestimmten Orten, das bei Shamriz zentrale Bedeutung hat. Berlin ist bei ihm nicht zuletzt ein Transitort, ein Ort temporärer Verbindungen, und das gilt auch für seine Geschichten, die häufig eine lose Form haben, sich episodisch voranbewegen und keinen abschließenden Sinn suchen. Die Frage der Identität stellt sich beim Israel Film Festival damit noch ganz besonders in einer anderen Hinsicht.

Wie ist sein Verhältnis zu Israel? „Ich bin dort geboren, aber ich möchte darauf nicht festgelegt werden. Ich bin kein Zionist, und ich sehe den Zionismus als großes Problem. Es ist mir sehr wichtig, dass die Leute, die bei einem solchen Festival meine Filme sehen, das wissen.“ Die Eltern von Shamriz stammen aus dem Iran und aus dem Irak (der Vater aus Shiraz, die Mutter aus Basra). Die Familie ist also aufgrund der politischen Lage im Nahen Osten von ihrer Heimat abgeschnitten. Auch Lior Shamriz könnte nicht an die Orte seiner Herkunft reisen. „Natürlich bin ich neugierig. Aber ich bin auf viele Orte neugierig.“ Er nennt dann noch einen besonderen Aspekt seiner Herkunft, an dem ihm besonders gelegen ist: „Ich bin am Mittelmeer geboren, an einem tollen Strand, an dem man allerdings, wenn man Pech hat, unter Raketenbeschuss geraten kann.“ Dass er aus dieser Gefährdung heraus nicht auf einen stärkeren Staat und mächtigere Apparate gesetzt hat, sondern auf eine offene künstlerische Existenz in Berlin, ist nicht zuletzt dem Kino zu verdanken, das Shamriz mit 17, 18 Jahren zu entdecken begann und das er nun auf seine eigene Weise belebt.

Text: Bert Rebhandl

Foto: David von Becker

Israel Film Festival Berlin Do 18.10. bis So 21.10. im Moviemento; www.israelfilmfestivalberlin.de; Filme von Lior Shamriz:
„Japan, Japan“, Fr 19.10., 18.15 Uhr; „Saturn Returns“, Sa 20.10., 18.15 Uhr; „A Low Life Mythology“, So 21.10., 18.15 Uhr

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