Filmfestival

Auf zum 26. Internationalen ­Filmfestival Cottbus

Einmal im Jahr wird Cottbus zum Mekka des osteuropäischen Films. Ein Ausflug lohnt: wegen der vielen Entdeckungen mit mehr als 200 Filmen aus knapp 40 Ländern, und wegen der entspannten Atmosphäre. Hier einige Höhepunkte.

Foto: The Last Family
Foto: The Last Family

The Last Family
Drama, R: Jan P. Matuszynsky, Polen, Wettbewerb Spielfilm
Ein Arbeitszimmer mit Aussicht – so viel ­immerhin kann der real existierende Sozialismus in Polen dem Künstler Zdzislaw Beksinski geben. 1977 zieht er mit seiner Familie in ein Hochhaus in Warschau. Mit sich bringen die Beksinskis ein Archiv: Tonbänder, Videos, Bücher, Schallplatten. Bald wächst der Material-Wust weiter, auf den Jan P. Matuszynsky für seinen Film zurückgegriffen hat.
Er erzählt die Geschichte der Künstlerfamilie Beksinski als Spielfilm nach. Der Vater legt alles in seine Bilder, eine polnische Variante des fantastischen Realismus, von der Matuszynsky deutlich macht, dass es sich bei diesen Traumgebilden um eine Kehrseite des technologischen Fortschritts handelt. Denn Beksinski verwendete früh neue Geräte, die damals in Polen sehr teuer gewesen sein müssen. Ein gleichmäßiger Fatalismus prägt die tableauhafte Bildsprache des Films: Medien kommen, Menschen gehen, Konflikte erschöpfen sich, die Gebäude bleiben. Dass draußen in der Welt zwischen 1977 und 2005 die ­Systeme stürzen, bekäme man kaum mit. Auch das kann man als Sieg der Kunst lesen.

It’s not the Time of my Life
Familiendrama, R: Szabolsc Hajdu, Ungarn, Wettbewerb Spielfilm
Spuren von Ingmar Bergman in Ungarn: In einer verwinkelten, vollgeräumten Wohnung mit manch kostbarem Möbelstück leben Eszter, Farkas und der kleine, aufsässige Bruno. Zu ihnen stößt eine zweite Kernfamilie, die aus Schottland zurückkehrt, wo sie mit der „Mentalität“ nicht zurechtgekommen sind: ­Ernella, Albert und ihre Tochter Laura. Eszter und ­Ernella sind Schwestern, der Geist ihres ­abwesenden Vaters steckt in den Fugen der Wohnung und der Beziehungen.
Szabolsc Hajdu, der selbst den verhinderten Dandy Farkas spielt, bastelt ein Kammerspiel aus kleinen Suspense-Momenten und fragilen Balancen, mit zwei tollen Hauptdarstellerinnen. Den Hang zum Fantastischen, der seine früheren Filme ausgezeichnet hat, hat Hajdu hier gebändigt – nur eine kleine Performance der Kinder deutet noch in diese Richtung. Am Ende singt Daniel Johnston „Life In Vain“, ein Lied, das gegen den eigenen Titel so protestiert wie dieser Film gegen die Zumutungen des Alterns und der Müdigkeit.

In München verloren
Fake-Doku, R: Petr Zelenka, Tschechische Repubik, Sektion Nationale Hits
Eine verdienstvolle Sektion in Cottbus heißt „Nationale Hits“ und zeigt Filme, die in den entsprechenden Ländern sehr erfolgreich waren. Oft bekommt man auf diese Weise ­etwas zu sehen, was anders nicht den Weg auf Festivals geschafft hätte. Petr Zelenkas ­lustige Fake-Dokumentation hat aber durchaus das Zeug, ein internationales Publikum zu interessieren.
Es geht um das Münchner Abkommen von 1938, das heute als wichtige Station auf dem Weg in den Zweiten Weltkrieg gilt, weil die Westmächte zu große Zugeständnisse an ­Hitlerdeutschland machten. Im Mittelpunkt steht ein steinalter Papagei, der immer noch die Stimme des damals bedeutenden Politikers ­Daladier nachmachen kann. Geschickt verknüpft Petr Zelenka die Stimmungslagen heutiger tschechischer Kunstschaffender mit nationalen Klischees und Vergangenheits­bewältigung.

Wir sind Juden aus ­Breslau
Dokumentarfilm, R: Karin Kaper & Dirk Szuzies, Berlin, Sektion Specials
Dass Wrocław einmal europäische Kulturhauptstadt sein könnte, wäre vor mehr als 100 Jahren plausibler gewesen als noch vor 30. Das frühere Breslau war eine Metropole, bevor die Geschichte des 20. Jahrhunderts mehrfach alles über den Haufen warf.
Der Dokumentarfilm schlägt eine Brücke ­zwischen der Zeit, bevor NS-Deutschland die große jüdische Gemeinde vernichtete, und der Gegenwart, in der jüdisches Leben sich wieder entfalten kann. In den Erinnerungen der Zeitzeugen kommt nicht nur die Zeit der Schoah zu Sprache, sondern auch die feindselige ­Politik während der Zeit des sowjetisch domi­nierten Kommunismus in Polen, als Breslau zu Wrocław wurde – und zu einer Stadt, die Spuren der Vergangenheit trägt wie sonst vielleicht nur noch Berlin und Warschau.

Filmfestival Cottbus 8. bis 13. November
Das Wort Lubina ist sorbisch und bedeutet: „die Liebreizende“. Beim Filmfestival Cottbus ist die Lubina das, was in Cannes die Goldene Palme ist – der Preis, der für gute Filme, Regie und darstellerische Leistungen verliehen wird. Seit 1991 erkundet man in Cottbus das osteuropäische Kino. Das war damals, als alle nach Westen blickten, eine gute und kluge Entscheidung, die bis heute Früchte trägt.
Das Programm ist äußerst vielfältig, neben dem zentralen Spielfilmwettbewerb gibt es noch einen zum Jugendfilm, in der Reihe Spektrum kann man weiß­russisches Low-Budget-Kino wie „Der Graf in Orangen“ sehen, die Sektion Heimat ist zweisprachig, heißt auch Domowjna und stellt in diesem Jahr den Lausitzer Regionalkünstler Konrad Hermann vor. Dazu kommen die ­Nationalen Hits aus den Nachbarländern, ein Fokus auf Kuba (das ja auch immer irgendwie zu Osteuropa gehörte), und Polnische Horizonte. Die Entdeckungsreise ins innereuropäische Grenzland kann man auf der Webseite beginnen: www.filmfestivalcottbus.de

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