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Filmfestival von Venedig

Das Filmfestival von Venedig bekommt alle zwei Jahre eine besondere Konkurrenz. Während in den Kinos am Lido die Herbstbilanz des Autorenkinos gezogen wird, präsentiert die Kunstbiennale auf der anderen Seite der Lagune parallel die Avantgarden aller Kunstrichtungen, von Performance-Art bis zur sozialen Skulptur.
Aber auch Videoinstallationen (Steve McQueen), Doku-Stills (Chris Marker) und ganze Lebenswerke  (Harun Farocki und Alexander Kluge) werden in den Hallen und Länderpavillions von Arsenale und Giardini ausgestellt.
Wer von dort kommend wieder in die großen Festivalkinos der Mostra eintritt, wünscht sich manchmal noch ein wenig mehr avantgardistischen Wagemut und Lust am Aufbrechen narrativer Formen. Ausgerechnet der Animationsfilm „Anomalisa“ (Foto), handgemacht mit Puppen und detailbesessenen Miniaturdekors, ging im Wettbewerbsprogramm des Festivals, in dem sich schon die Essayfilme von Amos Gitai („Rabin, The Last Day“) und Alexander Sokurov („Francofonia“) innovativer als die meisten Spielfilme erwiesen hatten, noch einen Schritt weiter. Charlie Kaufman, genialischer Autor von Arbeiten wie „Being John Malkovich“ oder „Eternal Sunshine of the Spotless Mind“, kehrt mit „Anomalisa“ auf die Plattform der internationalen Festivals zurück und zeigt wie sich der Wahnwitz seiner Phantasie jederzeit auch in eine berührende, konzentrierte Erzählung einfügen kann.
Sein Held, dessen Perspektive der Film übernimmt, ist als Motivationsredner zu einer Tagung für Kundendienstmitarbeiter in Cincinnati unterwegs, ein mittelalter Mann, der die Durchschnittlichkeit seines Lebens kaum noch erträgt. Die Menschen um ihn herum scheinen die selbe Stimme (gesprochen vom selben Akteur) und die selben Gesichter (Duplikate aus dem 3D-Printer) zu haben – bis auf Lisa, die eines Abends seinen Weg im Hotel kreuzt. Kaufman und sein Koregisseur Duke Johnson fusionieren in den zehntausenden Einzelbildern dieser Begegnung paranoide und hyperrealistische Elemente, während sich zugleich der langsame mentale Zusammenbruch des Mannes als ein in jeder Hinsicht bewegender Moment in Lisas Leben erweist. „Anomalisa“ ignoriert, smart und wendungsreich, die Konventionen des Animationskinos ebenso, wie die Zwänge einer rein realistischen Erzählung und schenkt den Zuschauern eine schillernde Projektionsfläche für ihre Phantasien. Die Freiheit des Projekts verdankt sich auch den Umständen seiner Finanzierung. Das Startkapital haben Johnson und Kaufman mit einem Crowdfunding-Aufruf auf der Plattform Kickstarter zusammenbekommen, bevor ein Einzelinvestor den Rest der Finanzierung sicherte. Jetzt muss nur noch das Festival diese ungebändigte Freiheit mit einem Hauptpreis würdigen.  ?

Text:
Robert Weixlbaumer

Foto: A STARBURNS INDUSTRY Production and A SNOOT ENTERTAINMENT Production

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