Kino & Stream

Filmfestivals im November in Berlin

Die Köchin und der Präsident

FRANZÖSISCHE FILMWOCHE
Mit kundigem Blick inspiziert Hortense ihre neue Arbeitsstelle. Einige der Töpfe und Pfannen stammen noch aus der Zeit von Louis-Philippe. Sie glänzen nach wie vor, schließlich werden sie täglich anderthalb Stunden lang poliert. Als Leibköchin von François Mitterand, dem Monarchen im Elysйepalast, tritt die resolute Dame aus der Provinz in Christian Vincents vergnüglichem „Die Köchin und der Präsident“ (Foto) ein verfängliches Amt an. Der Neid ihrer Macho-Kollegen ist ihr sicher. Und es braucht eine Weile, bis sie herausfindet, was ihr neuer Arbeitgeber von ihr erwartet: eine raffiniert-traditionsbewusste Küche.
Auf der 12. Französischen Filmwoche präsentiert sich das Kino der Grande Nation auf Hochglanz poliert. Es blendet stolz zurück in die Vergangenheit. Der muntere Eröffnungsfilm „Populaire“ handelt von einem Sekretärinnen-Wettbewerb in den 1950er-Jahren, Olivier Assayas legt in „Aprиs mai“ gewissenhaft Rechenschaft ab über die Bildungsabenteuer der Generation, die nach dem Pariser Mai 1968 erwachsen wurde. Und Noйmie Lvovsky verschlägt es, wie einst Coppolas Peggy Sue, in dem hübschen „Camille redouble“ zurück ins Teenageralter. Seit einigen Jahren hat sich die Französische Filmwoche zu einer Plattform für Vorpremieren entwickelt: Sie zeigt die Filme, von denen sich Verleiher hierzulande ein gutes Geschäft versprechen und bildet die aktuellen Strömungen des französischen Kinos im Mainstream ab. Gegen die Hausmannskost der romantischen und gediegen-emanzipatorischen Komödien können sich da nur wenige Autorenfilmer wacker behaupten. Auf das Wagnis, beispielsweise Stйphane Brizйs problematisches Sterbehilfe-Drama „Quelques heures de printemps“ oder Joachim Lafosses verstörende Familienstudie „А perdre la raison“ herauszubringen, hat sich bislang kein deutscher Verleih einlassen wollen. Immerhin können Assayas, Lvovsky, Jacques Audiard („Der Geschmack von Rost und Knochen“) und Xavier Dolan („Laurence Anyways“) unter Beweis stellen, dass sie zu den eigensinnigsten Filmemachern der Gegenwart gehören.
Christian Vincent, der klug genug ist, das Publikum nicht nur mit exquisit kulinarischen Tableaus zu verzaubern, sondern eine Künstlerin bei der Arbeit zu zeigen, gehört ebenfalls in diese Riege. Wer darüber hinaus Exzentrischeres sucht, wird in der Filmreihe „Dans Paris“ im Arsenal fündig.

Text: Gerhard Midding

Foto: Tibo & Anouchka / Vendome Production / Alamode Film

Französische Filmwoche, Do 29.11. bis Mi 5.12., www.franzoesische-filmwoche.de

 

Would You Have Sex With An Arab?

ONE WORLD BERLIN
Yolande Zauberman mischt sich unter Tel Avivs Party People und wirft unbeschwert feiernde und flirtende junge Männer und Frauen mit einer so unvermuteten wie provokanten Frage aus der Bahn: „Würden Sie mit einem Araber schlafen?“ Im Gesicht der Angesprochenen malt sich Unglaube, Bestürzung gar. Dann Reaktionen, die vom zögerlichen „Warum nicht?“ bis zum entrüsteten „Auf keinen Fall!“ reichen. Manche berichten daraufhin von ihren sexuellen Erfahrungen, einige offenbaren komplexe Beziehungs- und Familienhintergründe. Dabei stellt sich die simple Frage, ob und inwieweit die Liebe zweier Menschen zum Frieden zwischen den Völkern beitragen kann. Zaubermans höchst lebendiger Interviewfilm „Would You Have Sex With An Arab?“ (Foto) eröffnet die neunte Ausgabe des One World Filmfestivals für Menschenrechte und Medien. Insgesamt zehn Programme vermitteln Einblicke in problematische Gemengelagen an unterschiedlichen Orten der Welt, versuchen, über die Zusammenschau des scheinbar Disparaten dafür zu sensibilisieren, wie das Kleine mit dem Großen, der lokale Konflikt mit der globalen Krise zusammenhängt. Gleichberechtigt stehen daher Analphabetismus in Deutschland („Unbelehrbar“ von Anke Hentschel), Gentechnik in Indien („Bitter Seeds“ von Micha X. Peled) und Korruption in Argentinien („Wunder gibt es nicht …“ von Gaby Weber) nebeneinander. Chris Belloni folgt in „I Am Gay And Muslim“ sechs jungen Marokkanern, die sich weder ihre Religion noch ihre sexuelle Orientierung streitig machen lassen wollen. Andreas Kuno Richter begleitet in „Der verlorene Sohn“ SchülerInnen einer 11. Klasse aus Jena-Lobeda, die im Rahmen eines Videoworkshops ein Interview mit den Eltern des NSU-Mitgliedes Uwe Böhnhardt führten. Und in „Die Protest­macher“ porträtiert Dieter Rucht vier Menschen, die ihr Leben dem kapitalismuskritischen Engagement gewidmet haben.

Text: Alexandra Seitz

Foto: One World Berlin / EYZ Media

One World Berlin, Do 22.11. bis Mi 28.11., www.oneworld-berlin.de

Wir verlosen 5?x?2 Freikarten für „Das Gespräch“ („Rasgowor“) von Sergej Komarow im Rahmen der Russischen Filmwoche am 3.12., 18 Uhr im Russischen Haus sowie 5?x?2 Freikarten für den Film „Adieu Berthe“ von Bruno Podalydиs am 1.12., 20.30 Uhr im Cinema Paris; E-Mail an [email protected], Einsendeschluss 28.11., Kennwort: Russische Filmwoche bzw. Französische Filmwoche

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