Kino & Stream

Filmfestivals im November in Berlin

Neighbouring Sounds

AROUND THE WORLD IN 14 DAYS
Von dem Wechsel an der Spitze der Kommunistischen Partei, in den internationale Beobachter derzeit alles Mögliche hineinlesen, bekommen die Menschen in der chinesischen Provinz vielleicht gar nicht viel mit. Das müsste man zumindest vermuten, wenn man einen Film wie „People Mountain People Sea“ von Cai Shangjun sieht, in dem es zuerst einen brutalen Mord in einer abgelegenen Gegend gibt und dann eine langwierige Suche nach dem Täter, die bis in die Millionenstadt Chongqing führt, in der sich aber kein Gefühl der Teilhabe an irgendwelchen Modernisierungsprozessen einstellt. „People Mountain People Sea“ ist ein typisches Beispiel für die Programmpolitik von Around The World In 14 Films, wo herausragende Werke von den internationalen Großfestivals gezeigt werden, präsentiert von Paten wie in diesem Fall Philip Gröning. In diesem Jahr verdient vor allem ein Film eine besondere Hervor­hebung: „Neighbouring Sounds“ (Foto) von dem Brasilianer Kleber Mendonca Filho hatte in Rotterdam Premiere und verblüfft mit erzählerischer Souveränität und konzeptueller Virtuosität. Es geht eigentlich nur um eine Straße in der nordöstlichen Stadt Recife, doch in diesem Mikrokosmos ist die gesamte brasilianische Gesellschaft der Gegenwart enthalten. Mit dem Potsdamer Thalia bekam Around The World In 14 Films eine weitere Spielstätte hin und damit eine weitere Gelegenheit, sich diese Filme nicht entgehen zu lassen.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Victor Juca

Around The World In 14 Films, Fr 30.11. bis Sa 8.12., www.berlinbabylon14.net

 

Bis dass die Nacht uns scheidet

RUSSISCHE FILMWOCHE
Wohin entwickelt sich Russland unter Staatspräsident Putin? Fast täglich bewegen uns Berichte und Bilder aus einem mittlerweile scheinbar autokratisch regierten Polizeistaat, in dem Putin-Gegner kurzerhand zu Staatsfeinden erklärt werden und aus fadenscheinigen Gründen im Gefängnis landen können, während das Volk unter den Verwerfungen eines neoliberalen Turbokapitalismus leidet, der im Gegenzug einige Oligarchen stinkereich gemacht hat. Doch interessieren sich auch die russischen Filmemacher für diese Probleme? Die zehn Spielfilme im Hauptprogramm der diesjährigen Russischen Filmwoche schauen auf den ersten Blick in andere Richtungen: Da gibt es Kriminalfilme, eine Liebeskomödie im Atomkraftwerk, ein mystisches Historiendrama und eine philosophische Parabel um ein Himmelsgericht. Allein Boris Chlebnikows Komödie „Bis dass die Nacht uns scheidet“ (Foto) mit ihrem Blick auf eine absurde neureiche Schickeria nimmt sich eines zeitgenössisch-gesellschaftspolitischen Themas an; milde satirisch gibt sich auch „Die Erzählungen“ von Michail Segal, der in vier Episoden vom modernen russischen Leben erzählt, in dem Schmiergeldzahlungen und die exakte Ausrichtung der gesamten weiteren Existenz durch einen Hochzeitsplaner eine Rolle spielen. Da leistet sich der Film dann auch schon einmal die Spitze, dass es in fünfzehn Jahren außer bei der Polizei wohl überhaupt keine Jobs mehr geben wird. Reichlich präsent ist die Miliz auch in „Winter, geh weg!“, einer mit ihrer frontalen Direktheit überzeugenden Dokumentation von zehn jungen Filmstudenten über die Opposition im Vorfeld der letzten russischen Präsidentschafts­wahlen, die im Rahmenprogramm der Russischen Studentenfilmtage gezeigt wird. Da werden still protestierende Menschen verhaftet, während die Polizisten freundlich beiseite treten, wenn rechtsradikale Schläger die Demonstranten bedrohen. Doch der Film macht auch deutlich, wie gespalten nicht nur die russische Gesellschaft insgesamt ist, sondern auch die Opposition.

Text: Lars Penning

Russische Filmwoche, Mi 28.11. bis Mi 5.12., www.russische-filmwoche.de

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