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Filmfestspiele Venedig – Teil 3

Inju_VenedigBenoit Magimel hat womöglich die hässlichsten Zehen des französischen Kinos. Doch die Geisha lässt sich davon nicht beeindrucken. In dem leicht blutrünstigen Horrorkrimi Inju vom Regie-Haudegen Barbet Schröder lutscht die schoene Lika Minamoto trotzdem mit Hingabe die kleinen, verwachsenen Zehen. Magimel kann sein Glück nicht fassen und muss sich erstmal auf einen Schemel setzen. Da schiebt sich die Geisha den dicken linken und den dicken rechten Zeh gleichzeitig in den Mund. Benoit Magimel hat zwar seinen Spass, doch das fassungslose Publikum diskutierte hinterher die Frage, ob es für solche Szenen nicht Zehen-Doubles geben sollte.

Die Franzosen können aber auch ganz anders, nämlich ganz wild. Das sieht dann so aus, dass der sexuell ausgehungerte Pascale Gregory sich eine Wolfsmaske aufsetzt und laut aufheulend zur Gespielin in die Badewanne springt. Diese aufpeitschende Erotikfantasie konnte man in Werner Schroeters Nuit de chien mit Schrecken verfolgen. Sex auf der Leinwand ist eben wirklich nicht einfach. Da sehnt man sich nach dem guten alten Kameraschwenk weg vom Liebespaar hin zur Nachttischlampe.

The_Burning_Plain_Venedig
Am schwersten hat es allerdings der italienische Mann. Nicht weil alle Welt glaubt, er lebt bis zur Heirat bei Mamma, um dann zu seiner neuen Mamma zu ziehen. Nein, er bekommt einfach nicht das, was er möchte. Zumindest nicht im italienischen Kino, etwa in Il papa di Giovanna (Der Papa von Giovanna). Hauptdarsteller Silvio Orlando würde gerne mal wieder seinen ehelichen Pflichten nachkommen, doch Francesca Neri hat einfach keine Lust. Auch das Killer-Argument „dauert auch nicht lange“ kann sie nicht überzeugen. Valerio Mastandrea hingegen setzt auf Gewalt. In „Un giorno perfetto“ (Ein perfekter Tag) will er seine Ex-Frau Isabella Ferrari am Tiberufer vergewaltigen. Im italienischen Kino ist der Mann von sexueller Befriedigung weit entfernt. Dem Zuschauer dieser Tragödie stellt sich ein weiteres Problem: die begehrten Frauen Isabelle Ferrari und Francesca Neri sehen sich mit ihren Gesichtsoperationen und riesigen Lippen zum Verwechseln ähnlich. Vielleicht hat es der italienische Kinomann auch deswegen so schwer.

Charlize Theron hat ebenfalls keinen Spass an der Sache. In dem Drama The Burning Plain spielt sie eine Frau, die mit einem mysteriösen Trauma lebt und keine Emotionen zeigt. Regunglos lässt sich sich durchvögeln und geht danach an den Strand, um sich mit spitzen Felssteinen den Oberschenkel aufzuritzen.

Alles in allem ist das aktuelle Sexleben im Weltkino eine traurige Angelegenheit. Da haben es wir Deutschen noch ganz gut: Benno Fürmann und Nina Hoss treiben es in Jerichow schnell und überfallartig auf einem Dielenboden in der Priegnitz. Später wird das zwar auch nachhaltig tödliche Folgen haben. Aber immerhin: Es ist Sex ohne Wolfsmaske, ohne Kerben im Schenkel und ohne hässliche Zehen.


Text:
Volker Gunske

Filmfestspiele Venedig – Teil 1

Filmfestspiele Venedig – Teil 2

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