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Filmkritik

„Corpus Christi“ von Jan Komasa – keine eindeutige Wahrheit

Gesellschaftsdrama Um Täuschung geht es in den Filmen des polnischen Regisseurs Jan Komasa, um falsche Identitäten, vor allem aber um die Folgen, die dieses Spiel mit der Wahrheit auf die Beteiligten hat, sowohl auf die Täter, wie die Opfer. „Corpus Christi“, Jan Komasas dritter Film, auf internationalen Filmfestivals ausgezeichnet, als Bester ausländischer Film für den Oscar nominiert, bei den polnischen Filmpreisen mit elf Auszeichnungen bedacht, kommt nun ins Kino. Gerade diese Anerkennung im eigenen Land mag überraschen, geht Komasa doch hart mit einer der wichtigsten Institutionen in Polen ins Gericht: Der katholischen Kirche.

"Corpus Christi" von Jan Komasa
„Corpus Christi“ von Jan Komasa. Foto: Arsenal Filmverleih

Ausgangspunkt der Handlung ist ein Akt der Täuschung: Ein Laie gibt vor, Priester zu sein und schlüpft in die Rolle des Seelentrösters. Warum Menschen den Wunsch verspüren, Priester zu werden, wäre einen eigenen Film wert, auch in „Corpus Christi“ wird diese Frage kaum thematisiert. Hier ist es Daniel, gerade 21 Jahre alt, herausragend verkörpert von Bartosz Bielenia, der sich von Gott berufen fühlt.

Doch dieser Ruf kam für Daniel zu spät, er hörte ihn als Gefängnisinsasse, und als solcher ist ihm der Weg in die offizielle Kirche verbaut. Auf dem Weg zu einer Holzfabrik, wo er seine Bewährung verbringen soll, macht Daniel halt, zieht seinen Kollar an – und wird von einer jungen Frau für einen Priester gehalten. Statt den Irrtum aufzuklären, spielt er mit und sieht sich bald in der Funktion des Seelsorgers eines kleinen Dorfes, das Seelsorge mehr als nötig hat.

Unkonventioneller Prediger: „Corpus Christi“ von Jan Komasa

Vor einiger Zeit hatte ein Autounfall die Gemeinschaft erschüttert, es gab etliche Tote, darunter auch den Fahrer des Autos, den vermeintlichen Täter. Dessen Witwe sieht sich von den Dorfbewohnern geschnitten, verantwortlich für eine Tat gemacht, die sie nicht zu verantworten hat. Vergeben will man ihr nicht, und gerade das lässt Daniel aufhorchen. Auch er hat Schuld auf sich geladen, hat als Teenager getötet – und agiert als Priester doch mitmenschlich und umsichtig. Wie viel Vaterunser zu beten sind, muss er zwar schnell googeln, während er die Beichte abnimmt, doch mit seiner offenen Art, seinen unkonventionellen Predigten ist er viel näher am Herz der Dorfbewohner, als sein Vorgänger, der längst Alltagstrott und Suff verfallen war.

Dass Komasa den Wunsch nach Seelsorge, die Kraft des Glaubens nicht grundsätzlich in Frage stellt, stattdessen deutlich zwischen institutionalisierter, auch korrupter Kirche, und einem wohlmeinenden, zwar im Ansatz betrügerischen, aber im Kern wahrhaftigen Menschen wie Daniel unterscheidet, dürfte Grund für die Popularität von „Corpus Christi“ sein. Nur unterschwellig wird es gesellschaftskritisch, Machtmissbrauch der hohen Tiere im Dorf wird angedeutet, vor allem aber auch ein Thema, das Komasa verfolgt: Falsche Verdächtigungen, Täuschungen, die gerade auch durch die so genannten sozialen Medien weitreichende, zersetzende Folgen haben.

Gemeinschaft und Besinnung sind Themen in „Corpus Christi“

Zufälligerweise ist sein neuer Film „Hater“ dank Corona auch in Deutschland schon auf Netflix verfügbar, in dem ein anderer Aspekt des Themas beschrieben wird: Es geht um die Manipulation der Öffentlichkeit durch gezielte Desinformation, Einflussnahme in das politische Geschehen, Verleumdung unliebsamer Personen. In diesem Fall führen Fake News zu Ausschreitungen und Mord, während die Lüge, die Daniel in „Corpus Christi“ lebt, eine Gemeinschaft zur Besinnung bringt.

Die Komplexität der Gegenwart deutet Komasa in diesem filmischen Doppel an, voller Ambivalenzen und der Erkenntnis, dass die Wahrheit meist nicht so eindeutig ist, wie man es gerne hätte. Michael Meyns

Polen 2019; 116 Min.; R: Jan Komasa; D: Bartosz Bielenia, Elisa Rycembel, Aleksandra Koniezczna; Kinostart: 3. 9. 2020

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