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filmPOLSKA 2014 in Berlin

Huba

Wann genau der Untergang des real existierenden Sozialismus begann, darüber streiten bis heute die Historiker. Die einen sehen das Grundproblem schon bei Stalin, die anderen in der Tschechoslowakei 1968. Auf jeden Fall war aber auch Polen 1980 ein entscheidender Moment. Eine unabhängige Gewerkschaft mit dem Namen Solidarität hatte sich gegründet und rüttelte an der Alleinherrschaft der Partei. Zu den kaum bekannten Details aus diesen Jahren zählt die Sache mit dem „Dämon der Steifheit“. So nannte ein haitianischer Voodoo-Priester, der damals in Polen war, das Kriegsrecht, mit dem die Machthaber die Ordnung wiederherzustellen versuchten. Der Priester hieß Amon, er vollzog eine Zeremonie, bei der wir wohl von internationaler Solidarität sprechen müssen, und es ist zumindest nicht ganz auszuschließen, dass er Erfolg hatte. Es dauerte allerdings eine Weile. 1989 war es dann so weit.
Der Dokumentarfilm „The Art of Disappearing“ von Bartek Konopka und Piotr ?Rosolowski, in dem sie von Amon erzählen, ist aus verschiedenen Gründen einer der ?Höhepunkte des diesjährigen Festivals filmPOLSKA. Er stellt eine an sich gut überlieferte Geschichte in ein neues Licht, bietet überraschende Facetten und überzeugt mit genau jenem Revisionismus, der entstehen kann, wenn die entscheidenden Aspekte geklärt sind. Danach kommen die interessanten ?Details. Amon war auf Einladung des legendären Theatermachers Jerzy Grotowski in Polen, und die Sache wurde noch spannender dadurch, dass unter seinen Vorfahren ein polnischer Legionär war, der 200 Jahre davor für die Sklavenrevolution auf Haiti gekämpft hatte.
Papusza2014 ist die Wende von 1989 auch schon wieder ein Vierteljahrhundert alt. Und Polen kann mit einem gewissen Stolz auf seine Transformation blicken. Das hat kürzlich auch Pawel Pawlikowski in Interviews bestätigt, der mit seinem Film „Ida“ gerade durch die Welt reist. Beim Festival filmPOLSKA wird er auch noch einmal gezeigt, und er passt mit seiner Meditation über eine Aufbruchsstimmung um 1960 gut in die vielen Geschichtsbetrachtungen, die das polnische Kino unternimmt. Das ehrwürdige Schwarz-Weiß, das nicht wenig der Faszination von „Ida“ ausmacht, findet sich zum Beispiel auch in „Papusza“, einem vor allem visuell beeindruckenden Epos von Joanna Kos-Krauze und Krzysztof Krauze. Im Mittelpunkt steht eine Frau, die wir in verschiedenen Stadien ihres Lebens kennenlernen: Bronislawa Wajs, eine Dichterin, die den Rufnamen trägt, den auch der Film hat: „Puppe“. Sie gehört zum Volk der Roma, das in den Jahren gleich nach dem Zweiten Weltkrieg noch seine traditionelle, fahrende Lebensform bewahrt und das in den Panoramabildern des Kameramanns Krzysztof Ptak eine riesige, nahezu unberührte Landschaft zur Verfügung zu haben scheint. So erstreckt sich „Papusza“ von einer mythisch anmutenden Vorgeschichte in die Moderne, was im 20. Jahrhundert in Polen eben vor allem bedeutete: in eine drakonische, kommunistische Reglementierung, der auch die Roma unterworfen wurden.
„Papusza“ ist ebenfalls deutlich revisionistisch, allerdings in einem anderen Sinn als der Dokumentarfilm über Amon. Hier geht es um einen Film, der selber in die Museen drängt, der offiziös gelesen werden will, der repräsentative Geschichtsschreibung auf ein übersehenes Thema anwenden will. Das Selbstbewusstsein, mit dem Polen hier als ein schönes Land mit wunderbarer Natur konstruiert wird, steht auch in einem markanten Kontrast zu einer Ästhetik des Elends und der postindustriellen Tristesse, wie sie geradezu zu einem Markenzeichen des osteuropäischen Kinos nach 1989 wurde. Auch filmPOLSKA hat dafür 2014 wieder Beispiele. „Huba“ („Parasit“ / Foto oben) von dem Maler Wilhelm Sasnal und seiner Frau Anka nimmt eine moderne Ruinenlandschaft in den Blick. Funktionslos gewordene, riesige Beton-gebäude, in denen allenfalls noch gelegentlich irgendwelche Röhren wie erlöschende Vulkane weißen Dampf verströmen.
In diesem „waste land“ beobachten die Sasnals drei Menschen: einen alten, kranken, ausgemergelten Mann, eine jüngere Mutter und ihr Kleinkind. Was sie miteinander zu tun haben, bleibt unklar, denn es wird kaum gesprochen. In „Huba“ läuft alles auf Ästhetik hinaus. Die Figuren sind nur Anlass für exquisite, auch exquisit morbide Bildfindungen, für ungewöhnliche Perspektiven, für Scharfstellungen auf eine Welt, die nicht die ist, die wir mit unseren eigenen Augen sehen würden, würden wir durch diese Landschaft gehen. So entsteht ein Film, der zugleich originell ist und Klischee, und dessen Ambition dazu führt, dass er sich weit von der alltäglichen Wirklichkeit in Polen entfernt.
DrogуwkaWenn man sehen will, wie es sich anfühlen könnte, heute in diesem Land zu leben, dann wäre wohl „Drogуwka“ („Verkehrspolizei“) von Wojciech Smarzowski die beste Wahl. Denn die Leute, die hier zu sehen sind, sind ganz normale Vertreter einer Gesellschaft, die sich im Straßenverkehr gut zu erkennen gibt. Die Verkehrspolizisten bekommen es mit allen zu tun, mit betrunkenen Politikern, mit koketten Prostituierten, mit furchtbar entstellten Unfallopfern. Und mit Leuten von der internen Ermittlung, die herausfinden wollen, wer von den Kollegen vielleicht sein Amt missbraucht hat.
Nicht zufällig beginnt „Drogуwka“ mit Bildern aus Überwachungskameras. Denn auch stilistisch will Wojciech Smarzoski den Gegebenheiten von heute Rechnung tragen. So hat er einen Film in einem hektischen Reportagestil gemacht, mit sprunghaft wechselnden Einstellungen, in denen aber auch immer wieder Zeit ist für markante Details und aufschlussreiche Beobachtungen. Wir lernen zahlreiche Figuren kennen, nicht nur im Dienst, und bekommen schließlich ein eher ernüchterndes Bild. In „Drogуwka“ ist Polen ein Land, das ganz und gar in dem unverbindlichen Individualismus angekommen ist, der nicht das Ziel von Menschen gewesen sein kann, die ihre Bewegung „Solidarität“ nannten. Vielleicht ist das alles, was „Drogуwka“ zeigt, aber auch nur eine Cop-Show und die Wirklichkeit sieht ganz anders aus. Da hilft nur eines: hinfahren oder bei filmPOLSKA möglichst viel anschauen.

Text: Bert Rebhandl

filmPOLSKA ?Filmfestival bis Mi 30.4., Polnisches Institut Berlin, Arsenal, Babylon Mitte, Brotfabrik, fsk, Zeughauskino, AckerStadtPalast, Thalia, ?Filmclub K 18, Club der polnischen Versager

www.filmpolska.de

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