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Filmreihe „Ein Lied um Mitternacht“ im Kino Arsenal

Street_AngelSong_At_Midnight_c_QuelleArsenalInstitutfuerFilmundVideokunstWas war eigentlich los in den Jahren, in denen das moderne China zu sich selbst kam: die Jahre der Kämpfe zwischen der Kuomintang und den Kommunisten, die Jahre der japanischen Besatzung, die Jahre der brutalen Durchsetzung der KP-Herrschaft bis zu den Exzessen der Kulturrevolution? Hinweise da¬rauf kann man den ganzen März hindurch im Arsenal in Berlin in einer Filmreihe unter dem Titel Ein Lied um Mitternacht finden. Eine Gruppe junger Kuratoren, die unter dem Label The Canine Condition fungieren, hat sich mit dem chinesischen Nationalkino der Jahre 1929 bis 1964 beschäftigt und dazu eine Auswahl von Filmen erstellt, die zwischen Großstadtmoderne und Propagandadisziplin, zwischen Stummfilmatmosphäre und Studiosystem eine enorme Vielfalt bezeugen.

Mit dem Sieg der Kommunistischen Partei 1949 veränderten sich die Vorzeichen naturgemäß fundamental, von nun an ist die chinesische Geschichte im 20. Jahrhundert nur noch teleologisch zu erzählen, als Überwindung von Imperialismus und Feudalismus oder, wie es in den englischen Untertiteln zu dem Propagandafilm Red Detachment of Women von Xie Jin so schön heißt, als Geschichte einer „extremely evil old society“. Fast scheint es, das chinesische Kino hätte angesichts immer neuer historischer Umbrüche immer nur Ansätze von Form und viel mehr hybride Konstrukte entwickelt. Doch ein kleiner Film wie „The Lin Family Shop“ (1958) bezeugt, dass es auch Phasen der Konsolidierung gab oder vereinzelte Momente von Klassizität in turbulenten Zeiten.

Dies ist ein Studiofilm, gedreht zwischen eng beisammenliegenden Marktständen verschiedener Kaufmannsfamilien in Shanghai, zwischen denen nach dem japanischen Angriff auf die Mandschurei eine Kreditkrise ausbricht, die hier ganz konkret auf den unzähligen geschäftigen Gängen nachvollzogen wird, auf denen die teilweise verzweifelten Händler nach Auswegen aus ihren Engpässen suchen. „The Lin Family Shop“ erzählt die große Geschichte im Kleinen, ohne dass es starker Symbolisierungen bedürfte. Hier ist alles in ein ungeregeltes System wechselnder Schuldfristen verlegt, sodass ein unbefangener Beobachter heute meinen könnte, einem Testlauf des Kapitalismus im kommunistischen China zuzusehen. Solche aktualisierbaren Entdeckungen lassen sich in dieser Reihe vielfach machen, die zu einer kommenden Supermacht die historischen Hintergründe zeigt.

Text: Bert Rebhandl

Foto: Quelle: Arsenal – Institut für Film und Videokunst

Ein Lied um Mitternacht – Chinesische Filmgeschichte von 1929 bis 1964 Arsenal, noch bis So 31.3., www.liedummitternacht.net

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