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„Flight“ im Kino

Flight

Es war wohl eine wilde Nacht: William „Whip“ Whitaker (Denzel Washington) liegt schlimm zerknittert im Hotelbett, während sich eine schöne Frau (Nadine Velazquez) ankleidet, gegen den schlimmen Kater sollen ein Schluck Bier und etwas Kokain helfen. Dann verlassen beide das Zimmer und gehen zur Arbeit, er als Flugkapitän, sie als Flugbegleiterin, im Regen startet ihre Maschine mit 102 Personen an Bord. Während Whip die Passagiere begrüßt, füllt er viel Wodka in seinen O-Saft. So beginnt Robert Zemeckis‘ „Flight“. Der Regisseur, eigentlich immer Unterhalter und in den letzten Jahren mit CGI-Spektakeln wie „Polarexpress“ oder „Eine Weihnachtsgeschichte“ nur noch für Effektfans und ein Kinderpublikum interessant, reüssiert hier als erstaunlich nüchterner, erwachsener Erzähler. Der doppelbödige Filmtitel meint hier nicht nur einen Flug, sondern auch eine Flucht in den Rausch.
Zemeckis entwickelt seine Geschichte ohne filmische Sperenzchen, aber nicht ohne falsche Fährten. Man ahnt, dass es hier zum Absturz kommen wird. Doch den großen Crash kann Whip zunächst verhindern: Mit einem halsbrecherischen Manöver nach technischem Totalausfall gelingt ihm eine Notlandung, immerhin 96 Menschen überleben, der Pilot wird als Held gefeiert. Der Kater folgt jedoch auch hier. Whips Alkohol- und Drogen-Werte können – Retter oder nicht – viele Jahre im Gefängnis bedeuten. Immer wieder glaubt man, dass Whip hier nur Opfer ist, Spielball der üblichen, mächtigen Verdächtigen, der Fluggesellschaft, des Flugzeugbauers, man misstraut einem Gewerkschaftler (Bruce Greenwood), vielleicht auch Whips Anwalt (Don Cheadle). Doch das Märtyrer-Bild passt nicht: Whip ist schwach und süchtig, sein bester Freund ist sein Dealer (John Goodman). Es wird klar, warum sich erst Ehefrau und Sohn, aber auch die ehemals heroinabhängige Freundin (Kelly Reilly) von ihm abwenden. Eindrucksvoll umfährt „Flight“ Konventionen und Kitsch, das Drehbuch (John Gatins) verzichtet auf gefälliges Moralisieren.
Zemeckis‘ Inszenierung bleibt stets ganz nah an der Hauptfigur: Denzel Washington gibt Whip etwas Abgründiges und Charme – aber nur den des (Selbst-)Betrügers.

Text: Thomas Klein

Foto: Robert Zuckerman / Studiocanal GmbH

tip-Bewertung: Sehenswert

Orte und Zeiten: „Flight“ im Kino in Berlin

Flight, USA 2012; Regie: Robert Zemeckis; Darsteller: Denzel Washington (Whip Whitaker), Don Cheadle (Hugh Lang), Kelly Reilly (Nicole Maggen); 138 Minuten; FSK k.?A.

Kinostart: 24. Januar

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