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„Four Lions“ im Kino

Four LionsSo unerschrocken und konsequent wie Chris Morris geht kaum jemand zur Sache. Als Radio- und Fernsehsatiriker hat er schon einige Kontroversen ausgelöst. Höhepunkt seiner Fernseharbeit war 2001 eine halbstündige Fake-Dokumentation auf Channel 4. Darin trieb er die verbreitete Lynchstimmung gegenüber Pädophilen, die damals in vielen britischen Medien gepflegt wurde, gnadenlos auf die Spitze. Boulevardzeitungen wie „Daily Star“ und „Daily Mail“ starteten daraufhin eine Kampag­ne gegen Chris Morris und beschimpften ihn als „unsäglich krank“.
Unsäglich krank oder wie der Gott-sei-bei-uns sieht Chris Morris dann aber doch nicht aus. Sympathisch jungenhaft wirkt der Endvierziger. Unaufgeregt, höflich und sachlich beantwortet er die Fragen. Morris ist alles andere als einer der vielen Dutzend-Satiriker, die sich in Interviews selbst vermarkten müssen. Er lässt einfach seine einzigartige Arbeit für sich sprechen und tritt als Person dahinter zurück.
Auch in Morris’ Kinodebüt „Four Lions“ geht es ohne Umschweife zur Sache. Keine langen Erklärungen, warum Omar, Waj, Faisal und der irre Konvertit Barry in den Heiligen Krieg ziehen wollen. Dies ist schließlich eine Komödie, die sehr schnell Fahrt aufnimmt und nur selten abbremst. Das partiell durchaus sympathische Terror-Quartett, zu dem später noch der rappend reimende Hassan hinzustößt („We are martyrs/and you just smashed tomatoes“), hat nur ein Ziel: einen Selbstmordanschlag verüben, und zwar so schnell wie möglich.
Four LionsDoch der Weg zur Himmelfahrt ist voller Irrläufe, Missverständnisse, Lügen, Kollateralschäden und Slapstick. Das beginnt schon bei der Frage, was das Angriffsziel sein soll: der Sexshop, das Internet oder perfiderweise eine Moschee, um die moderaten Muslime aufzurütteln. Schließlich wird es der Londoner Marathonlauf. Zwei Gründe sprechen dafür: Das Ereignis wird live übertragen, und man kann viele mit in den Tod nehmen. Doch wie versteckt man als Läufer die Sprengstoffgürtel? Niedliche Tierkostüme sind die Lösung. Damit gehen die Selbstmordbomber beim Spaßlauf für die Kinder als Strauß, Schildkröte und Honey Monster an den Start. Ab diesem Punkt erreicht Chris Morris’ aberwitzige Komödie ein pechschwarzes, mörderisches Level, das nur vergleichbar ist mit Stanley Kubricks meisterhafter Atombomben-Satire „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“. Natürlich auch ein britischer Film.
Und die muslimischen Briten? Wie reagieren die auf den Film? Fühlen sie sich beleidigt? Nein, ganz im Gegenteil, sagt Chris Morris. Er habe viel Zuspruch erhalten. Das habe er schon bei seinen Recherchen gemerkt. Da sagten ihm Muslime immer wieder: „Klasse, mach eine Komödie über den Dschihad. Darauf haben wir schon lange gewartet.“

Text: Volker Gunske

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Four Lions“ im Kino in Berlin

Four Lions, Großbritannien 2010; Regie: Christopher Morris; Darsteller: Kayvan Novak (Waj), Riz Ahmed  (Omar), Nigel Lindsay (Barry), Benedict Cumberbatch (Ed); 101 Minuten; FSK 16

Kinostart: 21. April

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