Kino & Stream

„Four Lions“ im Kino

Four Lions

Terroristen haben auch ihre lustigen Seiten. Bislang wurde ihr komisches Potenzial nur beiläufig im Kino aufgegriffen. Doch nun hat der britische Regisseur Chris Morris eine Komödie gedreht, in der Gotteskrieger im Zentrum stehen. Das kann man wirklich mal als eine absolute Neuheit bezeichnen.
„Four Lions“ erzählt von einer ziemlich dämlichen und sehr paranoiden Terrorzelle, die mehr mit sich selbst und ihrer Unfähigkeit kämpft als gegen den westlichen Satan. Es ist ein Film, in dem Krähen und Schafe in die Luft gesprengt werden. Und Selbstmordbomber im Karnevalskostüm joggen. In Großbritannien lief „Four Lions“ letztes Jahr höchst erfolgreich im Kino, auf Festivals in aller Welt wurde er gefeiert. Zuletzt in Istanbul.
Drei Jahre lang hat Morris für dieses eher unbekannte Kapitel des Heiligen Krieges recherchiert. Es begann alles mit gewöhnlicher Zeitungslektüre und Internetsurfen zum Nachrichtenthema Islamistischer Terror. „Ich beschäftigte mich mit einem ernsten Thema, das aber auch komisch war und blieb. Ich stieß auf lustige Geschichten, die ich nicht erwartet hatte„, erzählt Morris beim Interview in den Hackeschen Höfen und empfiehlt auf Youtube unter „Bazooka“ oder „Panzerfaust“ zu suchen. Da fliegt die Rakete schon mal nach hinten und nicht nach vorne – einfach weil die Panzerfaust verkehrt herum gehalten wird.
Four LionsDiese Dokumente aus dem Dschihad-Alltag inspirierten Morris unter anderem zu einer Bazooka-Szene, die in „Four Lions“ auch Folgen für Osama bin Laden hat. „In erster Linie waren die Situationen oder Geschichten an sich komisch. Aber dass sie lustig waren, sagte noch etwas überraschend anderes aus. Dadurch wurde mir klar, dass Leute alberne Idioten und Terroristen zur gleichen Zeit sein können. Und je mehr ich darüber herausfand, desto dringlicher musste ich diesen Film machen. Das schrie einfach nach einer Komödie.“ Morris erinnert zum Beispiel an die fünf Gotteskrieger, die ein amerikanisches Kriegsschiff mit einem Motorboot in die Luft jagen wollten. Sie beluden ihr Boot mit schwerem Sprengstoff, gingen an Bord – und versanken.
Auch „Four Lions“ beginnt gleich mit einer misslungenen Aktion. Die selbst ernannten Dschihadis drehen Probeaufnahmen für ein Märtyrervideo und scheitern schon daran, dass das nachgebaute AK-47-Sturmgewehr sehr, sehr klein ausgefallen ist. Bekennervideos sind der sichtbarste Teil der modernen Terrorismus-Kultur. Gleichzeitig gehören sie zu der herrschenden Casting-Kultur, in der Unbekannte sich mit einem einzigen Auftritt für kurze Zeit einen Namen machen und bei Youtube Tausende Aufrufe bekommen können. In dieser Anfangsszene ist alles enthalten, was Chris Morris in „Four Lions“ verhandelt: die Dschihad-Folklore, der unvermeidliche Gebrauch der neuen Medien, der unbeirrbare Wille gepaart mit schmerzhafter Inkompetenz.

1 | 2 | weiter

Mehr über Cookies erfahren