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„Foxcatcher“ im Kino

Foxcatcher

Für die von seiner Mutter so geliebte Pferdezucht hat John Eleuthиre du Pont nicht das Geringste übrig. Die Jagd auf Füchse, gleichfalls Familientradition, ist auch nicht sein Ding. Du Pont hat vielmehr ein Faible für das Ringen. Geölte Männerkörper im Clinch, Ächzen und Grunzen, Ströme von Schweiß und mitunter etwas Blut – der gesellschaftlich akzeptierte Zugriff auf selbst noch die intimsten Zonen eines wohltrainierten Körpers des gleichen Geschlechts. Honi soit qui mal y pense. Johns Mutter jedenfalls scheint ihrem Sohn eher unlautere Motive zu unterstellen, Motive, die in Richtung sublimierter – gute Güte! – Homosexualität zu weisen scheinen. Ganz abgesehen von dem Standes­dünkel, der sich in ihrem Gesicht spiegelt, als sie John E., den gegenwärtigen Repräsentanten der alt­eingesessenen, ehrwürdigen Geld­adel-Dynastie der du Ponts, auf seinem Privatspielplatz besucht, dem Trainings­zentrum für das Ringerteam Foxcatcher, eingerichtet auf der gleichnamigen Familienfarm.
Mit seinem letzten Film „Moneyball“ (2011) warf Bennett Miller am Beispiel des Baseballteams Oakland A und dessen Manager Billy Bean einen nüchternen Blick auf die Verquickung von Geld, Sport und Zynismus. Davor erzählte er in „Capote“ (2005) illusions­los die Entstehung eines Meisterwerkes der Welt­literatur aus einem Sumpf von kaltblütiger Manipulation, emotionaler Ausbeutung und uneingestandenen Begierden. Auch „Foxcatcher“ basiert auf Fakten: Auf dem „Fall“ des Multimillionärs John E. du Pont und dessen unselige Folgen zeitigender, mäzenatischer Beziehung zu dem Brüderpaar Mark und Dave Schultz; beide Ringer, beide Olympia­sieger, beide Weltmeister und – wie Miller sie in seinem Psycho­drama zeichnet – Projektions­flächen eines Charakters zwischen Größenwahn und Erbärmlichkeit.
Freilich, mit der Tragödie, die sich in den Neunziger­jahren auf dem du Pont’schen Anwesen in Pennsylvania zugetragen hat, nimmt Miller sich so manche Freiheiten. Chronologie und Kausalität der tatsächlichen Ereignisse dienen ihm bestenfalls als Vorschläge zur groben Orientierung im Geflecht aus diffusen Hoffnungen, kaum eingestandenen Träumen und handfesten Beweg­gründen, das er zwischen den Figuren entwickelt. Nun ist eine Dreier­konstellation an sich schon kompliziert, und komplizierter wird sie noch, wenn innerhalb ihrer die Rollen von Freund, Bruder, Vater kontinuierlich verhandelt und ständig neu verteilt werden. Nicht genug zu preisen sind daher Steve Carell, Channing Tatum und Mark Ruffalo, deren Schauspiel in den Rollen von du Pont und den Gebrüdern Schultz ein seltenes Maß an Subtilität erreicht. Nuance reiht sich an Detail fügt sich an Ziselierung; noch dem Atem und der Pause misst Miller Bedeutung zu, und so erzählt er mit größtmöglicher Ruhe eine tief­traurige Geschichte über Klasse und Geschlecht, über Sprache und Macht, über Sehnsucht und Vergeblichkeit.

Text: Alexandra Seitz

Foto: 2014 KOCH MEDIA

Orte und Zeiten: Foxcatcher

Foxcatcher USA 2014; R: Bennett Miller; D: Steve Carell (John du Pont), Channing Tatum (Mark Schultz), Mark Ruffalo (David Schultz); ?135 Min.

Kinostart: Do, 5. Februar 2015

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