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„Frances Ha“ im Kino

Frances Ha

Sie sieht nicht aus wie die typische amerikanische Filmschauspielerin, auf roten Teppichen wirkt sie immer ein bisschen unordentlicher und ungelenker, ein bisschen natürlicher auch und weniger perfekt als die üblichen bis hinter die Ohren durchgebürsteten Hollywoodstars. Trotzdem hat man Greta Gerwig zuletzt auch auf langen roten Teppichen gesehen. Die Schauspielerin, die 2006 als Philosophiestudentin begann, in Miniproduktionen von Mitstudierenden mitzuspielen, hat in den letzten Jahren eine erstaunliche Erfolgskurve vorzuweisen. Sie ist eine feste Größe im amerikanischen Independent-Film geworden und hat auch schon erfolgreiche Ausflüge in den Hollywood-Mainstream gemacht.
Greta Gerwig sieht auch nicht aus wie die typische Tänzerin, aber genau das spielt sie in ihrem neuesten Film „Frances Ha“, einer in Schwarz-Weiß gedrehten Geschichte über die Herausforderungen des Erwachsenwerdens, die sie zusammen mit dem Regisseur Noah Baumbach geschrieben hat. Bei der Berlinale im Februar haben die beiden den Film vorgestellt, in einer Lounge im Berlinale-Palast gaben sie vor der Premiere einen Vormittag lang Interviews.
Auch von Nahem wirkt Greta Gerwig immer noch ein bisschen wie eine New Yorker Studentin, sie trägt eine brave Bluse und hat golden angemalte Fingernägel, sie wirkt bemüht und liebenswürdig und ein bisschen nervös, ihr Blick ist offen und neugierig. Bevor sie antwortet, scheint sie nachzudenken, um sich dann manchmal in ihren Überlegungen zu verlieren. Momentweise wirkt sie ähnlich verpeilt und weitschweifend wie die meisten der Frauenfiguren, die sie in den letzten Jahren verkörpert hat – all diese jungen, selbstreflexiven, post-pubertären New Yorkerinnen, die sich selber suchen und nur mühsam finden.
Frances HaDie neueste Inkarnation dieser Figur ist Frances. Sie ist eine Tänzerin Ende 20, die es nicht geschafft hat. Sie ist immer noch Elevin in einer Tanzcompagnie, und es wird ihr deutlich gemacht, dass sie nie als Ensemble-Vollmitglied übernommen werden wird. Sie muss sich also neu orientieren. Es geht hier nicht mehr um die – realen oder imaginierten – seelischen Nöte der Anfangs- bis Mittzwanziger, sondern um den tatsächlichen Abschied vom adoleszenten Träumen in Richtung Erwachsenwerden. „Dinge, die mit 22 wirklich cool waren, etwa eine Lehrstelle bei einer Tanzcompagnie zu bekommen, erscheinen fünf Jahre später plötzlich nicht mehr als so cool“, erklärt Gerwig. Es geht mithin darum, wie man den Absprung schafft, den Übergang vom verträumt-hoffnungsvollen Experimentalkünstler hin zu einer ernsthaften Karriere. Oder zumindest einem realistischen Leben.
Gerwig selbst hat diesen Übergang ziemlich gut geschafft. Von Anfang bis Mitte zwanzig war sie zusammen mit Joe Swanberg, mit dem sie eine Zeit lang auch liiert war, wesentlich an der sogenannten „Mumblecore“-Bewegung beteiligt, einer losen Gruppierung von jungen Filmemachern, die extreme Low-Budget-Filme drehten, in denen oft wenig passierte und viel geredet wurde, meist improvisiert. So etwas wäre jetzt wahrscheinlich nicht mehr cool – Gerwig wird diesen Sommer 30, und das Interesse an improvisierten Filmen hat sie verloren: „Ich liebe Autoren und ich liebe die Sprache.“ Und sie finde es zunehmend frus­trierend, Schauspielern dabei zuzusehen, wie sie verzweifelt darüber nachdenken, was sie sagen sollen. Lieber will sie Filme schreiben, wie jetzt „Frances Ha“ – das sei befriedigender, weil im Resultat besser. Schreiben, so meint Gerwig, sei für sie einfach die perfektionistischere Weiterentwicklung des Improvisierens.
Perfektionismus, das ist etwas, das Gerwig mit Regisseur Noah Baumbach teilt, bekannt für seine Independent-Filme mit anspruchsvollem bis schwer verständlichem Humor (z.B. der lose autobiografische „The Squid and the Whale“, oder die Tragikomödie „Margot at the Wedding“ mit Nicole Kidman). Baumbach castete Gerwig vor ein paar Jahren als Freundin von Ben Stiller in seinem ebenfalls ziemlich tragikomischen Film „Greenberg“ (2010); später fragte er sie, ob sie mit ihm zusammen einen Film schreiben wolle. Gerwig hatte zwar eben schon als Autorin bei einigen der Swanberg-Filme gewirkt, aber trotzdem sei sie nervös gewesen, als sie ihm drei Seiten mit ersten Ideen geschickt habe. Baumbach habe das Material aber geliebt, und die beiden hätten dann über einen längeren Zeitraum und vorwiegend per Mail Ideen, Entwürfe und Skriptfassungen zusammen entwickelt.

Lesen Sie den vollständigen Artikel im aktuellen tip 17/13 auf den Seiten 40-42.

Text: Catherine Newmark

Fotos: Pine District, LLC. / MFA+ FilmDistribuion e.K.

tip-Bewertung: Herausragend

Orte und Zeiten: „Frances Ha“ im Kino in Berlin

Frances Ha, USA 2012; Regie: Noah Baumbach; Darsteller: Greta Gerwig (Frances), Mickey Sumner (Sophie), Michael Esper (Dan); 86 Minuten; FSK 6

Kinostart: 1. August

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