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Missbrauchsdrama

François Ozon kratzt in „Gelobt sei Gott“ Wunden auf

François Ozon zeigt mit „Gelobt sei Gott“ ein mutiges Kammerdrama über Kindesmissbrauch in der Katholischen Kirche

Pandora

Sexueller Missbrauch von Kindern: ein Tabuthema. „Die Wunde heilt, wenn man nicht an ihr kratzt“, meinen (zunächst) einige Figuren in François Ozons Drama. Ozon kratzt. Unaufgeregt. Langsam. Ohne Zynismus. Ohne Schwarzweißmalerei. Ohne Voyeurismus. Mit viel Empathie. Aber er kratzt. Erzählt wird die Geschichte dreier Männer um die 40, deren Schicksale in Lyon, der katholischsten aller französischen Städte, zusammenlaufen. Sie alle wurden als Pfadfinder von Pater Bernard Preynat sexuell misshandelt.

Ozon musste sich für sein Drehbuch vieles nicht mal ausdenken: Bei dem real existierenden Pater Preynat sind 70 Fälle von Kindesmissbrauch polizeibekannt. Sein Anwalt versuchte, den Start von „Gelobt sei Gott“ zu verhindern – vergeblich. Der Bischof, dem die Verbrechen bekannt waren, der sie aber nicht zur Anzeige brachte, hat im Frühjahr (nach dem Kinostart in Frankreich) beim Papst seinen Rücktritt beantragt – der Papst lehnte ab.

Es tut der Plausibilität gut, dass Ozon sich 137 Minuten Zeit nimmt – und die Geschichte in langen Einstellungen als Kammerspiel in E-Mails, Briefen und Dialogen erzählt, in denen man nicht Papier rascheln hört, sondern die dem Leben abgelauscht sind. In diesen 137 Minuten bleibt Raum für traumatische Details und Nebenfiguren, die nicht schlicht Täter oder Opfer sind – die aber allzu lange nicht wissen wollten, was Alexandre, François, Gilles und vielen anderen Kindern angetan wurde, unter der Deckrobe der sakrosankten Kirche. Diese Figuren sind teils Mitopfer und Mittäter zugleich; die Mütter der Söhne etwa, die etwas ahnten, aber vor Anzeigen zurückschreckten. Ozon schwingt nicht plakativ die Moralkeule: Er lässt ein Stück weit Verständnis zu für das Nichtwahrhabenwollen. Aber vor allem lässt er einen verstehen, welche Selbstüberwindung es kostet, über eigene Traumata zu sprechen. Zumal, wenn die Gesellschaft den Opfern suggeriert, sie müssten sich schämen.

Der Film ist aber auch erbaulich, weil er zeigt, welche Kraft sich daraus generiert, wenn, in gegenseitiger Unterstützung und mit vielen kleinen Schritten, die Wahrheit Worte findet. Ein wichtiger Film, der wachrüttelt und klar macht, welche Verantwortung jede/r trägt, das Inhumane nicht passieren zu lassen.Stefan Hochgesand

Gelobt sei Gott F 2019, 137 Min., R: François Ozon, D: Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, Éric Caravaca, Start: 26.9.

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