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François Ozon über seinen Film „Jung & schön“

Jung_und_schoen_10_c_WeltkinoHerr Ozon, der berühmteste französische Film über Teenager war wohl „La boum“ im Jahr 1980. Liege ich ganz falsch, wenn ich „Jung & schön“ als eine Aktualisierung davon sehe?
Nein, da ist was dran. Ich war 13, als dieser Film herauskam. Wir haben nun auch am Lycйe Henri IV gedreht, das in „La boum“ vorkam. Es war eine sehr bürgerliche Jugend, die wir da zu sehen bekamen, aber es hat viel daran gestimmt. Es gab aber noch einen anderen Film, der mir sehr wichtig ist: „А nos amours“ von Maurice Pialat. In „La boum“ sehen wir eine erträumte Jugendlichkeit, wie man gern gewesen wäre. Pialat zeigt eine realistischere Jugend.

Isabelle nähert sich ihrer Sexualität beinahe wie eine Forscherin. Sie will etwas herausfinden. Wissen kommt vor der Lust.
Sie experimentiert und ist dabei ganz ernsthaft, sie lässt ihre Experimente nicht durch Moral beeinflussen. Im Gegensatz zu dem Gedicht von Rimbaud, das im Film vorkommt, ist sie eine gute Schülerin. Sie glaubt, dass die Prostitution ein Mittel dazu ist, die Sexualität zu begreifen. Sie muss ihre eigene Lust entdecken, und sie glaubt, dass sie das kann, indem sie zuerst einmal die Lust der anderen erforscht.

Der erste Sex mit einem Jungen ihres Alters enttäuscht sie. Hat das auch damit zu tun, dass Mädchen sich schneller entwickeln, wie es oft den Anschein hat?
Das ist die Realität, die jungen Mädchen sind viel reifer. Sie sind auch sehr viel mehr Objekte des Begehrens, die Jungs stehen in dem Alter noch unter dem Rockzipfel der Mutter. 14-jährige Mädchen hingegen treten auf wie 18-Jährige, sie stellen sich auf die Erotisierung der Adoleszenz ein, die allgegenwärtig ist. Das verleiht ihnen Macht, und Isabelle nützt das klar aus.

Wie filmen Sie dann aber die Differenz zwischen dem Blick der „Perversen“, die jungen Mädchen Zettel mit ihrer Telefonnummer zustecken, und dem Blick des Kinos, das ja diese Erotik nicht ausbeuten sollte?
Das erste Bild des Films enthält dazu den Schlüssel. Ein Feldstecher ist auf Isabelle gerichtet, ein Instrument, mit dem jemand versucht, dieses Mysterium zu durchdringen. Dieser voyeuristische Blick ist auch mein Blick, alles andere wäre Heuchelei.

Wie fanden Sie die Hauptdarstellerin ­Marine Vacth?
Alle Kandidatinnen mussten beim Casting die Szene auf dem Kommissariat spielen, in der Isabelle ihre Geheimnisse preisgeben muss. Es gibt viele junge Schauspielerinnen in Frankreich, die das gut gemacht hätten. Bei Marine aber spürte man gleichzeitig, dass sie auch noch woanders war. Da tauchte ein Rätsel auf, das mich an Charlotte Rampling erinnerte, mit der ich bei „Unter dem Sand“ zusammengearbeitet habe. Dieser Film war ja eigentlich als Thriller geplant, wurde aber in der Zusammenarbeit immer mehr zu einer Reise, die zu einer Frau führte. Bei „Jung & schön“ war es so, dass die Produzenten und Mitarbeiter nicht an Marine glaubten. Sie fanden, sie spiele nicht technisch genug. Ich aber spürte hinter ihrer Fotogenität noch etwas anderes, und ich glaube, ich habe mich nicht geirrt.

Jung_und_schoen_12_c_WeltkinoSehr bezeichnend ist auch die Szene mit dem Psychoanalytiker, in dem sie in winzigen Bewegungen ihres Gesichtsausdrucks zu erkennen gibt, dass sie ihn als Instanz anzuerkennen bereit ist.
Wir haben an einem Tag beide Szenen mit dem Psychoanalytiker gedreht, der übrigens kein Schauspieler ist, sondern vom Fach kommt. Isabelle muss zweimal zu ihm, einmal mit der Mutter, danach einmal allein. Ich fragte sie: Sollen wir das chronologisch drehen, also zuerst die Szene, in der die Mutter dabei ist? Marine hat eine Nacht darüber nachgedacht, und wollte dann zuerst die Szene spielen, in der sie allein ist. Sie hat die Szene sehr langsam gespielt, was mir sehr gefallen hat. Sie hat wirklich den Rhythmus vorgegeben.

Es geht in „Jung & schön“ auch um dieses Rätsel des Kinos: Wir sehen nur Körper und begreifen doch Seele.
Das ist es, was Stars auszeichnet. Sie sind da, sie müssen nichts tun und drücken alles aus. Das ist sehr ungerecht, aber so ist es mit Catherine Deneuve oder Charlotte Rampling. Sie haben ein Charisma. Jemand wie Fabrice Luchini, mit dem ich auch gearbeitet habe, muss spielen, um zu existieren. Sonst funktioniert er nicht. Das hat oft auch etwas mit Schönheit zu tun. Es ist sehr unfair, aber so ist es nun einmal.

Sie galten lange Zeit als Regisseur, der nicht so richtig zu greifen ist. Nun wird immer deutlicher, dass es in Ihrem Werk um die klassischen Themen der individuellen Identität geht: Sexualität, Freiheit, Liebe, Imagination.
Das ist wohl eine Frage der Reife. Ich weiß nun mehr über Sexualität. Meine ersten Filme erzählten auch schon von der Jugend, waren aber auch formal geprägt von Gewalt. Nun erzähle ich klarer, ich erzähle immer noch von Transgression, aber ohne schockieren zu müssen.

Interview: Bert Rebhandl

Fotos: Weltkino

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