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Freie Radikale

FlugblaetterDieser Typ mit der engen, roten Samthose und dem smarten Seidenhemd… das soll Andreas Baader sein? Erst auf den zweiten Blick erkennt man den Schauspieler Alexander Fehling. Schon jetzt zieht Fehling/Baader am Set mühelos die Blicke auf sich, dabei hat der Dreh noch gar nicht begonnen. In der Tat bezeichnen Zeitzeugen den Mann, der zu einem Hauptprotagonisten der RAF wurde, als Dandy, der auf sein Umfeld faszinierend wirkte. Es ist der 17. Drehtag zum Spielfilm „Wer wenn nicht wir“ von Andres Veiel. Heute soll die Szene des symbolischen Rauchbombenanschlags an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in den Kasten. Das Drehbuch schreibt den Sommer 1967. Die APO ist noch jung, und es ist modern, vielleicht auch sexy, zur Kommune 1 zu gehören oder wenigstens mit ihr zu sympathisieren. Zu diesem Zeitpunkt haben sich Gudrun Ensslin und Andreas Baader gerade erst kennengelernt.

Mittagspause am Set. Regisseur Andres Veiel wirkt konzentriert und entspannt. Für eine halbe Stunde setzt er sich mit uns Journalisten auf die Wiese. Bewusst habe er auch Bernward Vesper als Hauptfigur in den Vordergrund gestellt, erklärt er. Vesper, neben Baader der zweite wichtige Mann in Gudrun Ensslins Leben, wählt nicht den Weg der Gewalt, sondern den Weg des Schreibens, nimmt exzessiv Drogen und begeht später Selbstmord. In der Zeitachse des RAF-Terrorismus geht der Film nicht über den ersten Schuss hinaus, der bei der Befreiung Baaders im Mai 1970 fiel. Andres Veiel: „Vieles hat sich so eingeschrieben in den unendlichen Bilderschlaufen um dieses Thema: Notstandsgesetze, Vietnam, Schüsse auf Rudi Dutschke, daraus abgeleitet die Eskalation… Für mich war es wichtig, früher anzusetzen, sich Lebensläufe anzugucken mit allen Widersprüchlichkeiten.“

Wir gehen an den Set. Stuntleute haben sich oben auf der alten Gedächtniskirche positioniert. Weiter unten auf dem Flachdach der Gemeindekapelle der neuen Kirche stehen ein paar Langhaarige, sichtlich erfüllt von ihrer Komparsenrolle. Kamera läuft. Ton läuft. Mitten unter den Passanten im 60er-Jahre-Look: Andreas Baader und Gudrun Ensslin, getarnt als Liebespaar. Niemand soll merken, dass sie zu den Aktionisten gehören, die jetzt eine Rauchbombe zünden und Tausende Flugblätter von der Gedächtniskirche fliegen lassen. „Schaut doch nicht so blöd…!“, brüllt eine Megafon-Stimme zu den Passanten. Es ist der junge Dieter Kunzelmann (Martin Butzke) mit Lockenkopf und Jesuslatschen. Und … alles auf Anfang.

Text: Iris Depping

Foto: Markus Jans/ zero one film 

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