Drama

„Freiheit“ im Kino: Feature

„Kann man sich völlig neu erfinden?“ – Autor und Regisseur Jan Speckenbach über sein vielschichtiges Drama „Freiheit“ und die Chance, Schwierigkeiten auch mal in Vorteile zu verwandeln

Welches Bild von Nora (Johanna Wokalek) hat sie selbst von sich?
Foto: Film Kino Text

Freiheit ist ein großes Wort. Wer ­darüber einen Film macht, muss aufpassen, dass kein verfilmter Traktat daraus wird. Jan Speckenbach beginnt mit einer kleinen Geschichte. Eine Frau ist der letzte Fahrgast in einem Bus an einer Endhaltestelle. Sie will nicht aussteigen, lieber noch einmal eine Runde mitfahren. Achselzuckend lässt der Fahrer sie gewähren. Die Frau wird Zeugin eines Überfalls. Dem Chauffeur wird die Barkasse geraubt. Er ist außer sich, und sein Zorn steigert sich noch, als die Frau jetzt einfach davon geht. Sie will nichts mit der Sache zu tun haben. Sie entzieht sich ihrer Verantwortung als Zeugin. In diesem Moment blendet Jan Speckenbach in dicken Lettern den Titel seines Films ein: „FREIHEIT“.

Die Frau heißt Nora, und ihre Geschichte zeigt, dass Freiheit ein radikales Konzept ist. Darum vor allem ging es Jan Speckenbach, den dieser Stoff zehn Jahre begleitet hat, der dazwischen seinen ersten Spielfilm „Die Vermissten“ gemacht hat, der seine Kinder größer werden sah, und der sich dabei die ganze Zeit immer wieder mit einer Frau beschäftigte, die alles hinter sich lässt.

„Am Anfang stand eher noch eine Idee von Verschwinden. Kann man sich völlig neu erfinden? Ist das eher ein Versprechen oder eine Drohung?“ Speckenbach hat für das Interview ein Cafe am Wasserturm im Prenzlauer Berg vorgeschlagen, also in etwa die Welt, aus der Nora eines Tages verschwindet. „Freiheit“ ist ein Film, der an drei Orten spielt: in Berlin, wo Philip (Hans-Jochen Wagner) mit den beiden Kindern das Leben weiterlebt, in dem Nora nun fehlt; Wien, wo wir Nora zuerst sehen; und dann vor allem Bratislava in der Slowakei, wo Nora schließlich untertaucht.

Raus aus dem Sprachraum

„Erst dachte ich, dass Nora nach Wien gehen könnte. Aber dann wurde schnell klar, dass das nicht reicht. Sie muss auch ihren Sprachraum verlassen, sie muss tatsächlich in eine Fremde. Und da stieß ich dann auf diese Stadt, die nur eine Stunde von Wien entfernt ist, die sich als echte Entdeckung erwies. Eine Stadt, aus der alle immer noch weggehen wollen, wie mir jemand dort einmal sagte. Und dort kommt nun eine mysteriöse Frau hin.“

Häufig werden in deutschsprachigen Filmen die Drehorte nach der Filmförderung ausgesucht. In diesem Fall war das nicht so, darauf beharrt Jan Speckenbach, der von „Freiheit“ auch eine spannende Produktionsgeschichte zu erzählen hat. Denn das Projekt hatte es nicht leicht, hat aber aus diesen Herausforderungen eine Menge gemacht. „Wir sollten zuerst einmal so eine Art Teaser machen, ­haben uns dann aber entschlossen, dabei gleich ernst zu machen. Und so haben wir 2014 in Berlin den ersten Teil gedreht, in dem die Familie beisammen ist. Johanna Wokalek und Hans-Jochen Wagner haben sich sehr darauf eingelassen, sie haben in etwas Ungewisses investiert. 2015 haben wir dann den Teil mit Nora gedreht, und 2016 den mit Philip und den Kindern in Berlin. Normalerweise hat man als Filmemacher das Gefühl, dass die Zeit gegen einen arbeitet. Hier war es umgekehrt.“

„Nora probiert etwas, das nur scheitern kann.“ – Jan Speckenbach

In gewisser Weise hat Speckenbach mit ­seinem Film selber eine Erfahrung von Freiheit gemacht. Er hat Schwierigkeiten (geringes ­Budget, lange Drehzeit, kleine Teams) in ­Vorteile verwandelt und damit an einen zentralen Aspekt von Freiheit gerührt: „Wir haben ­Vorteile aus Nachteilen gezogen, wir haben auch ein bisschen was von den Paradoxien begriffen, die zur Freiheit gehören. Film ist ein so aufwändiges Medium, dass man manchmal beim Drehen nur noch den ­eigenen Vorgaben hinterherarbeitet. Hier gab es die Möglichkeit, ein bisschen Chaos zu streuen.“ Auf Nora bezogen hat das Chaos beinahe etwas Experimentelles. „Sie probiert etwas“, kommt Jan Speckenbach noch einmal auf die Paradoxien zurück, „das nur scheitern kann. Wenn es ihr gelingt, sich wirklich hinter sich zu lassen, dann wäre sie konsequenterweise nicht mehr sie selbst. Zum Menschen macht uns schließlich die Erinnerung – und das Leben, das wir geführt haben.“

Hochmut und Utopie

Nora lässt das Leben, das sie geführt hat, hinter sich. Philip arrangiert sich, er verändert sich auch, er wird sogar, deutet Speckenbach an, zu einem anderen Mann, zu jemandem, den Nora vielleicht nicht mehr verlassen würde – der er aber nur werden konnte, weil sie ihn verlassen hat. Zu den großen Qualitäten von „Freiheit“ zählt es, dass Speckenbach in der Lage ist, nicht bloß eine Geschichte über moderne Individua­lität zu erzählen, sondern dass er sie mit ­Motiven aus älteren Erzählungen grundiert. „Freiheit“ ist auch ein Film über Verwandlungen (Metamorphosen), über eine Wirklichkeit, die auch Märchen („Brüderchen und Schwesterchen“) und Mythologie in sich begreift.

Besonders deutlich wird dies in der großartigen Schlussszene, die man nicht zu eindeutig lesen sollte. Hier taucht ein Bild wieder auf, das Nora zu Beginn in Wien entdeckt, das aber auch die meisten Kinobesucher schon gesehen haben werden: der Turmbau zu Babel in der Version von Pieter Bruegel. „Wir hatten das in Wien in einer Szene gedreht, und später kam es im richtigen Moment in mir wieder zu Bewusstsein. Ein Bild, das von Hochmut erzählt, aber auch von einer Utopie.“ Nora verwandelt sich am Ende noch einmal radikal. Freiheit ist ein großes Wort, und „Freiheit“ nimmt dieses Wort auf eine gute Weise radikal ernst.

Freiheit D/SWK 2017, 100 Min., R: Jan Speckenbach, D: Johanna Wokalek, Jans-Jochen Wagner, Inga Birkenfeld, Andrea Szabová, Start: 8.2.

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